Zwischen Burn-out und Prekariat

Wie gehts den Jungen? Nicht so gut, lässt das «Millennial-Manifest» von Bianca Jankovska vermuten.

Scharfsinnige Beobachterin: Autorin Jankovska.

Scharfsinnige Beobachterin: Autorin Jankovska. Bild: Melanie Ziggel

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Man könnte dieses Büchlein mit leichtem Finger wegschieben. So, als seis ein Tab mit einem dummen Meme. Darauf hinweisen, dass es so was wie eine «Generation X» oder «Y» gar nicht gäbe. Erklären, dass niemand für ganze Jahrgänge sprechen könne. Festhalten, dass die junge Frau halt besser was Richtiges gelernt hätte. Dann müsste sie nicht rumzetern.

Diese Einwände sind nicht ganz falsch. Aber noch weniger sind sie richtig. Und sie ändern nichts an der Dringlichkeit von Bianca Jankovskas «Millennial-Manifest», das nicht wirklich ein Manifest ist, denn alles Programmatische oder Diktierende geht dem Buch ab. Viel eher es ist eine als Anklageschrift verpackte Autobiografie. In ihr spiegeln sich die Nöte der Jugend, die viele Soziologen bereits analysiert und belegt haben. Wirtschaftliche Unsicherheit und Social-Media-Irrsinn, unverbindliches Sozialleben und politische Desorientierung.

Jankovska wurde 1991 geboren. Gorbatschow hatte den totalitären Kommunismus eingeschläfert, Banker feierten eine Deregulierungs-Orgie, und die Sozialdemokraten machten sich auf den Dritten Weg, ein altes tibetanisches Demutsritual imitierend: Kriechgang, bestehend aus Kniefällen vor der jetzt allein herschenden Marktwirtschaft. Während Jankovskas Schulzeit ereigneten sich gleich zwei Epochenbrüche, der 11. September und die Finanzkrise 2008. Wirtschaft und Politik wurden prekärer, also das Leben.

Videos googeln

Bianca wer? Generationengenossinnen würden vielleicht ein Gif posten, das einen Hollywood-Schauspieler beim langsamen Aufklappen des Munds zeigt. «Say whaaat?!»

27 Jahre, Wienerin, hat Politologie studiert, interessiert sich für Neues, kann pfiffig schreiben. Das hätte früher – also vor 1989 – für eine Redaktorenstelle mit gutbürgerlichem Salär gereicht. Oder für eine todsichere Stelle in irgendeinem Bundesamt. Heute reicht es knapp für einen wackligen Job bei einem hibbeligen Online-Portal. Man kann «Das Millennial-Manifest» auch als Dokument zur Mediengeschichte lesen: Wäre die Autorin Anfang der 90er erwachsen geworden, hätte sie vielleicht wochenlang an einer Reportage in einem Krisengebiet gearbeitet. Oder tagelang an einem klugen Essay. Stattdessen googelt sie lustige Videos.

«Schon bald, es muss zwischen Monat drei und vier passiert sein, ging mir die Puste im 24/7-Nachrichtenrhythmus aus. Die tägliche Arbeit am Schreibtisch erinnerte mehr an einen Job am Fliessband denn an einen kreativen Brotberuf (...) Den Spielraum für aufwendigere Stücke mit Relevanz musste ich mir als Redakteurin selbst schaffen, ‹nebenbei› sozusagen, wenn der Kleinkram erledigt war.»

Dass etablierte Zeitungen und TV-Stationen heute mit verwundertem Staunen oder ethnologischem Blick auf die Unter-30-Jährigen schauen (dieser Text hier ist da keine Ausnahme), hat einen einfachen Grund. Für die Jungen, die es besser wüssten, gibt es kaum noch Stellen. Prekär geht es aber natürlich nicht nur in dieser einen Branche zu. Stichwort flexibilisierte Arbeitsverhältnisse, Stichwort «Generation Praktikum».

