Zurück zur Nobel-Reputation

Die Wahl der Literatur-Nobelpreisträger zeigt: Die moralisch diskreditierte Jury ist auf dem richtigen Weg.

Olga Tokarczuk und Peter Handke erhielten den Literaturnobelpreis. Foto: Reuters

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Zwei Nobelpreise auf einmal: Das verlangte nach einer Gleichung, einer Balance. Mann plus Frau. Hier die Welt der ehemaligen Kolonialmächte, dort die Welt der Kolonisierten. Ein Etablierter, eine Exotin. Und so weiter.

Oder, ganz anders: ein klares Statement in einer Richtung, multipliziert mal zwei. Zwei Frauen. Zwei aus Afrika oder der Karibik. Zwei politisch Missliebige. Die Spekulationen – und die Forderungen – schossen ins Kraut, auch weil die Vergabegremien neu, ihre Entscheidungen schwer auszurechnen waren.

Das Nobelkomitee, das vorsortiert und vorentscheidet, hatte mit fünf Experten (gegen vier Altmitglieder der Akademie) eine «fremde» Mehrheit, die Akademie selbst, die letztlich die Entscheidung verantwortet, nach dem Skandaljahr 2018 etliche neue Mitglieder aufgenommen. Dass man das moralisch vollkommen diskreditierte Gremium besser ganz aufgelöst und neu begründet hätte, diese Position – die auch diese Zeitung vertreten hat – ist zwar immer noch vernünftig, aber von der Realität überholt und deshalb müssig. Ebenso die, den Preis aus dem Skandaljahr ausfallen zu lassen, um ein Zeichen zu setzen.

Die Liste der Übergangenen glänzt mit jeder Menge illustrer Namen.

«Et es, wie et es», sagt man in meiner rheinischen Heimat. Komitee und Akademie haben den allseits geäusserten Erwartungen nicht entsprochen. Deshalb haben sich, neben breiter Zustimmung zu den beiden Preisträgern selbst, auch kritische Stimmen zu Wort gemeldet. Die grosse weite Welt, in der fantastische Literatur – im doppelten Wortsinn – entsteht, sei abermals düpiert worden. Dafür Europa, jener Kontinent, der ohnehin die Preisstatistik dominiere, erneut ausgezeichnet und gleich zweimal!

Zugegeben – Preisträger wie Ngugi Wa Thiong’o aus Kenia, die Chinesen Yan Lianke und Ma Jian oder Maryse Condé aus der Karibik kann man sich sehr gut vorstellen. Aber die Liste der Übergangenen glänzt in der Vergangenheit ohnehin mit jeder Menge illustrer Namen, von Proust über Kafka, Joyce und Brecht bis zu Philip Roth. Überhaupt gibt es ja weitaus mehr Autoren und Autorinnen, die die Auszeichnung verdient hätten, als tatsächlich vergebene Nobelpreise, eben jedes Jahr nur einen.

Nur halt diesmal zwei, was das erwähnte Gleichungskalkulieren in Gang gesetzt hat. Aber darin äussert sich ein Denken in Proporzkategorien, das mit Literatur nichts zu tun hat. Zugespitzt: Wie viele Jahre müsste man den Preis ausschliesslich Frauen, wie viele Jahre ausschliesslich Literatur aus der «Dritten Welt» geben, damit die Statistik ausgeglichen ist, also die prozentuale Verteilung der besten Autoren jener der Weltbevölkerung entspricht?

Weitgehend frei von Altlasten

Das Nobelkomitee und die Akademie haben sich auf Derartiges nicht eingelassen. Vielleicht auch, weil unter ihnen so viele neue (und auch junge) Experten sitzen, konnten sie weitgehend frei von Altlasten, aber auch von Wiedergutmachungswünschen zwei Einzelentscheidungen treffen, die in kein Schema und kein Cluster passen. Schon gar in keines der Political Correctness. Peter Handke ist auch für viele Literaturfreunde ein rotes Tuch, bei Olga Tokarczuk wiederum freut es viele, dass sie genau das für die polnische Regierung ist.

Die Schwedische Akademie hat zwei grosse Einzelne ausgezeichnet, die das schreiben, was ihnen keiner nachmachen kann: ihre ganz eigene, einzigartige Literatur. Dafür ist dieser Preis gedacht. Und so wirken die Preisträger wiederum auf die Jury zurück: Mit dieser Wahl hat das schwer beschädigte Gremium ein gutes Wegstück zur Wiederherstellung seiner Reputation zurückgelegt.

Erstellt: 11.10.2019, 15:30 Uhr

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