Der linke PR-Crack

Imran Ayata ist Politikwissenschaftler, Autor und DJ. Er hat Tipps für die Linken, die regelmässig vor den rechten Storytelling-Künsten in die Knie gehen.

Das PR-Genie Imran Ayata weiss, wos langgeht – und wie man das in digitalen Zeiten am besten kommuniziert. Foto: Reto Oeschger

Das PR-Genie Imran Ayata weiss, wos langgeht – und wie man das in digitalen Zeiten am besten kommuniziert. Foto: Reto Oeschger

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Er rief den Hashtag #FreeDeniz ins Leben und stand vor dem Gefängnistor in der Türkei, als der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel im Februar 2018, nach einem Jahr Haft, endlich rauskam. Er war auch einer der Mitbegründer der antirassistischen und antinationalistischen Formation Kanak Attak. Der 1969 in Ulm geborene PR-Crack Imran Ayata schaffts, im kapitalistischen Kampf um die Ressource Aufmerksamkeit Gewinne einzufahren für Dinge, die nichts mit Konsum und Profit zu tun haben.

Als der studierte Politikwissenschaftler, Autor und DJ 1998 als Juniorberater bei der PR-Agentur A&B One einstieg – wo er während der nächsten 14 Jahre zum Geschäftsführer des Berliner Büros, zum Mitgesellschafter und inoffiziellen Kronprinzen aufsteigen sollte –, da guckte so mancher ehemalige Kommilitone erst mal irritiert ob des vermeintlichen Verrats: was für ein Seitenwechsel!

(K)Ein Seitenwechsel

Doch seit Imran Ayata 2013 mit zwei Kollegen eine eigene Kommunikationsagentur namens Ballhaus West gegründet hat, im gleichen Jahr das Kreuzberg-Stück «Liga der Verdammten» stemmte und die CD «Songs of Gastarbeiter Vol. 1» herausgab, schauen sie gern bei ihm rein, wenn sie Hilfe brauchen. Und das ist gar nicht mal selten.

Denn ohne Werbung läuft kaum noch was. «Die Öffentlichkeit hat sich strukturell völlig verändert», sagt der Star-Kommunikator am Symposium über Propaganda im Zürcher Neumarkt-Theater. Politisches Marketing etwa habe es seit der Antike gegeben, doch seine Relevanz sei exponentiell gewachsen.

Ein Clip aus der «Wir sind Rechtsstaat»-Kampagne, die Imran Ayatas Agentur kreiert hat.

Dass ein Staat wie die Bundesrepublik Deutschland für sich selbst und seine Grundsätze die Landschaft voll plakatiert, wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Mittlerweile aber ruft das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz bei der Agentur Ballhaus West an, um schlagkräftige Werbung für den Rechtsstaat zu bestellen. Denn Imran Ayata kann Kampagne.

Wie muss diese aussehen? Wie erreicht man «das neoliberale Selbst, das in Teilöffentlichkeiten sein Zuhause findet», wie Ayata formuliert?

Dies ist eines der Plakate aus der Kampagne, die die Bundesrepublik Deutschland bei Imran Ayatas Agentur bestellt hat.

Heutzutage agiert einerseits der «Einzelheinz» (Ayata). Andererseits versprechen uns nebulöse «Wir»-Gruppen jene Geborgenheit, die wir in der fragmentierten Welt verzweifelt suchen – und eine Kampagne, die diese Sehnsucht nicht in irgendeiner Form bespielt, hat schlechte Karten.

Im Netz ist jeder ja stets beides: verlorene Seele und Seelenfänger; Empfänger und Sender. Werber im WWW tun gut daran, sich einen Konsumenten zu denken, der sich mit einem Produkt auch «Gemeinschaft» nach Hause holen will und der geübt darin ist, interaktiv zu agieren. So hat Hashtag-Aktivismus schon eine Menge in Bewegung gesetzt.

Um die Frage nach der richtigen Propaganda in digitaler Zeit kommt also niemand herum, der etwas anzubieten hat: ob Ideologie, Reiseziel oder ein Paar Schuhe. «Die Digitalisierung verändert alles, Kampagnen sowieso», postuliert der eloquente Wahl-Berliner mit den scharfgeschnittenen Gesichtszügen. Und geschmeidig präsentiert Ayata seine Argumente und Statistiken dazu – vorne am Vortragspult wie danach beim persönlichen Gespräch.

Dies alles geschieht während einer einzigen Minute Internet.

Verkäufer wissen, die Musik spielt im Netz: In einer Internet-Minute läuft eine jährlich zunehmende Menge an Interaktionen ab.

2019 wurden, um nur ein paar Kennzahlen anzuführen, pro 60 Netz-Sekunden von den Usern 996’956 US-Dollar ausgegeben (2018: 862’823). Es wurden 18,1 Millionen iPhone-Textnachrichten verschickt (2018: 18 Millionen) und 188 Millionen E-Mails (187 Millionen). Die Nutzer schauten in der kurzen Zeitspanne 4,5 Millionen Youtube-Videos (4,3 Millionen), tätigten 3,8 Millionen Google-Recherchen (3,7 Millionen) und 1 Million Facebook-Log-ins (973’000).

