«Da ging mir die Kinnlade runter»

Filmwissenschaftler André Grzeszyk hat kein Problem mit Unterhaltung auf Youtube. In der Kommerzialisierung sieht er aber ein Problem.

Youtube sei heute weitgehend entpolitisiert und habe die grossen Erwartungen des Bürgerjournalismus enttäuscht, so Grzeszyk. Beauty-Blogs dagegen boomen.

Youtube sei heute weitgehend entpolitisiert und habe die grossen Erwartungen des Bürgerjournalismus enttäuscht, so Grzeszyk. Beauty-Blogs dagegen boomen.

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Wenn jemand Youtube nicht kennt, vielleicht eine ältere Person, würden Sie ihr empfehlen, reinzuschauen?
Ja, denn in jedem Leben dürfte es einschneidende mediale Erfahrungen gegeben haben, die man gerne noch einmal sieht. Youtube lässt sich wie ein persönliches Archiv nutzen. Seien es «Verstehen Sie Spass?»-Clips mit Kurt Felix und Paola oder alte Nachrichtensendungen, die live vom Fall der Mauer berichteten.

Die überragende Mehrheit der Nutzer sieht sich aber an, wie andere sich schminken oder Online-Games spielen.
Einen grossen Sittenverfall kann ich da nicht erkennen. In den 1980er- und 90er-Jahren sassen wir auch nächtelang vor dem Fernseher und haben mit dem C64 oder später Nintendo gespielt. Solche Formate sind zudem informativ, wenn man in einem Level des Spiels nicht weiterkommt oder sich für die Party am Abend bereit macht. Unterhaltung ist Teil des Lebens – solange solche Formate nicht das Einzige sind, was man sich anschaut. Man darf auch nicht vergessen, dass das, was wir jetzt auf Youtube oder Instagram sehen, die säkulare Variante dessen ist, was die Kunst in ihren heiligen Hallen schon sehr lange praktiziert. David Bowie war Meister solcher Selbstinszenierungen, er hat sich zur Marke gemacht, inklusive Börsengang.

Mit über 5,5 Millionen Abonnenten ist «BibisBeautyPalace» einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Youtube-Kanäle. Quelle: Youtube

Youtube steht vor allem für Selbstinszenierung.
Selbstinszenierung gehört zum Leben: Wir sind Menschen, müssen aber gleichzeitig erst zu Menschen werden im Austausch mit anderen. Beauty-Blogs erscheinen mir seicht, für andere sind sie zentraler und wichtiger Bestandteil ihres Alltagslebens. Das will ich nicht verurteilen. Wo mir allerdings die Kinnlade runterging: Im erfolgreichsten deutschen Youtube-Video 2018 gibt Bianca Heinicke, die Betreiberin des wiederum sehr erfolgreichen Youtube-Kanals «BibisBeautyPalace», ihre Schwangerschaft bekannt. Die Inszenierung und die Bilder sind von der Lätta-Werbung aus den 1980ern nicht zu unterscheiden. Dass sich jemand so zum Produkt macht und sich der Wirtschaftsordnung unterwirft, indem sie die eigene Schwangerschaft noch monetarisiert.

Soziale Medien sind für viele Jugendliche das Hauptinformationsmedium. Gleichzeitig seien die Jungen laut Studien immer weniger über das politische Geschehen informiert. Liefern «klassische» Journalisten und Journalistinnen überhaupt noch das, was konsumiert werden will?
Die Idee hinter dem Journalismus sollte immer eine andere sein, als Dinge zu produzieren, die konsumiert werden wollen. Journalismus ist am besten, wenn er unangenehme Dinge ausspricht, uns mit Entwicklungen konfrontiert, die aus dem Ruder laufen. In diesem Sinne sollte Journalismus anstrengend bleiben, sonst wird er überflüssig.

Auch wenn die Jungen dadurch vergrault werden?
Ob es am Journalismus liegt, dass immer weniger junge Menschen über das politische Geschehen informiert sind, sei dahingestellt. Es könnte auch an der Politik liegen, in der Art und Weise, wie heute Politik gemacht wird und wie sich das entwickelt hat. Donald Trump hat die Politik endgültig in einen narzisstischen Zirkus verwandelt. Das Medienspektakel übertönt, dass es kaum mehr glaubhafte Visionen für die Zukunft gibt. «Politikverdrossenheit» ist ja nichts, was der Journalismus allein geschaffen hat.

