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Zwei «Aussätzige» suchen einen verschwundenen Teenager

Krimi der Woche: In «Missing Boy» liefert die australische Autorin Candice Fox gute Unterhaltung mit einem schrägen Ermittlerduo.

Candice Fox begann schon als Teenager zu schreiben. Heute hat sie sich als Krimiautorin etabliert. Foto: John Heweston (Suhrkamp)
Candice Fox begann schon als Teenager zu schreiben. Heute hat sie sich als Krimiautorin etabliert. Foto: John Heweston (Suhrkamp)

Der erste Satz

Um Mitternacht ging die Post erst richtig ab.

Das Buch

Es ist schon ein paar Jahre her, seit Ted Conkaffey, damals Detective bei der Drogenfahndung, beschuldigt worden war, ein Mädchen missbraucht zu haben. Es ist zwar längst klar, dass er nicht der Täter war. Doch in der Zwischenzeit hat er seinen Job verloren und seine Familie. Er hat sich dann in ein abgelegenes Kaff in der Region von Cairns im Norden Australiens zurückgezogen. Zusammen mit der exzentrischen Amanda Pharrell, die wegen Mordes im Gefängnis gesessen hatte, arbeitet er dort als privater Ermittler.

«Missing Boy» ist der dritte Roman von Candice Fox mit Conkaffey. Die Fenster an der Vorderseite seines Hauses, das er mit einem Hund und einem halben Dutzend Gänsen teilt, sind immer noch mit Brettern vernagelt, weil ihm sonst die Scheiben eingeschlagen werden. Zum ersten Mal hat ihm seine Ex die gemeinsame kleine Tochter für eine Woche überlassen, und ausgerechnet da wird er zu einer polizeilichen Ermittlung beigezogen: In einem Hotel in Cairns ist ein Junge aus einer Gruppe von Teenager-Buben, die den Abend gemeinsam in einem Zimmer verbrachten, während ihre Eltern beim Nachtessen waren, auf rätselhafte Weise verschwunden.

Der Fall ist zwar durchaus interessant, doch viel mehr als davon lebt der Roman vom aussergewöhnlichen Ermittlerduo Conkaffey und Pharrell, das sozusagen gegen den Rest der Welt ankämpft. Amanda, die als Mörderin eine Gefängnisstrafe abgesessen hat, wird von Polizisten erst recht offen angefeindet, seitdem eine Polizistin ums Leben gekommen ist, die ihr helfen wollte. Doch sie nimmt die Meinung anderer über sich ziemlich gelassen. Sie witzelt sogar darüber und provoziert andere schon mal absichtlich.

Conkaffey dagegen leidet unter der Ablehnung, die er für ungerecht und ungerechtfertigt hält. Er erlebt, obwohl er beim aktuellen Fall mit der Polizei zusammenarbeitet, noch täglich nicht nur Misstrauen, sondern auch offene Ablehnung und wird, selbst von Polizisten, als Kinderschänder bezeichnet. Er und seine Mitstreiterin seien für die Bürger «Aussätzige, die man stets im Auge behalten musste», stellt Conkaffey als Icherzähler einmal fest: «Man musste sich eben damit abfinden, dass es nie mehr so sein würde wie vorher. So ist das Leben eben. Wir mussten akzeptieren und sogar damit rechnen, dass manche Mitmenschen uns vorübergehend oder auch für immer hassten.»

Aussergewöhnliche Protagonisten sind ein Steckenpferd der 34-jährigen australischen Autorin. Das zeigte sich schon in der spektakulären «Hades»-Trilogie um die sehr spezielle Polizistin Eden Archer, mit der Candice Fox vor erst gut fünf Jahren ihre Karriere fulminant startete. Neben diesen drei Romanen sowie den drei der «Crimson Lake»-Reihe mit Conkaffey haute die Vielschreiberin auch vier Bücher als Co-Autorin von James Patterson für dessen Krimifabrik raus. Alle ihre Bücher zeigen, dass Fox das Krimihandwerk virtuos beherrscht. Und auch wenn die Conkaffey-Romane wie jetzt aktuell «Missing Boy» inhaltlich nicht die Brillanz der «Hades»-Trilogie erreichen, sind sie zumindest höchst unterhaltsam.

Die Wertung

Die Autorin

Candice Fox, geboren 1985 in Bankstown, einer Vorstadt von Sidney, wuchs in einer eher exzentrischen Grossfamilie auf. Schon als Teenager begann sie zu schreiben. Zwischen Schule und Studium war sie kurz in der Royal Australian Navy. Bevor ihr erster Roman von einem Verlag angenommen wurde, habe sie rund 200 Absagen erhalten, erzählte sie in Interviews. «Hades», der erste Band einer Trilogie, erschien 2014 und wurde als bestes australisches Krimidebüt mit dem bedeutenden Ned Kelly Award ausgezeichnet.

Die drei Romane – «Hades», «Eden», «Fall» – sind unter den Originaltiteln auch auf Deutsch erschienen (Suhrkamp). Fox hat auch vier Romane als Co-Autorin des amerikanischen Bestsellerproduzenten James Patterson, der mit einer ganzen Reihe von Autoren zusammenarbeitet, geschrieben. «Missing Boy» ist nach «Crimson Lake» und «Redemption Point» der dritte Roman der Crimson-Lake-Reihe mit Ted Conkaffey und Amanda Pharrell.

Candice Fox: «Missing Boy» (Original: «Gone by Midnight», Random House Australia, Melbourne 2019). Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Suhrkamp, Berlin 2019. 377 S., ca. 24 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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