So war es, mit dem prominenten Arzt des Hitler-Regimes zu arbeiten

Nazigegner oder Hitler-Anhänger? Was die Notizen eines Kollegen über Ferdinand Sauerbruch verraten.

Ferdinand Sauerbruch (l.) und Adolphe Jung hatten grossen Respekt voreinander. Foto: Medizinhistorisches Institut der Charité

Ferdinand Sauerbruch (l.) und Adolphe Jung hatten grossen Respekt voreinander. Foto: Medizinhistorisches Institut der Charité

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Zehn Soldaten der deutschen Wehrmacht springen aus dem Gebüsch, das die Landstrasse säumt. Mit ihren Gewehren machen sie dem Fahrer und seinen Begleitern deutlich, den Wagen schleunigst anzuhalten. «Aussteigen, Ausweise her, wir werden alles durchsuchen», ruft einer der Soldaten. Es ist der Moment, den Adolphe Jung seit Monaten fürchtet: Sie sind aufgeflogen. Was würde mit ihm, mit seiner Familie geschehen? In seiner Tasche befinden sich vier geheime Dokumente aus dem NS-Aussenministerium und ein Bericht für die französische Résistance, mit Informationen für die Alliierten im Kampf gegen das verhasste Hitler-Regime. Jung wollte die Dokumente mit seinen Begleitern in die Schweiz bringen.

Dorthin waren sie unterwegs im Sommer 1944, um den grossen Physiker Max Planck zu operieren. Er, der elsässische Chirurg Adolphe Jung, und der deutsche Kollege Ferdinand Sauerbruch. Was für ein Gespann! Jung, vom Naziregime an die Charité in Berlin zwangsversetzt. Sauerbruch, der prominente Mediziner des Deutschen Reichs. Doch die Reisegruppe kommt unbehelligt davon. Ein Wehrmachtsoffizier erkennt Sauerbruch, der Wagen darf weiterfahren. Welche Angst! Welche Erleichterung!

Diese Szenen dokumentierte der elsässische Chirurg Adolphe Jung in seinen Aufzeichnungen aus jener Zeit, die nun als Buch auf Deutsch erschienen sind. Er beschreibt darin, wie er den Alltag mit Sauerbruch an der Charité erlebte, und auch, wie der deutsche Mediziner in den letzten Kriegsjahren unter dem NS-Regime agierte.

Jungs Notizen erlauben einen neuen Blick auf Sauerbruch, den manche als Anhänger der Nationalsozialisten verurteilen, andere als Widerständler vergöttern. Schon die Drehbuchautorinnen der ARD-Fernsehserie «Charité» nahmen die Beobachtungen Jungs auf, als sie in der zweiten Staffel über Sauerbruch berichteten. Fast untrennbar scheinen die Schicksale der beiden Ärzte miteinander verwoben zu sein.

Das tägliche Abwägen

Was also geschah damals an der Charité? Das Buch mit Jungs Notizen lässt ein Bild mit Schattierungen entstehen. «Unter dem NS-Regime gab es nicht nur die grossen Entscheidungen, im Gegenteil», sagt Susanne Michl, Medizinhistorikerin an der Charité, die mit zwei Kollegen Jungs Aufzeichnungen als Buch herausgebracht hat. Menschen, die sich Gedanken machten um das, was um sie herum geschah, mussten fast täglich abwägen: Fahre ich normal zur Arbeit, wenn in der Nebenstrasse jüdische Läden geplündert werden? Zeige ich den Hitlergruss? Wie weit passe ich mich an? Wo ziehe ich meine Grenzen? Der Zwiespalt, die Angst, auch das ist in den Notizen festgehalten. Ähnlich wie sich kleine Wellen zu Wassermassen auftürmen können, entwickeln die minutiösen Darstellungen in ihrer Gesamtheit eine besondere Wucht. Darum hat sich Frank Jung, der Sohn von Adolphe Jung, dazu entschlossen, die Notizen seines Vaters als Buch zu veröffentlichen.

