«Der Holocaust wird abstrakte Geschichte»

Der Historiker Aram Mattioli sagt, was es bedeutet, wenn die letzten Überlebenden der Nazi-Konzentrationslager sterben. Derweil porträtiert eine Ausstellung zwölf der letzten Zeugen der Shoa.

Im Angesicht des Grauens: Die Schweizer Holocaust-Überlebende Nina Weil. Fotos: Beat Mumenthaler (Gamaraal Foundation)

Im Angesicht des Grauens: Die Schweizer Holocaust-Überlebende Nina Weil. Fotos: Beat Mumenthaler (Gamaraal Foundation)

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Überlebende der Shoah werden oft an Schulen eingeladen. Was können sie jungen Menschen vermitteln, was Lehrer nicht können?
Sie können vom Grauen erzählen, wie dies ein Lehrer nie könnte: persönlich, unmittelbar, eindringlich. Die Wissenschaft liefert «nur» die Hintergründe und die Statistik. Gerade für Schüler liegt die Geschichte aber weit zurück und ist abstrakt. Zeitzeugen authentifizieren, was im Holocaust geschah.

Es gibt viele Bücher und Filmdokus mit authentischen Zeugnissen.
Das stimmt, aber damit an Schulen zu arbeiten, bleibt eine didaktische Herausforderung und erreicht nie die Eindringlichkeit, die der Auftritt eines Zeitzeugen hat. Ich halte in diesem Semester eine Vorlesung zur Massengewalt in Europa von 1914 bis 1948. Dabei erlebe ich gerade wieder, wie begrenzt die wissenschaftlichen Möglichkeiten sind, wenn es um die Vergegenwärtigung dessen geht, was bei Gräueltaten wirklich geschah. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, der davon erzählt, hat da ganz andere Möglichkeiten.

Ist es mehr der Zeuge, der Eindruck hinterlässt, als das Zeugnis?
Beides. Nur schon die schiere Präsenz eines Zeugen ist wichtig. Ein Holocaust-Leugner dürfte grosse Mühe haben, vor ein Opfer der Shoah hinzustehen und zu sagen, sein Zeugnis sei erlogen.

Was heisst es, dass Überlebende des Holocaust in absehbarer Zeit sterben werden? Sie sind heute in der Regel über 80 Jahre alt.
Es besteht schon die Gefahr, dass es in öffentlichen Debatten einfacher wird, den Holocaust zu leugnen. Das betrifft aber nicht den wissenschaftlichen Diskurs: Die Forschung wird immer genügend stichhaltige Argumente und Beweise haben, um Holocaust-Leugnern entgegenzutreten.

Was passiert mit einem historischen Ereignis, wenn seine letzten Zeugen gestorben sind?
Es tritt aus der Phase der Zeitgeschichte aus, die als die Epoche der Mitlebenden definiert ist – und tritt unwiderruflich in die Phase der Geschichte ein. Das ist eine Zäsur, weil damit das lebende Band zum Ereignis gekappt wird.

Vor sechs Jahren starb der letzte Veteran des Ersten Weltkrieges. Was änderte das?
Für die Geschichtsforschung ändert sich mit dem Tod der letzten Zeitzeugen nicht viel. Über die Weltkriege wie auch den Holocaust gibt es unzählige Quellen, die zur Verfügung stehen. Dass der Erste Weltkrieg mit dem Tod des letzten Veteranen definitiv Geschichte geworden ist, ist jedoch wichtig für unsere Erinnerungskultur. Es gibt niemanden mehr, der direkt davon erzählen kann, das Ereignis wird damit abstrakt. Und wie gesagt, es gibt keine Zeugen mehr, die an Schulen oder Podien auftreten können – was zum Beispiel für die Menschenrechtserziehung sehr wohl von Bedeutung ist.

Wie meinen Sie das?
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 war eine direkte Reaktion auf die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zweiten Weltkrieg. Doch so unverzichtbar die Menschenrechte für unsere Kultur sind, so haben sie doch auch eine abstrakte Dimension. Wenn man einen Zeugen vor sich hat, von dem man weiss, dass er diese Verbrechen am eigenen Leib erlitten hat, dann ist das ein starkes Argument für die Notwendigkeit der Menschenrechte. Es fehlt, wenn es diese Zeugen nicht mehr gibt.

Umso mehr in einer Gesellschaft wie in Westeuropa, die Krieg und Genozid schon seit Generationen nicht mehr erlebt hat?
Ja. Man vergisst leicht, wie brüchig der Boden unserer Zivilisation ist oder warum man als Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg die Idee eines geeinten Europa proklamiert hat – nämlich, um für die Zukunft auszuschliessen, dass der Kontinent nochmals einen Höllensturz durchmacht, wie Ian Kershaw das in seinem neuen Buch nennt. Jetzt bewegen wir uns weg von diesen Ereignissen, die Zeitzeugen sterben. Und immer mehr Leute halten ein geeintes Europa für unwichtig. Damit wird eine Lehre der Geschichte schleichend dementiert.

