Zum Hauptinhalt springen

Zukunft träumen für unsere Zeit

Margaret Atwood erhält den Friedenspreis des Buchhandels.

In der Begründung zur Auszeichnung heisst es, Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägten ihre Haltung: Margaret Atwoods. Foto: Keystone
In der Begründung zur Auszeichnung heisst es, Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägten ihre Haltung: Margaret Atwoods. Foto: Keystone

«Sagt es den Versicherungsgesellschaften: Lasst die Kohle fallen!» – fordert die kanadische Romancière, Essayistin und Dichterin Margaret Atwood in einem ihrer jüngsten Tweets und hängt gleich den Link zur internationalen Protestliste an. Die engagierte Naturschützerin hat über anderthalb Millionen Follower, und sie nutzt ihren Einfluss für die gute Sache.

Selbige war bei ihr immer schon mehr als die spannende Sci-Fi-Story. So ist beispielsweise im dystopischen Roman «Der Report der Magd» aus dem Jahr 1985 – der 1990 von Volker Schlöndorff verfilmt wurde – die Welt nach etlichen Nuklearkatastrophen mit ihrem totalitären Überwachungsstaat durchaus erkennbar mit unserer Realität verwandt. Auch die krasse Ausprägung von Sexismus und Patriarchat in ebendieser Welt hat nichts Ausserplanetarisches.

Sie bleibt bescheiden

Die Autorin selbst spricht hier gern von ihrer «Speculative Fiction», die, wie bei Jules Verne, in der Gegenwart wurzle und nicht in abgedrehten Phantasmen. Auch ihre Endzeittrilogie «Oryx und Crake» (2003), «Das Jahr der Flut» (2009) und «Die Geschichte von Zeb» (2013) geht von sehr heutigen Fragestellungen aus, um die Chose dann nur ein kleines bisschen weiterzudrehen – um jenes entscheidende Etwas allerdings, das den Leser nicht mehr loslässt, wenn er sich einmal eingelassen hat auf Atwoods apokalyptische Anderswelt. Da kopulieren etwa genmanipulierte friedliche Halbmenschen mit jungen Frauen, Katastrophenüberlebenden, und keiner weiss, ob das am Ende die eigentliche Katastrophe sein wird. Sie recherchiere stets den aktuellen naturwissenschaftlichen Stand, sagt die 77-Jährige, die als Tochter von Insektenforschern in der kanadischen Wildnis aufwuchs – ohne Fernsehen, ohne Radio, ohne Schule. Sie hatte ihrerseits Naturwissenschaftlerin werden wollen, habe es aber nur zur aktiven Grünen gebracht, spottet sie bei einem Treffen.

Indem sie die menschlichen Widersprüchlichkeiten genau beobachte, entlarve sie, wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen könne.

Und, was sie unterschlägt – zur vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin (sie erhielt den Booker-, den Prinz-von-Asturien- und den Nelly-Sachs-Preis, um nur drei zu nennen). Jetzt hat der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels der Kult-Kassandra mit dem zupackenden Pragmatismus den mit 25 000 Euro dotierten Friedenspreis 2017 zuerkannt.

In der Begründung heisst es, die Schriftstellerin zeige «in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen». Indem sie die menschlichen Widersprüchlichkeiten genau beobachte, entlarve sie, wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen könne. «Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Haltung Margaret Atwoods – durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammen­leben schuldig sind.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch