Der Homo Zalando bangt um seine Würde

Am Pfauen hatte «Sweatshop» von Güzin Kar Premiere: böses Moraltheater über die Wegwerf-Mode.

Vom Killerparadies auf den Laufsteg des Lebens: «Sweatshop» am Pfauen. Bild: Tanja Dorendorf

Vom Killerparadies auf den Laufsteg des Lebens: «Sweatshop» am Pfauen. Bild: Tanja Dorendorf

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No shopping? Dafür Laufsteg-Hopping! Am Schauspielhaus Zürich läuft und hopst man jetzt in der Anti-Sweatshop-Bewegung mit, und zwar auf dem Catwalk. Der ragt von der Pfauenbühne aus weit und weiss ins Parkett hinein, frisst wohl um die dreissig Sitzplätze; und auf ihm liefern Lee-Ann Aerni, Ann Mayer und Lukas Stäuble ihr (arg) langes Intro in die rund 100-minütige Recherche «Sweatshop – Deadly Fashion» ab.

Die drei, zwischen 1993 und 1999 geboren, sind alte Hasen des Jungen Theaters Basel. So wie auch der Kameramann Robin Nidecker und natürlich der Regisseur Sebastian Nübling. Und wenn die spielfreudigen Darsteller zur ironischen Choreografie ihre Textfetzen fetzen, hört man, woher sie kommen.

Helvetische Variante der norwegischen Blogger

Lee-Ann: «Insta, insta, insta, insta...», Lukas: «Gram, gram, gram...», Ann: «Eimol dusse, bisch es Statement, e Punkt, es Usruefezeiche. Hüt bin i feminin, morn bin i maskulin, übermorn dazwüsche.» Lukas: «Mir sind nid nur alles. Mir sind es au gliichziitig.»

Und vor allem sind sie hier die helvetische Variante der naiven norwegischen Fashionistas und Mode-Blogger Anniken, Frida und Ludvig: Diese ­erreichten vor drei Jahren mit der (von der Zeitung «Aftenposten» initiierten) Onlineserie über ihre Erkundungsfahrt zu kambodschanischen Textilfabrik-Arbeiterinnen ein Millionenpublikum.

Ausbeutung und Armut bekamen Gesichter, und Firmen wie H & M gerieten in Erklärungsnot. Geändert hat sich trotzdem nicht viel. Für die theatrale Neuauflage von «Sweatshop» wurde das schockierende Datenmaterial auf den neusten Stand gebracht, journalistisch korrekt samt Gegenargumenten.

24 Kollektionen pro Jahr

Immer mal wieder wird es von einem schaurigen Goth – die mit der Verweigerung, den schwarzen Kleidern und weissen Gesichtern – dazwischengeworfen. Wir erfahren alles, von den 100 Milliarden neu gefertigten Kleidungsstücken pro Jahr über die hohe Wegwerfquote, die kurze Tragedauer und die 24 Kollektionen, mit denen Ketten wie Zara oder H & M jährlich den Markt fluten, bis hin zu den 18 Rappen, die eine Arbeiterin für ein T-Shirt erhält, das bei uns für rund 30 Franken über den Ladentisch geht.

Die sogenannte Fast Fashion ist ein Killer – in Kambodscha, Bangladesh, Äthiopien. «Ich has im Fall jetzt checkt, und weisch was, es isch mir egal», brüllt Lee-Ann in wütender Verzweiflung. Etwas von dieser Verzweiflung spürt man im ganzen Text, für den an erster Stelle die Schriftstellerin und TA-Kolumnistin Güzin Kar zeichnet. Mitbeteiligt waren der Autor und Theaterpädagoge Lucien Haug sowie die zehn Ensemblemit­glieder aus Basel und Zürich.

Sie landen bereits zum Auftakt fiese Treffer wie «Du wärsch gärn kritisch, bischs aber nid. Dorum bisch unkritisch und seisch eifach: Unkritisch ischs neue Kritisch. Classic move! Drbi isch längschtens Kritisch s neue Unkritisch.»

Faule Stellen unserer Seele

Von dem Startpunkt aus hebelt sich die Reportagereise schon vor dem ersten Meter aus. Der Weg ins Killerparadies der Fast Fashion ist nicht bloss mit harten Fakten gepflastert, sondern mit den weichen, vulgo: faulen, Stellen unserer Seele. Unseres Gewissens.

Vorgeführt wird dies via Livecam in den Filmsets, die der fantastische Raum-Künstler Dominic Huber auf der Bühne verteilt hat: in der klaustrophobischen Nähbude einer Textilarbeiterin oder in der überquellenden Garderobe eines Kleiderladens.

Die Lagerfeuerszene über den finalen Black Friday des Westens ist ganz grosses Kino, äh Theater.

Aber auch im Schlafzimmer eines westlichen Durchschnittsteens, wo dieser Fashiondebakel und Selbstwertcrashs erleidet; in einer Science-Fiction-Raumstation, in der ein Yeti die Manipulationsmaschinerie der Modemacher ad absurdum führt; und endlich in einem unheimlichen Lift, der auch mal bis in die unterirdischen Stollen des kapitalistischen Systems fährt.

Da berichten später zwei Roboter vom Untergang der Welt, wie wir sie kennen: Bühne frei für Matthias ­Neukirch, Markus Scheumann und eine bitterböse Komödie. Die Lagerfeuer­szene über den finalen Black Friday des Westens ist ganz grosses Kino, äh Theater.

Damit wir etwas Gutes tun

Ab und an war ja ob all des Infotainments der Spass und auch das Spüren etwas ins Hintertreffen geraten; längte sich Nüblings Gutmenschen-Soiree. Trotz trickreicher (Film-)Technik, affengeiler Running Gags mit Yeti, vertrackter Philosophastereien übers Ich und sein Imitat. Vielleicht auch w e g e n. Jetzt aber ist man ganz bei Scheumann und Neukirch in der Dystopie nach dem ­«kollektiven Selbstmordattentat, das nichts übrig liess von den ganzen Banken, die stanken, und den bösen börsenkotierten Unternehmen»; und von unserer Ära, wo Kleider «Ersatz» waren «für Macht, Ruhm, den Erfolg, den man nicht hatte». Der «Homo Zalando bangte um Wohnung, Job, seinen Platz im Freundeskreis, seinen Partner und seine Würde».

Damit wir diese woanders finden und tatsächlich etwas Gutes tun, hängt «Sweatshop» couragiert einen Haufen Handlungsaufrufe, Flyer, Unterschriftensammlungen an. So lässt man es sich doch glatt gefallen, das Theater als moralische Anstalt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2018, 20:39 Uhr

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