Was für ein Arzt aber war Sauerbruch? Ein ungewöhnlich talentierter Chirurg, einer, der überragend schnell operierte. An einem Vormittag schaffte er oft vier oder fünf Operationen. Während dieser Eingriffe ging er allerdings harsch mit den Kollegen um. Er duzte alle Assistenten, warf junge Mediziner aus dem OP-Saal oder entliess sie gleich fristlos. «Er herrschte über seine Assistenten, machte sie sich durch Macht, List und Wissen gefügig», schrieb Adolphe Jung. Sauerbruch konnte charmant sein, aber auch Karrieren anderer Kollegen zerstören. Selbst seine junge Ehefrau, ebenfalls Chirurgin, überhäufte er während der Operationen mit Grobheiten.

Sauerbruch konnte charmant sein, aber auch Karrieren anderer Kollegen zerstören.

Den Befehlston hatte Sauerbruch als junger Mediziner in Breslau gelernt, beim Chirurgen Johann von Mikulicz-Radecki. Militärisch streng ging es dort zu. Als Volontärsarzt musste sich Sauerbruch gleich einer schwierigen Aufgabe widmen: Er sollte Methoden erproben, um im Brustkorb zu operieren. Bis dahin hatten Chirurgen diese Eingriffe gescheut, weil die Lunge der Patienten sofort nach dem Schnitt in den Brustkorb kollabierte. Mit von aussen einströmender Luft fällt der im Spalt zwischen Brustwand und Lunge herrschende Unterdruck weg – und die Patienten drohen zu ersticken. Bald fiel Sauerbruch eine Lösung ein: eine Unterdruckkammer. In dem Block aus Eisenblech konnte der Chirurg unbesorgt in den Brustkorb der Patienten schneiden. Die Erkrankten wurden dabei künstlich beatmet, ihr Kopf ragte durch eine Öffnung aus der Kammer heraus.

Als Mediziner an seiner Klinik machte Sauerbruch keine Unterschiede zwischen seinen Patienten. Bis zum Kriegsende behandelte er Juden, obwohl das verboten war. Hingegen rief Sauerbruch 1933 in einem offenen Brief zur Unterstützung der NS-Politik auf. Als klarer Gegner der Krankenmorde traf er sich trotzdem regelmässig mit Max de Crinis, den Adolphe Jung in seinem Buch als Fanatiker beschreibt. Der Neurologe de Crinis beteiligte sich an der Vorbereitung und Durchführung des Euthanasie-Programms der Nazis.

In schwierigen Zeiten überleben

Sauerbruch hörte 1943 in einem Vortrag von den grausamen Experimenten an Häftlingen in den Konzentrationslagern, protestierte aber nicht dagegen. Und im Reichsforschungsrat war Sauerbruch für die Fachsparte Medizin verantwortlich, dort wurden unter anderem Experimente in Auschwitz bewilligt. Gleichzeitig war Claus Schenk von Stauffenberg, der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, ein enger Freund von Sauerbruchs Sohn. Sauerbruch selbst wusste von den Plänen der Widerstandskämpfer. Er wurde in der Folge des Attentats verhört, sein Sohn kurzzeitig verhaftet. Was ist davon zu halten? Sauerbruch habe versucht, in diesen schwierigen Zeiten zu überleben, verteidigt ihn Frank Jung. Und er habe einer langen Liste von Menschen geholfen. «Auch mein Vater steht auf dieser Liste», sagt der Franzose. «Die beiden Männer hatten grossen Respekt voreinander.»

Bis zum Kriegsende im Mai 1945 harrten sie in der Charité aus. Wie die Chirurgen die letzten Kriegswochen erlebten, schreibt Jung in seinen Notizen vom 1. Mai: «Wir wussten (...) nicht, dass die Reichskanzlei von den Russen eingenommen worden war und dass Hitler Selbstmord begangen hatte. Soll die Charité nun noch weiter verteidigt werden? (...) Wir fürchten russische Ver­geltungsmassnahmen. Kein Wasser. Das kann nicht mehr so weitergehen.»

Die Charité lag in Trümmern. Am 2. Mai besetzte die Rote Armee die Klinik. Jung machte sich auf den Weg in seine Heimat, Sauerbruch blieb in der Hauptstadt und wurde als Klinikleiter an der wiedereröffneten Berliner Universität bestätigt.

S. Michl / T. Beddies / C. Bonah (Hg.): «Zwangsversetzt – Vom Elsass an die Berliner Charité: Die Aufzeichnungendes Chirurgen Adolphe Jung, 1940–1945», Schwabe, Berlin, 2019, 221 S., ca. 32 Fr.

Erstellt: 26.06.2019, 09:19 Uhr

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