Der grösste Fehler seines Lebens

Nachdem Uma Thurman ein Unfallvideo vom «Kill Bill»-Filmset veröffentlicht hat, muss Regisseur Quentin Tarantino einstecken.

Der Regisseur und seine verletzte Muse: Quentin Tarantino und Uma Thurman 2014 in Cannes.

Der Regisseur und seine verletzte Muse: Quentin Tarantino und Uma Thurman 2014 in Cannes. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Fuck. Tarantino. Forever.» Das Internet ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, Berühmtheiten abzuschalten. Die Reihe ist jetzt an Quentin Tarantino. Jüngst wurde ein altes Radiointerview ausgegraben, das Tarantino 2003 Howard Stern gegeben hatte. Darin nimmt er Roman Polanski in Schutz und behauptet, die 13-jährige Samantha Jane Gailey, die von Polanski 1977 missbraucht wurde, habe «es gewollt». Eine Vergewaltigung sei das nicht gewesen. Dass der Regisseur derzeit an einem Film über Serienmörder Charles Manson arbeitet, unter dessen Opfern Polanskis damalige Ehefrau Sharon Tate war, dürfte noch zu reden geben.

Unter Beschuss ist Tarantino ohnehin: Uma Thurman, die für ihn in den beiden «Kill Bill»-Teilen den Rache-Ninja im gelben Lederkostüm gab, hatte sich in der «New York Times» darüber geäussert, wie Harvey Weinstein auch sie bedrängt hatte. Im zweiten Teil des Porträts ging es dann aber um den Dreh zu «Kill Bill», den Weinstein mitproduziert hatte, und dabei um eine ganz bestimmte Szene. Es war die letzte Einstellung vor Feierabend, eine einfache Autofahrt in einem VW mit offenem Verdeck. Thurman sollte eigenhändig eine gera­de Strasse runterfahren, da Tarantino wollte, dass man ihre Haare im Wind flattern sieht. Thurman war skeptisch. Sollte das nicht eine Stuntfrau machen? Der Karmann Ghia war mit einer Automatikschaltung umgerüstet worden; Thurman musste sich die Beine unters Steuer klemmen. Kurz vor Aufnahme entschied die Crew zudem, die Fahrtrichtung zu ändern.

Tarantino trieb das Video auf

Im Video, das zum Artikel online dazugestellt wurde, sieht man, was darauf passiert. Thurman verliert bei 70 km/h die Kontrolle über den Wagen, da es kurz so aussieht, als würde sich die sandige Schotterstrasse gabeln, und fährt frontal in einen Baum. Seither habe sie bleibende Schäden an Knie und Nacken, so Thurman. Über Tarantino ist darauf ein Shitstorm hereingebrochen.

Im Artikel der «New York Times» fehlt allerdings die Sichtweise von Tarantino. Er wollte sich angeblich nicht mit der Reporterin treffen, gab dafür dem Magazin «Deadline» ein Interview. Demnach sei die Entscheidung, Thurman selber fahren zu lassen, der grösste Fehler ­seines Lebens gewesen. Das Video hat er auf Wunsch von Thurman auftreiben ­lassen. Bislang habe Harvey Weinstein ihr den Zugang verweigert.

Auf Instagram betont Thurman nun, dass die Umstände, die zum Crash geführt hatten, «fahrlässig waren bis zum Straftatbestand». Dahinter seien aber keine «bösartigen Absichten» gestanden. Tarantino bereue den Unfall sehr; unentschuldbar sei vielmehr die Ver­tuschung des Videos, wofür zum einen die Produzenten verantwortlich seien, darunter Weinstein, zum anderen ihre eigene Agentur Creative Artists Agency.

Spucken, eine Angelegenheit des Vertrauens

Trotzdem bestätigt die Enthüllung nun alle jene, die Tarantino nur schon im Umgang mit fiktiven Frauenfiguren für einen Sadisten halten. Dass er Uma Thurman auf dem Set von «Kill Bill» auch angespuckt habe, erklärt Tarantino im Interview damit, dass er es seinem Darsteller Michael Madsen nicht zugetraut habe, in der Szene, für die es die Spucke gebraucht habe, richtig zu treffen. Zudem sei er mit Thurman übereingekommen, dass er das Spucken selber zwei-, dreimal übernehmen werde, bis die Sache gut sei. Es war sozusagen eine Angelegenheit des Vertrauens.

Ähnlich sei es mit dem Würgen gewesen, so Tarantino: Wie man sich gut vorstellen könne, müsse man jemanden richtig würgen, damit es so aussehe, als kriege er wirklich keine Luft mehr. Thurman habe selbst vorgeschlagen, dass man sie für die Einstellung in «Kill Bill», in der ihrer Figur eine Kette mit Eisenkugeln um den Hals geworfen wird, ­tatsächlich kurz würge.

Ein ambivalenter Fall

Im Zuge der Debatte, wie weit Regisseure in Film und Theater bei ihrer Arbeit gehen sollen und inwiefern sich das überhaupt objektiv klären lässt, ist Tarantino ein ambivalenter Fall. Das Independent-Kino hat er ja mitgeprägt wie kaum ein anderer; es erreichte 1994 mit «Pulp Fiction», produziert von Harvey Weinsteins Miramax-Studio, sozusagen eine neue Zündstufe, nicht zuletzt dank der Goldenen Palme von Cannes, die der Film gewann. Doch Tarantinos Übertreibung und Ironisierung von Gewalt, vor allem auch gegen Frauen, war immer wieder Thema. Uma Thurman hat bei ihrem Besuch am Zurich Film Festival 2016 allerdings betont, wie viel sie vom Regisseur übers Genrekino gelernt habe und wie stark die Ermächtigungs-Story von «Kill Bill» weibliche Fans geprägt habe. Andererseits muss man jemanden auch zur Ermächtigung ermächtigen. Tun kann das nur jemand mit Macht – ­jemand wie Quentin Tarantino.

Die Dynamik des Entrüstungssturms erinnert an das Ende des rechten Bloggers Milo Yiannopoulos. Nach einem kontroversen Talkshowauftritt wurde im Netz ein alter Gesprächsmitschnitt veröffentlicht, in dem der schwule Yiannopoulos Sex mit Minderjährigen ver­teidigt. Kurz darauf kippte sein Verlag einen Buchvertrag, und der Autor kündigte seinen Job bei «Breitbart». Tarantino ist nicht Yiannopoulos, aber der Shitstorm lehrt: Das Ganze bleibt unerledigt, bis jemand ganz erledigt ist.

Erstellt: 08.02.2018, 23:38 Uhr

Artikel zum Thema

Was nun, Mr. Tarantino?

Kommentar Der US-Regisseur war Weinsteins grosse Entdeckung. Ob er je wieder einen Film drehen wird, ist fraglich. Mehr...

Thurman stellt Unfall-Video online

Schauspielerin Uma Thurman verletzte sich während der Dreharbeiten zu «Kill Bill» – und beschuldigt Harvey Weinstein der Verschleierung des Autounfalls. Mehr...

Tarantino wusste über Weinstein Bescheid

Video «Ich wusste, dass er einige solche Sachen gemacht hat»: Quentin Tarantino spricht zu den Missbrauchsvorwürfen gegen Harvey Weinstein. Derweil hat sich die Polizei eingeschaltet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...