Youtube diskriminiert Schweizer Videos

Deutsche Kochsendungen statt SRF-Dokus: Youtube setzt Schweizer Nutzern fast ausschliesslich ausländische Inhalte vor. Das zeigt eine neue Auswertung.

Komiker Stefan Büsser war einmal auf der Schweizer Trending-Liste. Sonst schaffen es nur die wenigsten Schweizer Inhalte in die Youtube-Liste. Foto: Screenshot Youtube

Komiker Stefan Büsser war einmal auf der Schweizer Trending-Liste. Sonst schaffen es nur die wenigsten Schweizer Inhalte in die Youtube-Liste. Foto: Screenshot Youtube

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie tun es im Bus, in der Pause, in der Badi, im Ausgang sowieso: Youtube-Videos anklicken. 99 Prozent der 15- bis 19-jährigen Schweizerinnen und Schweizer schauen Kurzfilme auf der Onlineplattform Youtube, die dem Internetkonzern Google gehört. 97 Prozent nutzen das soziale Medium mindestens einmal pro Woche, 70 Prozent täglich. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung der Interessengemeinschaft elektronische Medien IGEM.

Was Nutzer auf der Plattform am prominentesten zu sehen bekommen, entscheiden Algorithmen. Google misst dabei rund um die Uhr, welche Videos in allen Ländern der Welt die populärsten sind. Das Resultat dieser Messung sind sogenannte Trending-Listen, für jedes Land eine: für Frankreich, für Deutschland oder für die Schweiz.

Trending bewirkt, dass Deutsche auf Youtube meist deutsche Inhalte zu ­sehen bekommen; die Franzosen meist französische. Nur den Schweizern werden kaum Filmchen aus dem Heimatland angezeigt. Wer in der Schweiz ein Video veröffentlicht, der wird sogar systematisch benachteiligt. Egal, ob es Inhalte von klassischen Medien sind oder von privaten Nutzern. Zu diesem Resultat kommt eine Analyse des Schweizer Youtube-Trending-Bereichs durch das Datenteam von Tamedia.

Reichweite ist wichtig, genügt aber nicht

Am häufigsten in der Schweizer Liste vertreten sind Inhalte des Kanals JP Performance, einer Auto-Frisier-Garage aus Dortmund. Die Videomacher fahren darin auf Panzern durch die deutsche Provinz oder testen Lamborghini. Auf dem zweiten Platz landet der Kanal Echt passiert. In diesen Kurzvideos werden angeblich echte Geschichten von Menschen nachgestellt. Die fünfminütigen Episoden heissen «Ich hasse meinen Stiefvater und habe beschlossen, ihn zu bestrafen» oder «Meine Eltern sperrten mich tagelang in den Keller ein». Die Urheber des Kanals sind aus Deutschland, sie bleiben aber anonym. Die Beiträge geben verstörende Einblicke in menschliche Abgründe.

Schweizer Videos sind Mangelware. In den Top 50 tauchen gelegentlich Beiträge von Stefan Büsser auf. Der Schweizer Komiker und SRF-Radiomoderator stellt jeweils einen Zusammenschnitt der lustigsten und peinlichsten TV-Momente der Woche zusammen. Am höchsten kletterte er kürzlich mit seinem Beitrag «Life (is a) Ball: Büssi zappt’!in» im Trending. Allerdings nur auf Platz 31.

Der einzige Schweizer Inhalt, der es in der Messperiode ganz nach oben in der Schweizer Trending-Liste schaffte, ist ein Musikvideo von Loredana, der Rapperin aus Emmen, die verdächtigt wird, ein Ehepaar um 700'000 Franken betrogen zu haben. In ihrem Videoclip «Labyrinth» steht sie auf einer Sandburg und singt: «Ich kauf dein Haus, kauf deine Frau und kauf dich mit (ha ha ha). Ich hab mich niemals ausgezogen für die Klicks.» Insgesamt sieben Tage liegt Loredana damit auf der Nummer 1 der Schweizer Youtube-Trending-Liste. In dieser Zeit verzehnfacht sie ihre Klicks von 500'000 auf 5 Millionen.