«Die Sprache der Werbung hat sich bereits in fast alle Teile der Kommunikation hineingefressen.»

Aber würde man nicht mehr Leute erreichen, wenn sich Medienschaffende wie Influencer verhalten würden?
Zunächst sind Influencer Medienschaffende, sie posten, fotografieren, hashtaggen. Die Sprache der Werbung hat sich bereits in fast alle Teile der Kommunikation hineingefressen. Das Letzte, was zu wünschen ist, ist, dass sich Medienschaffende bzw. Journalisten diesem Druck anpassen. Ich sehe eher die Gesellschaft in der Pflicht. Viele von uns greifen auf bestens recherchierten und aufgearbeiteten Journalismus zurück, ohne etwas dafür zu bezahlen. Es liegt an jedem Einzelnen, diese Umsonst-Mentalität zu hinterfragen.


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Wie weit können sich soziale Medien noch ausbreiten? Wie lange machen wir das noch mit? Antworten finden Sie hier.

Youtube ist eine der erfolgreichsten Websites weltweit. Sind Youtube-Kanäle für Medienhäuser empfehlenswert?
Im Sinne des guten Journalismus ist in meinen Augen eher davon abzuraten, weitere Kanäle zu eröffnen. Wer auf Youtube erfolgreich sein will, unterwirft sich in starkem Masse den Algorithmen der Plattform, die für das Ranking und die Trefferlisten verantwortlich sind. Und diese Algorithmen bevorzugen den seriösen Journalismus nicht immer.

Wie sieht denn die mediale Versorgung der Zukunft aus?
Zu hoffen ist, dass nicht alles auf eine umfassende Personalisierung hinausläuft. Youtube rühmt sich ja heute schon, jedem Nutzer eine eigene Website zu bieten. Demokratien leben von Vielfalt und der Vielfalt der medialen Angebote. Inwieweit ein Umdenken bei denen einsetzt, die im Moment das Geld haben, ist abzuwarten. Google und Youtube investieren massiv in Journalismus. Ob damit auch eine ideologische Richtung eingeschlagen wird und wie diese aussieht, lässt sich noch nicht sagen. Welche Ironie: Mit Youtube und dem Web 2.0 waren stark aufgeladene Hoffnungen verknüpft. Anfang der 2000er wurde die «Macht der vielen» beschworen, ein aufgeklärter Bürgerjournalismus, in dem jeder Einzelne für sich selbst sprechen kann.

Anstatt Zeitung zu lesen, schauen Junge heute lieber Videos wie jene von PewDiePie. Er ist der erfolgreichste Youtuber der Welt. Quelle: Youtube

Diese Hoffnungen wurden enttäuscht.
Ja. Youtube ist als medialer Versorger weitgehend entpolitisiert. Selbst der beschworene Rechtsruck wird überdramatisiert, wenn man auf die nackten Zahlen schaut. Die identitäre Bewegung in Deutschland hat nicht mal 20'000 Abonnenten, der schwedische Youtuber PewDiePie, der hauptsächlich auf Gaming setzt, über 80 Millionen.

Trotzdem, wo liegen die Chancen?
Die Chancen liegen in den vielen kleinen Innovationen in der Medienbranche, die schon stattgefunden haben und in Zukunft noch stattfinden werden. Was fehlt, sind Finanzierungsmodelle. Eine Chance würde in meinen Augen im lokalen Journalismus liegen, der zu sterben droht. Lokalität könnte die Bilder, die wir Tag für Tag sehen, wieder erden, greifbar machen. Deutlich machen, dass diese Bilder auch etwas mit unserem Leben zu tun haben.

Erstellt: 11.02.2019, 20:31 Uhr

André Grzeszyk


Bild: zvg

André Grzeszyk forscht zur medialen Grundversorgung der Zukunft. An der Leuphana Universität in Lüneburg ist ist Teil des Projekts «Grundversorgung 2.0». Zuvor studierte er Filmwissenschaft in Berlin und promovierte and er Universität Erlangen mit einer Arbeit über die mediale Selbstinszenierung von Schulattentätern. Grzeszyk arbeitete zudem als Filmkritiker, -macher, Kurator und Journalist.

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