Entsprechend verzeichnet Facebook mehr Nutzer als China Einwohner. Und dass sich gerade die 18- bis 29-Jährigen vermehrt bei den Social Media und sonstigen diversen Onlineangeboten übers aktuelle Geschehen informieren (bei den 50- bis 69-Jährigen hat das Fernsehen mit Abstand die Nase vorn, gefolgt von den Printausgaben der Tageszeitungen), spricht eine deutliche Sprache.

So informieren sich die jungen Leute heute. Und die anderen Generationen.

In einer derart digital fokussierten Welt vermischten sich virtuelle und reale Wirklichkeit, weiss Werber Ayata. Auf landesweite Diskurse lasse sich einzuwirken: Die Geschichte, die am besten erzählt werde, habe am meisten Anhänger; ihr Wahrheitsgehalt spiele die geringere Rolle, ist Ayata überzeugt.

Und er stellt fest: Rechte können Storytelling oft besser. Sie «setzen Begriffe mit klarem Spin, bauen sie zu Bildern aus, betten sie in ein Narrativ ein. ‹Merkels Grenzöffnung› ist eine – faktisch falsche – Erzählung, an deren Ende Flüchtlinge an nahezu jedem gesellschaftlichen Problem schuld sind.» Virtuos pflanzen sie Symbole und Zeichen ins kollektive Bewusstsein ein wie Trump seine permanente Daumen-hoch-Gymnastik. Sie sind Ikonografie-Artisten.

Noch eine Kampagne aus dem Hause Ballhaus West.

Von Erdogan über Trump bis Bolsonaro würden die Techniken des Storytellings die meisten idealistischen Bemühungen um Fakten und Werte der Demokratie schlicht plattmachen. Diesem Phänomen mit Verständnis oder Faktenchecks zu begegnen, sei sinnlos, erklärt das Kommunikationsass. Die damit verbundene Wiederholung des Falschen verfestige die Fake News bloss.

Was es brauche, seien bessere Geschichten, «progressive Visionen, die eine Überwindung des Status quo versprechen – wie die Rechten». Denn von dieser Überwindung träumen die Menschen.

«Kampagnen bleiben Gesichter und Geschichten einer Idee.»Imran Ayata

Eine Kampagne mit Biss ist sozusagen ein gekonntes Stück szenisches Schreiben, ist Theater. Ayata spricht von einem «Narrativ mit Gegenbild». Die reine Negation gegnerischer Ideen hingegen sei eher kontraproduktiv. Der Campaigner resümiert: «Kampagnen bleiben Gesichter und Geschichten einer Idee», egal, ob es um Cola geht oder um den Rechtsstaat.

Zwei meisterhafte Exempel dafür, die rund um den Globus nachhallten, sind laut Ayata der Gillette-Spot «We believe: the best men can be» mit der #MeToo-Stossrichtung von der Agentur Grey New York und der antirassistische Nike-Spot «Dream Crazy» mit Colin Kaepernick von der Agentur Wieden & Kennedy, Portland.

Dieser Nike-Spot wurde in Cannes ausgezeichnet – und liess wütende Rednecks ihre Turnschuhe verbrennen.

Doch, doch, bei aller Kritik an der linken Unfähigkeit zur Selbstvermarktung hofft Imran Ayata durchaus auf gesellschaftliche Veränderung. «Aber es reicht nicht, eine Rentenerhöhung von 10 Euro zu versprechen. Es fehlt die Erzählung dazu: Der Linken mangelt es an einer glaubwürdigen Geschichte als Alternative zum Neoliberalismus. Wo sind die progressiven Storylines, die Wähler überzeugen? Allerdings brauchen solche kampagnenhaften Erzählungen natürlich eine Programmatik, ein politisches Vorhaben.»

Die AfD beispielsweise – die jetzt in Thüringen zweitstärkste Kraft wurde und beide grossen Volksparteien überholt hat – habe gar kein klares Rentenkonzept, verkaufe aber ein diffuses isolationistisches Idyll, das sich der globalen Wertschöpfungskette verweigere. Im Grunde entspricht dies dem Slogan «America First». Da dockt man geschickt an die Ängste und Bedürfnisse der Bevölkerung an.

Der türkische Präsident Recep Erdogan hatte seine Klientel über die Jahre mittels ähnlicher Strategien, symbolpolitischer Aktionen und einer Optik des «Ich bin einer von euch» an sich gebunden. Erst seit dem ökonomischen Niedergang würden die Bindungen brüchig, verfange das Storytelling nicht mehr recht, konstatiert der PR-Könner.

#FreeDeniz hat geklappt! Deniz Yücel vor dem Gefängnis in den Armen seiner Frau. Foto: Veysel Ok/Keystone

Ob die diktaturaffinen Machthaber der Welt es am Ende doch schaffen, die Demokratien abzuwickeln? «Jedenfalls», warnt Imran Ayata, «ist es allerhöchste Zeit, dass demokratische Parteien und Linke um die öffentliche Deutungsmacht viel stärker kämpfen und dabei im Zeitalter der Digitalisierung eigene Akzente setzen.»

Erstellt: 04.11.2019, 15:28 Uhr

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