Gier nach Anerkennung

Die 90er- und 00er-Jahrgänge sind Probanden eines gigantischen Feldversuch, den die Techies vom Silicon Valley angezettelt haben. Es ist nicht abzusehen, was das ständige Onlinedasein, das Flirren der Likes, die sich jagenden Posts und Replys und der hartherzige «Hot or Not»-Algorithmus der Dating-Apps mit jungen Seelen und Hirnen anstellt.

Bianca Jankovska hat ihr persönliches Fazit bereits gezogen. Für sie ist Social Media «digitaler Krebs». Jankovska deckt im Buch ihre eigene Social-Media-Krankengeschichte ganz und gar unsentimental auf. Die Gier nach der schnellen Anerkennung habe sich zu tief in sie eingegraben, als dass sie noch davon loskäme, glaubt Jankovska. Der Titel eines Kapitels, «Hallo, kann irgendjemand bitte dieses Social Media abdrehen?», ist blosses Wunschdenken. Andernorts schreibt sie:

«Ich habe jegliche Grenze zwischen privat und beruflich auf meinem Weg zur Professionalisierung verloren. Ich habe mich verloren. Möchte ich nahbar sein für Fremde, oder möchte ich meine Ruhe?»

In einem Kapitel erzählt Jankovska, wie sie allein auf Reise geht. Unbehelligt von Vorlieben und Wünschen anderer möchte sie sich die Dinge anschauen – um irgendwann in Polen von der Panik gepackt zu werden, den nächstbesten Zug zu nehmen und in die Stadt zurückzureisen, wo sie Leute kennt.

Detail- statt Systemkritik

Bianca Jankovska und die Ihren sind absorbiert. Hobbys sind Zeitfresser, Beziehungen fallen schwer, Streiten macht müde. Heftige Generationenkonflikte, wie sie viele 68er mit ihren Eltern ausgetragen haben, sind heute nicht zu erwarten. Einmal abgesehen vom Zwist mit dem nervigen Onkel, der Jankovska bei der Familienfeier auffordert, ein bisschen häufiger zu lächeln.

Wäre ihr Generation eine eminent politische, müsste das aufblitzen im Text dieser scharfsinnigen Beobachterin. Tut es aber nicht. Politik ist die grosse Leerstelle in ihrem Buch. Parteien, Wahlen und Abstimmungen kommen fast gar nicht vor. Ebenso wenig Theorien oder Ideen, die die Zuständen grundsätzlich reflektieren. In einer Zeit, in der eine Renaissance des Faschismus möglich geworden ist, gleichen allzu viele Millennials eifrigen Erdmännchen, die die Schlange nicht bemerken, die sich allmählich anschleicht.

Umso heftiger ist die Detailkritik der Lebens- und Jobwelt. In Kapiteln wie «Kannst du bitten dein MacBook mitbringen? (Nein)» beschreibt Jankovska, wie sich ihre Arbeit prekarisiert. Das Hinhalten mit befristeten Verträgen. Die Whatsapp-Gruppe, mit der ihr Chef krakenhaft in den Feierabend der Mitarbeiter eingreift und diese zu später Arbeit mobilisiert. Oder eben der Heimcomputer, den man bitteschön zur Arbeit mitbringen soll. Und an die Wochenenden kann Jankovska sich oft nicht mehr recht erinnern – «weil sie im Grunde aus zwei Dingen bestehen: Putzen und dem Lebensmitteleinkauf bei Lidl.»

«Das Millennial-Manifest» ist rotzig und spektakulär unfröhlich. Ein Reality-Check, der die gepützelte Fassade der Instagram-Welt krachend durchbricht.

Erstellt: 25.01.2019, 21:12 Uhr

Bianca Jankovska: Das Millenial-Manifest. Rowohlt-Verlag, Reinbeck 2018. 235 Seiten, ca. 17 Franken.

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