Zwischen Wüsten-Hühnerfarm und LA-Slums

Krimi der Woche: Mit Witz und Empathie erzählt Ivy Pochoda in ihrem kaleidoskopischen Thriller «Wonder Valley» bizarre und bewegende Geschichten.

Ivy Pochoda spielte bis 2007 professionell Squash und wurde für ihre Leistungen in die Harvard Hall of Fame aufgenommen.

Ivy Pochoda spielte bis 2007 professionell Squash und wurde für ihre Leistungen in die Harvard Hall of Fame aufgenommen. Bild: Justin Nowell

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Der erste Satz
Als Bild ist es schön – ein joggender Mann, über seiner einen Schulter die San Gabriel Mountains, über der anderen der Anstieg des Hollywood Freeway, der zum Bogen über den Pasadena Freeway ansetzt.

Das Buch
Mit einer Verfolgungsjagd der besonderer Art auf dem Highway 101 in Los Angeles während der morgendlichen Rushhour beginnt «Wonder Valley», der dritte Roman der US-Autorin Ivy Pochoda und ihr erster, der auf Deutsch vorliegt. In der Ferne hört man Sirenen, am Himmel das Knattern von Helikopterrotoren. Der Verkehr auf der 101 staut sich. Autofahrer filmen mit ihren Smartphones einen nackten Jogger, der zwischen den stehenden Autokolonnen rennt. Er ist immer noch unterwegs, als schon die ersten Filme in TV-News und im Internet auftauchen. Tony, ein Anwalt auf dem Weg ins Büro, lässt seinen SUV mitten auf der Strasse stehen und rennt dem Nackten hinterher. Er weiss eigentlich gar nicht so recht, warum. Irgendwie hat der Nackte in ihm einen Drang ausgelöst, sich aus seinem eingefahrenen Leben zu befreien.

Dieser Prolog ist gleichzeitig so etwas wie der Kulminationspunkt dieses kaleidoskopisch angelegten literarischen Thrillers. Pochoda erzählt in Kapiteln, die zwischen den Jahren 2006 und 2010 hin und her hüpfen, die Geschichten von fünf Protagonisten. Neben dem Anwalt Tony und dem joggenden James ist da Ren, der mit Zwölf wegen Mordes in den Jugendknast gekommen war und jetzt unter Los Angeles’ Obdachlosen seine Mutter sucht. Dann gibt es Blake, den Dealer, der weiss, «welche Tabletten wünschenswerte Nebenwirkungen hatten und von welchen man nur gesund wurde und sonst gar nichts». Sein Freund und Mentor Sam ist erstochen worden. «Sam kannte keine Furcht. Blake arbeitete noch daran.» Und da ist noch Britt, die abgestürzte Tennishoffnung einer Uni, die sich fragt, wann ihr «der erste Fehler unterlaufen» war, «welchen Fuss hatte sie wo falsch gesetzt?». Deren Welt dürfte der heute 42-jährigen Autorin vertraut sein, war sie selbst doch erfolgreiche Profi-Squash-Spielerin an der Harvard University.

In der Wüstengegend von Twentynine Palms im Hinterland von Los Angeles, in Skid Row in Los Angeles, wo Obdachlose auf den Strassen leben, und auf dem Highway 101 in Los Angeles führt Pochoda ihre Figuren zusammen oder lässt ihre Wege sich kreuzen. Mit Witz und Empathie zugleich erzählt sie die ebenso bewegenden wie bizarren Geschichten ihrer Figuren. Zu den Höhepunkten gehört da, neben dem Nacktjogger, die von dessen Eltern betriebene Hühnerfarm in der Wüste: Der Vater schart als eine Art New-Age-Guru Praktikanten und vor allem Praktikantinnen um sich, die dann am blutigen Schlachttag Hand anlegen müssen.

Alle Figuren in diesem Roman haben dunkle Geheimnisse, ihre Geschichten sind geprägt von Gewalt und von Angst. Und sie sind, jede auf ihre Art, auf der Suche nach einer Art von Erlösung.

Die Wertung

Die Autorin
Ivy Pochoda, geboren 1977 in Brooklyn, New York, hat einen MA in klassischer griechischer, englischer und amerikanischer Literatur vom Harvard College in Cambridge, Massachusetts, und einen MFA in kreativem Schreiben vom Bennington College in Bennington, Vermont. Neben dem Studium widmete sie sich vor allem dem Squash-Sport. 1998 war sie nationale Meisterin im Einzel, und sie führte das Harvard-Team in vier aufeinanderfolgenden Jahren zur US-Meisterschaft, zudem erhielt sie verschiedene Auszeichnungen wie Rookie des Jahres der Ivy League und Spielerin des Jahres; 2013 wurde sie dafür in die Harvard Hall of Fame aufgenommen. Bis 2007 spielte sie professionell Squash; ihre international höchste Platzierung war Rang 38 auf der Weltrangliste in ihrem ersten Profi-Jahr. 2009 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, «The Art of Disappearing». Bereits für ihren hochgelobten zweiten Roman «Visitation Street» (2013) erhielt sie mehrere Auszeichnungen, ebenso für «Wonder Valley» (2017). «Wonder Valley» ist ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Ivy Pochoda lebt mit ihrem Ehemann, dem Filmemacher und Drehbuchautor Justin Nowell, in Los Angeles.

Ivy Pochoda: «Wonder Valley» (Original: «Wonder Valley», Ecco, New York 2017). Aus dem Englischen von Sabine Roth und Rudolf Hermstein. Ars-Vivendi-Verlag, Cadolzburg 2019. 397 S., ca. 32 Fr.».

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 02.05.2019, 11:45 Uhr

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