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Zwei Affen, eine meisterhafte Kopie und eine grosse Liebe

Der neue Roman von Silvio Blatter dreht sich um ein faszinierendes Tiergemälde von Pieter Bruegel.

Die «Zwei Affen» sind ein rätselhaftes, ein vieldeutiges Kunstwerk. Man kann he­rausfinden, was der Maler damals, 1562, dem Geist der Zeit entsprechend damit sa­gen wollte: dass der Mensch an seine tieri­sche Natur gekettet bleibe, solange er sich nicht durch die Annahme des Christen­tums auch in seinem Wesen verwandle. Man kann aber auch seinen ganz persönli­chen Zugang zu dem Bild finden, es gewis­sermassen zu «seinem» machen.

Das haben Martin Holm, 47 Jahre alt, Spezialist für Schliessanlagen aus Amster­dam, und Lore Spescha, 30 Jahre, Künstle­rin aus Zürich, beide auf ihre Weise getan, als sie sich an einem Tag im Jahr 1976 in der Gemäldegalerie in Berlin-Dahlem tref­fen. Zuerst als Konkurrenten: Lore kopiert das Bild, Holm stört ihre Anwesenheit bei Betrachtung und Versenkung.

Bildertausch im Museum

Aber bald kommen sie miteinander aus, freunden sich an, werden ein Liebespaar. Holm kauft die fertige Kopie für eine hor­rende Summe; Lore macht sich daran, die «Zwei Affen» noch einmal zu malen: dies­mal auf 400 Jahre altem Eichenholz, mit genau den Farben und Techniken, die Bruegel verwendete. Das Ergebnis ist ein Bild, das vom Original auch mit dem Auge des Fachmannes nicht mehr zu unter­scheiden ist. Ist es dann überhaupt noch eine Kopie? Wenn es dem Original in jeder Beziehung ebenbürtig ist, was macht dann noch den Unterschied aus? Offenbar muss es da doch noch etwas geben, denn Martin Holm tauscht das Eben­mit dem Vorbild aus, «sein» Bild gelangt auch wirklich in seinen Besitz. Nur Lore Spescha be­merkt es; sie versucht, den Bilderdieb zur Korrektur seiner Tat zu bewegen.

Eine spannende Kon­stellation ist das, die Silvio Blatter in seinem neuen Roman entworfen hat. Zwei Menschen, die sich über ein Bild finden, das in beider Kindheit eine Rolle gespielt hat (Martin Holm hat es 1945 als 16-Jähriger bei der Flucht durch einen Bergwerksstol­len in einer Kiste gefunden, wo es eingelagert war; Lore lernte es zuerst als Puzzle kennen). Sie inspiriert den Autor zu feinen Beobachtungen und klugen Bemerkungen. Aber wie bei manchen Bildern sind auch hier Konzeption und Kon­struktion der Ausführung überlegen. Die Krux bei diesem Roman ist die Überausführlichkeit. Der Leser ist nämlich weit we­niger begriffsstutzig, als mancher Autor annimmt, und Mephistos Spruch «Du musst es dreimal sa­gen» ist kein gutes Motto für Romanciers.

Auch Blatters Sprache macht nicht restlos glücklich. Sie ist manchmal hochtrabend («Fast magisch war ihre Fähigkeit, das Wesen der Dinge zu fassen»), dann wieder umständlich («Wenn eine Frau ihm den Kopf ver- drehte, was Lore doch im Begriff war zu tun, hielt er es für seine Sache, den ersten Schritt zu tun») oder treuherzig («gut, dass Martin ihr angeboten hatte, sie vom Bahnhof abzuholen»), manchmal nähert sie sich gar einem Lore-Kioskroman («Lore wusste, dass die Zeit reif war, ih­rem Herzen einen Stoss zu geben»). Im­mer wieder rutscht sie im Register nach unten ab: «Die Premiere ging in die Hose» oder «er hatte zehn Jahre für die Katz auf­gepasst». Insgesamt macht der Roman keinen souveränen Eindruck. Immerhin wird den Leser am Ende die Frage beschäftigen: Was hängt denn nun in der Gemäldegale­rie, die inzwischen ans Kulturforum um­gezogen ist, Bruegel oder Lore Spescha? Die Frage allein ist schon eine Reise wert.

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