Reichweite allein genügt aber nicht, um ganz nach oben zu kommen. Auch das zeigt die Analyse. Einige Inhalte brauchen nur ein paar Tausend Views, um in die Trending-Liste zu kommen; andere wie Loredana Hunderttausende. Der deutsche Kochkanal Jos Easykitchen zweier Münchner Studenten zum Beispiel hat pro Video beim Ersteintritt in Youtube-Trending im Schnitt nur 3000 Views; der Kanal Ride Review kommt auf nur 7000. Darin berichten die zwei Freunde Bro und Uschi aus Mönchengladbach täglich über ihre Lieblingsbahnen in Freizeitparks.

«Es gibt viele tolle Videos»: Google gibt keine Auskunft

Dabei gäbe es durchaus relevante aktuelle Schweizer Videos, die man im Trending-Bereich erwarten könnte. Das Schweizer Fernsehen publiziert alle Sendungen des Formats «DOK» bei Youtube. Vor zwei Wochen beispielsweise eine Spezialsendung zum Frauenstreik. Der Beitrag wurde innert kurzer Zeit 42'000-mal geschaut. Doch in der Trending-Liste tauchte er nie auf. Der einzige SRF-Beitrag, dem das in der Messperiode gelang, zeigte die Höhepunkte des Champions-League-Finals zwischen Liverpool und Tottenham.

Google, dessen Youtube-Standort in Zürich der grösste ausserhalb der USA ist, weigerte sich auf Anfrage, detailliert Auskunft zu geben. Die Pressestelle schrieb lediglich: «Es gibt auf Youtube jeden Tag viele tolle neue Videos. Nur eine begrenzte Anzahl kann bei den Trends angezeigt werden.» Ausgesucht würden diese nach vier Kriterien: Publikumsinteresse in einem bestimmten Land; nicht irreführend oder reisserisch; informativ; überraschend oder neuartig. Wie reisserische Inhalte vom Algorithmus identifiziert werden können, wollte Google nicht ausführen. Genauso wenig, warum Schweizer Videos kaum vorkommen.

Bei Videos klassischer Medientitel ist die Diskriminierung von Schweizer Inhalten besonders augenscheinlich. Für Nachrichteninhalte hat Youtube eine eigene Trending-Kategorie kreiert. Darin werden nur Inhalte angezeigt, die von etablierten Zeitungen oder Fernsehsendern hergestellt werden. Über die Dauer eines Monats nahm Youtube knapp 500 Videos in diese Liste auf. Darunter waren Beiträge von grossen Redaktionen wie «Die Welt», «Frankfurter Allgemeine Zeitung», «Der Spiegel» oder kleineren Computer-Fachredaktionen wie Heise.de oder Chip. Selbst österreichischen Titeln wie «Der Standard» oder «Die Krone» gelang der Sprung in die Liste. Inhalte von Schweizer Verlagen sind keine darunter.

Deutsche und österreichische Inhalte werden also gegenüber Schweizer Content bevorzugt. Das ist das aus mehreren Gründen problematisch. Da ist zum einen das Geld. Der Trending-Bereich ist der heilige Gral jedes Onlinefilmers. Wird hier ein Beitrag gelistet, erhöhen sich die Klicks schnell um das Drei- oder Vierfache. Und Klicks – oder Views, übersetzt Sichtungen – sind auf Youtube die harte Währung. Für die Werbeeinblendungen in tausend abgespielten Videos entschädigt Youtube ihre Nutzer mit 18 Rappen. Youtube-Stars wie der Schwede Pew Die Pie verdienen mit ihren täglichen Videos auch dank Trending circa 3000 Franken. Pro Beitrag. So kommen sie in guten Monaten auf ein Einkommen von 90'000 Franken.

