Dada war für alle da

Das Cabaret Voltaire ist jetzt auch ein Verlag: Im ersten Buch werden 165 Ur-Dadaisten vorgestellt. Auch Boxchampion Jack Johnson oder Komiker Buster Keaton sind mit dabei.

Erstes Buch erschienen: Cabaret Voltaire in Zürich

Erstes Buch erschienen: Cabaret Voltaire in Zürich Bild: Keystone

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Man schrieb den 26. Dezember 1908. Herausforderer Jack Johnson prügelte den kanadischen Weltmeister Tommy Burns 14 Runden lang derart heftig in die Seile, dass sich die Polizei veranlasst sah, den Kampf abzubrechen – sie wollte verhindern, dass erstmals in der Geschichte des Boxsports ein Schwarzer einen Weissen auf die Bretter schickt. Vergeblich: Durch seinen Sieg wurde Johnson zum ersten dunkelhäutigen Schwergewichtschampion. Diesen Titel verteidigte er bis 1915, unter anderem am 4. Juli 1910, im «Kampf des Jahrhunderts» gegen den sechs Jahre zuvor ungeschlagen abgetretenen Ex-Weltmeister Jim «The Boilermaker» Jeffries, der beim Comeback beweisen wollte, dass «kein Neger besser ist als ein Weisser». Mit dieser Ankündigung machte Jeffries die Sache (auch) zum Rassenthema – was zur Folge hatte, dass es nach seiner Niederlage landesweit zu Unruhen kam.

Dass Johnson retrospektiv zur geschichtsträchtigen Figur wurde, erstaunt also nicht. Verblüffend aber ist, dass sein biografischer Steckbrief inklusive muskulöser Fotografie nun in «165 DadaistInnen» auftaucht – einem Sachbuch, das zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung «Dada in Nuce» im Cabaret Voltaire herausgegeben wurde. Ein physischer Puncher, umringt von schelmisch-intellektuellen Querköpfen? Des Rätsels Lösung ist ein archetypisches Dada-Abenteuer (was es nach strenger Auslegung des Manifests eigentlich gar nicht gibt): ein Knäuel von schicksalhaft versponnenen Biografien und Geschichten; die einen gut dokumentiert, andere mindestens so gut fabuliert.

Cravan, das Enfant terrible

Der Mann, der dafür verantwortlich war, dass Boxer Johnson (zumindest auf Ebene des Buches) mitten in diesem wilden Haufen landete, hiess Arthur Cravan. Zur Welt gekommen war er 1887 in Lausanne als Fabian Avenarius Lloyd; trotz Schweizer Geburtsort war er englischer Staatsbürger. Erstmals auffällig wurde Cravan anno 1903, als er wegen unflätigen Benehmens von einer St. Galler Privatschule flog. Das Vorkommnis war Impuls wie Impetus für seinen weiteren Werdegang: Cravan wurde zum Stürmer und Dränger, zum Zornesdichter im Dandykostüm, der seinem Übernahmen «Colossus» immer wieder Ehre machte, bisweilen auch auf unehrenhafte Weise – die französische Amateurboxmeisterschaft etwa gewann er nicht, weil er der Beste war, sondern weil es zu einer bizarren Serie von Disqualifikationen und Aufgaben kam (bei welchen, das schien klar, Cravan die Finger mit im Spiel gehabt hatte).

1911 lancierte er eine Zeitschrift namens «Maintenant», in der er selbst verfasste, oft übel beleidigende Texte über bekannte Pariser Künstler abdruckte. Zu Marie Laurencin, der malenden Geliebten von Guillaume Apollinaire, liess er beispielsweise verlauten, beim Anblick ihres Porträts sei ihm aufgefallen, dass es ihr bestimmt guttäte, wenn sie sexuell wieder mal richtig drangenommen würde . . . was, wenig überraschend, in einem blutigen Degenduell mit dem grossen Poeten endete.

Des Weiteren behauptete Cravan fast gebetsmühlenartig, er sei ganz dicke mit Oscar Wilde, der Weltliterat sei nämlich sein angeheirateter Onkel. Obwohl «Maintenant» 1915 nach nur fünf Ausgaben eingestellt wurde, sorgte die schrille Postille für derart viel Furor, dass Cravan als hassgeliebtes Enfant terrible der zeitgeistigen Kunstszene galt – wodurch er zum erklärten Darling der Dada-Vordenker Marcel Duchamp und André Breton wurde.

