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Zwischen «Bravo» und Literaturlexikon

Er war einer der letzten grossen Verleger: Helmut Kindler ist vergangenen Montag in Küsnacht gestorben. Er wurde 95 Jahre alt.

Eigentlich wollte er Regisseur werden. Ein Stück, das wie sein eigenes Leben war, hätte ihm niemand schreiben können: zu unwahrscheinlich all das, was er bewegte und leistete und was ihm widerfuhr. Viel zuviel auch für eine Spalte Nachruf. Helmut Kindler, gebürtiger Berliner, ging mit 16 vom Gymnasium ab, allzu verlockend war das Kulturleben der Reichshauptstadt in jenen Jahren. Er war Schauspieler und Regieassistent, ehe er zum Journalismus wechselte, was im «Dritten Reich» nicht unproblematisch war. Im Feuilleton zog das Regime allerdings die Schrauben etwas langsamer an, und so konnte er im «Berliner Tagblatt» und der «Frankfurter Zeitung» halbwegs so schreiben, wie er wollte. Dann wurde er, noch immer blutjung, Chefredaktor der «Erika», der «frohen Zeitung für Front und Heimat».

Geheimes Waffenlager

In jener Zeit führt er ein Doppelleben, denn er nahm auch in Aktivitäten des Widerstands teil; in Warschau unterhielt er ein geheimes Waffenlager des polnischen Untergrundes. 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet und kam nach anderthalb Jahren Gefängnis vor den Volksgerichtshof, die Anklagepunkte lauteten «Hochverrat, Feindbegünstigung, Wehrkraftzersetzung». Eigentlich ein dreifaches Todesurteil – aber Kindler kam mit Glück und einem geschickten Anwalt aus «Mangel an Beweisen» frei. «Wer so etwas überstanden hat», sagte er mir bei einem Besuch im Jahr 2004, «den wirft so leicht nichts mehr um.»

Nach 1945 startete er eine fulminante Karriere. Er war beteiligt bei der Gründung der «Berliner Zeitung» wie des «Tagesspiegels», den er verliess, als er eine Verlegerlizenz erhielt. Fortan tummelte er sich im Reich der bunten Blätter, gründete die Frauenzeitschrift «Sie», die Illustrierte «Revue», die Jugendzeitschrift «Bravo». Auch wenn ihn missgünstige Kollegen «Illustriertenverleger» hiessen, so leistete sich Kindler eine unrentable Kulturzeitschrift und gab von Anfang an Bücher heraus. 1947 erschien «Verboten und verbrannt» , eine Anthologie mit Emigrantenliteratur. Später verlegt er die Sauerbruch-Memoiren, Leon Uris’ Weltbestseller «Exodu», Sebastian Haffners «Anmerkungen zu Hitler», Biografien und Autobiografien von Adenauer und Willy Brandt, aber auch Fritz Zorns Kultbuch «Mars».

Reich geworden

Kindler wurde schwerreich (Fritz J. Raddatz mokiert sich in seinen Erinnerungen, bei allem Respekt, über seine Cadillacs), aber Geld interessierte ihn nur, wenn er es in neue Projekte investieren konnte. Etwa in vielbändige Lexika – «Kindlers Literaturlexikon», noch heute ein Standardwerk, oder «Grzimeks Tierleben». Er war ein Meister der Quersubvention, der Gedanke an «Profit center», die Jagd nach Rekordrenditen lag ihm fern. «Ich hatte immer Schulden, in Millionenhöhe», sagte er im Rückblick; aber er hatte auch immer Ideen, die zündeten und wieder frisches Geld einbrachten. Zuletzt lebte er viele Jahre in Küsnacht, ein Mann mit viel Charme, der aber auch im Alter Autorität ausstrahlte und mit versonnener Zufriedenheit auf das Geleistete zurück blickte.

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