Gleichzeitig spielt Youtube bei der politischen Meinungsbildung eine wachsende Rolle. So schreiben Politbeobachter dem 26-jährigen deutschen Youtuber Rezo eine mitentscheidende Rolle beim Absturz der CDU bei der Europawahl zu. Sein Video mit dem Titel «Die Zerstörung der CDU» wurde über 15 Millionen Mal angeschaut und 218'000-mal kommentiert. Selbstverständlich war das Video über Wochen im Trending-Bereich vertreten. Das trug wesentlich zur Viralität des Videos bei. Ohne die Unterstützung des Trending-Algorithmus ist es schwer, ein grosses Publikum zu erreichen.

Der Bund sieht keinen Handlungsbedarf

In der Schweiz, der offiziellen zumindest, scheint diese Funktion von Social Media noch nicht wirklich erkannt zu sein. Die Pressestelle des Bundesamts für Kommunikation sagt auf Anfrage: «In Ermangelung von unabhängig und systematisch erhobenen Schweizer Reichweitendaten kann für die sozialen Netzwerke keine Meinungsmacht ermittelt werden.» Laut dem Medienmonitor Schweiz, einer Studie, die im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation im Jahr 2017 durchgeführt wurde, würde es Youtube in Sachen politischer Meinungsbildung – trotz der grossen Reichweite – bestenfalls in die Top 10 der Medienmarken schaffen.

Angesichts der hohen Schweizer Nutzung von Youtube – gerade bei jüngeren Menschen – fragt man sich aber, ob der Bund das Phänomen eventuell nicht etwas unterschätzt. Denn was heisst es für die hiesige Medienlandschaft, wenn Schweizer immer mehr ausländische Inhalte konsumieren, weil die Inhalte von SRF auf Youtube weniger prominent platziert werden? Gerade SRF hat für Generationen von Schweizerinnen und Schweizern eine identitätsstiftende Rolle übernommen.

Die dringlichsten Fragen betreffen die Quellen der Inhalte. Weshalb sind ausgerechnet eine Kochsendung und ein Beitrag mit Freizeitparkbesprechungen trotz wenigen Views so prominent in der Schweizer Trending-Liste aufgeführt? Handelt es sich dabei um bezahlte Beiträge? Und was passiert, wenn politische Inhalte gegen Geld in der Trending-Liste platziert werden? All diese wichtigen Fragen bleiben unbeantwortet. Der Algorithmus bleibt geheim.

Erstellt: 08.07.2019, 19:39 Uhr

Analyse der Schweizer Youtube-Trending-Liste

Das Tamedia-Datenteam untersuchte die Schweizer Trending-Liste von Youtube. Sie ist unter folgendem Link zu finden: https://www.youtube.com/feed/trending?gl=CH. Die Liste wurde mithilfe eines Computer-Skripts einen Monat lang alle 30 Minuten besucht und abgespeichert. Vom 1. Juni bis 1. Juli 2019 schafften es 765 unterschiedliche Videos in die Top 50. Nur fünf davon waren auf Schweizer Urheber zurückzuführen. Gesondert wurde noch die Trending-Liste für Nachrichteninhalte untersucht. Hier waren es 497 unterschiedliche Videos. Keines davon stammte von einem Schweizer Medientitel. Die allermeisten kamen aus den Redaktionen der «Frankfurter All-gemeinen Zeitung» und der «Welt». (bsk)

Artikel zum Thema

«Linkedin, Youtube und Facebook sind die neuen Berufsberater»

Interview Bestimmen bald Algorithmen, was wir lernen? Werden die Schulen gerechter? Machen uns Games zu Genies? ETH-Professor Ernst Hafen über den Wandel der Bildung Mehr...

So will Youtube kinderfreundlicher werden

Digital kompakt Googles Videodienst diskutiert nach öffentlichem Druck Massnahmen. Und Moderatoren berichten, was sie bei Facebook alles sehen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...