1916 floh der Exzentriker nach Barcelona, um sich der Einberufung in die britische Armee zu entziehen. Und in der katalanischen Metropole kam es schliesslich zur Begegnung mit Jack Johnson. Der ein Jahr zuvor entthronte Boxweltmeister hatte die USA wegen eines angeblichen Verstosses gegen das Gesetz fluchtartig verlassen und war ebenfalls in Barcelona gelandet. Findige Promotoren organisierten dann ein (absurdes) Kräftemessen im Boxring zwischen Cravan und Johnson, für das der Dada-Zögling intensiv die Werbetrommel rührte.

Sechs Runden Schattenboxen

Der Kampf, der am 23. April 1916 in einer Stierkampfarena stattfand, wurde tatsächlich zur Farce, wie man im Internet nachlesen kann: Cravan habe statt der Fäuste nur eine grosse Klappe geschwungen, nach sechs Runden Schattenboxen sei es Johnson dann verleidet und er habe den «Colossus» mit einem rechten Haken k. o. geschlagen. Das Publikum war schwer enttäuscht, auch wegen der hohen Kampfbörse von 50 000 Pesetas für jeden der beiden. Entsprechend harsch titelte die Presse am nächsten Tag mit «Der grosse Schwindel».

Für Cravan war der Schaukampf trotzdem beste Eigenwerbung – auch weil den feder- und wortführenden Dadaisten jetzt endgültig klar geworden war, dass dieser verrückte Kerl den verqueren Geist ihrer Bewegung radikaler verkörperte als jeder sonst.

Das war wohl auch der Grund für sein tragikomisches Ende: Mit der im Kampf gegen Johnson «gewonnenen» Gage berappte Cravan eine Schiffsreise nach New York, wo er fortan nicht nur Hand in Hand mit Duchcamp & Co. wirkte, sondern sich auch in die Dichterin Mina Loy verliebte. Als er 1917 wegen weiterer öffentlicher Provokationen fliehen musste und nach Mexiko ging, folgte sie ihm, die beiden heirateten. Da sich Cravan aber auch in Mexiko nicht sicher fühlte, wollte er weiter nach Buenos Aires, seine Gattin sollte ihm später folgen. Also segelte er eines Tages allein in einem kleinen Nachen aufs Meer hinaus – und wurde nie mehr wieder gesehen. Dank diesem verrückten Tour d’Horizon ist der Lebenskünstler im Buch der höchsten Dada-Kategorie «PräsidentIn» zugeordnet – da, wo die Herausgeber alle grossen Namen wie Arp, Ball, Schwitters, Tzara, Huelsenbeck etc. untergebracht haben.

Anders Jack Johnson. Sein Dada-Auftritt war nach dem Fight zu Ende. Er kehrte 1920 in die USA und 1938, im Alter von 60 Jahren, ein letztes Mal in den Ring zurück, 1946 kam er bei einem Autounfall ums Leben. Im Buch ist der Boxer der Kategorie «Überdada» zugeteilt, in der man viele weitere Persönlichkeiten findet, die man kaum auf Anhieb der (Anti-)Kunstbewegung zugeschrieben hätte – beispielsweise den Revolutionsführer Lenin, den Physiker Albert Einstein, den Komiker Buster Keaton, den Psychoanalytiker Carl Gustav Jung, den Schriftsteller James Joyce oder seinen bereits erwähnten Berufskollegen Oscar Wilde.

Die Dada-Forschung lebt

Nicht immer wird restlos aufgeklärt, wie diese berühmten Männer beim «Bau» des Dadaismus zwischen 1916 und 1923 tatsächlich mitgewirkt haben. Lenin, das ist bekannt, hauste in der Frühzeit des Cabarets Voltaire immerhin gleich um die Ecke, an der Spiegelgasse 14. Oscar Wilde hat es als vermeintlicher Onkel von Cravan in den ehrenwerten Zirkel geschafft, bei Keaton, Jung und Joyce aber gibt es (im Buch) keine handfeste Dada-Verbindung. Das ist jedoch nicht als Kritik zu lesen: Auch die neue Schau im Cabaret Voltaire zeigt, dass die Forschung ein «Work in Progress» ist, das allen offensteht. Das stilvoll gestaltete, mit etlichen unbekannten Fotos und Abzügen von Originaldokumenten versehene Buch dient damit quasi als Startrampe für Ausflüge in den Dada-Kosmos.

Adrian Notz und Juri Steiner (Hg.): 165 DadaistInnen. Cabaret Voltaire, Zürich 2012. 192 S., 25 Fr. Erhältlich im Cabaret Voltaire.

Das Buch ist ein Knäuel von versponnenen Biografien – die einen gut dokumentiert, andere gut fabuliert.

Boxer unter Dadaisten: Jack Johnson kam durch einen K.-o.-Schlag zu dieser Ehre. Foto: Maurice Branger (Keystone, Roger Viollet)

Erstellt: 27.06.2013, 07:47 Uhr

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