Warum reichen die geschriebenen Zeitzeugnisse nicht aus, um die Erinnerung wachzuhalten?
Man muss das auch wollen. Unsere Zeit tendiert zur Geschichtsvergessenheit. An den Schulen hat das Fach an Präsenz in den Stundenplänen verloren, und es ist auch nicht mehr so, dass eine histo­rische Bildung als Voraussetzung für bestimmte Berufe gilt. Vielen Menschen, gerade in Wohlstandsgesellschaften, die lange keine Krise mehr durchlebt haben, genügt es, im Hier und Jetzt zu leben. Sie verstehen nicht, dass Gegenwart geronnene Geschichte ist und nicht ein voraussetzungsloser Zustand.

Zeigt sich das auch bei Ihren Studentinnen und Studenten?
Gut, das sind junge Leute, die sich offensichtlich für Geschichte interessieren. Aber, ehrlich gesagt, ist es schon so, dass ihr Wissen zu Beginn des Studiums sehr begrenzt ist. Ich staune manchmal, welches Wissen sie nicht mitbringen.

Zum Beispiel?
In einem Seminar diskutierten wir über die deutsche Wiedervereinigung von 1990. Ich fragte, warum im Herbst 1989, nach dem Fall der Mauer, noch völlig offen war, ob die beiden Deutschland überhaupt wieder zusammenkommen würden. Das hat die Studierenden ziemlich überrascht. Sie wussten so gut wie nichts über die historisch begründeten Widerstände in Frankreich, England und der Sowjetunion. Da wurde mir erst richtig bewusst: Diesen jungen Leuten fehlte die prägende Erfahrung des Kalten Kriegs.

Was ja wieder zeigt, wie weit weg und abstrakt Geschichte ist, die man nicht selber erlebt hat.
Genau. Das macht das allmähliche Verschwinden der Zeitzeugen zum Beispiel der Shoah auch zu einem so grossen Problem.

Kann man nicht auch unbelasteter über Geschichte reden und arbeiten, wenn niemand mehr lebt, der davon betroffen ist?
Das glaube ich nicht. Denn das Ereignis wird dadurch ja nicht verändert. Und gerade wenn wir über Menschheitsverbrechen wie die Shoah nachdenken, darf es meiner Meinung nach kein «unbelastetes Reden» geben.

Wie wichtig sind Zeugenberichte der Täter?
Das Zeugnis der Täter ist für die Öffentlichkeit weit weniger bedeutend als das der Opfer. Denn man muss ja davon ausgehen, dass ihre Berichte verfälscht, geschönt oder irreführend sind. Auch das Zeugnis eines reumütigen Täters muss nicht zuverlässig sein, wie man etwa bei Albert Speer gesehen hat. Die Reue kann auch eine Strategie sein, von eigenen Verstrickungen in politische Verbrechen abzulenken.

Opfer sind zuverlässigere Zeugen?
Ja, sie sind weit zuverlässiger. Aber natürlich ist auch ihre Erinnerung selektiv, und sie verändert sich mit den Jahren. Ein Zeitzeugenbericht ist kein unberührter Rohstoff, den man nur zu heben braucht, um dann die authentische Geschichte vor sich zu haben.

Die Zeugnisse werden erst in der Masse zuverlässig?
Ein einzelner Bericht kann durchaus zuverlässig sein. Aber ihre wissenschaftliche Bedeutung erhalten die Berichte tatsächlich erst, indem man sie mit anderen Quellen abgleicht. Die Shoah Foundation hat über 50 000 solche Zeugnisse gesammelt. Diese hohe Zahl gleicher oder ähnlicher Schilderungen bezeugt ihre Glaubwürdigkeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2017, 23:22 Uhr

Die Ausstellung

Es existieren keine genauen Zahlen darüber, wie viele Überlebende des Holocaust es heute noch gibt. Gemäss einem Report der jüdischen Claims Conference waren es 2013 weltweit 425 000. Heute soll es in Israel noch rund 250 000 Shoah-Überlebende geben, in der Schweiz zwischen 100 und 300. Zwölf von ihnen sind in der Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» porträtiert. Fotograf Beat Mumenthaler hat eindrückliche Grossporträts geschaffen, und der Regisseur Eric Bergkraut hat die Erzählungen und Erinnerungen gefilmt. Unter den letzten Zeugen ist die bekannte Zürcher Literaturagentin Eva Koralnik, die als Kind die Verfolgung dank Schweizer Rettern in Budapest überlebte, ebenso wie Agnes Hirschi, die Stieftochter des Budapester «Judenretters» Carl Lutz. Historiker Daniel Gerson, dessen polnischer Vater im KZ inhaftiert war, vertritt die sogenannte zweite Generation, die unter den Traumata der Eltern zu leiden hatte. Alle Zeugen sitzen in derselben Kulisse und sprechen, ohne unterbrochen zu werden. Bei jenen, die das Lager überlebt haben, ist es die stets präsente Erinnerung an die Angehörigen, die nicht überlebt haben. Und damit die quälende Frage, ob das einem selber eine Schuld auflade. (ckr)

Bis 3. Juni im Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich.

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Aram Mattioli

Der 56-Jährige ist Geschichtsprofessor an der Uni Luzern. Sein neuestes Buch «Verlorene Welten» ist eine Geschichte der Indianer in Nordamerika von 1700 bis 1910.

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