Der Mensch ausser Balance

Die Bilder von Sabine Weiss gehören zum Unesco-Welterbe. Eine Ausstellung in Kriens stellt die grosse, aber wenig bekannte Schweizer Fotografin vor.

«Vers la lumière», Paris 1953. Foto: Sabine Weiss © Pro Litteris 2017, Zürich

«Vers la lumière», Paris 1953. Foto: Sabine Weiss © Pro Litteris 2017, Zürich

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Manchmal hat die Katastrophe ein erschreckend gutes Gespür für das richtige Timing. Sabine Weiss ist 22, sie hat ihr Diplom in der Tasche, nach drei Jahren Lehre im Atelier Boissonnas in Genf, an einer der besten Adressen im Land. An der Rue du Marché hat sie ihr Büro eröffnet; ihre erste Reportage ist eben erschienen, ein Bildbericht über den Urlaub amerikanischer GIs in Genf nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Und dann – implodiert ihre Liebe.

«Aufgrund amouröser Komplikationen», so wird sie es später formulieren, verlässt Weiss 1946 ihr Land in Richtung Paris. Sie kommt in eine Stadt, in der sich gerade eine neue fotografische ­Bewegung formiert. Die nennt sich «humanistische Fotografie», und heute, 70 Jahre später, kennt man Sabine Weiss als letzte lebende Vertreterin dieser Schule. Sie ist zum Kulturgut geworden, für die Franzosen jedenfalls. In ihrer alten Heimat dagegen hängen Reproduktionen ihrer Bilder sogar in den Haushalten von Fotografen – ohne dass diese ihren Namen je gehört hätten.

Stellt das Selbstverständliche infrage: Sabine Weiss. Foto: Xavier de Fenoyl

Aber vielleicht ändert sich das jetzt doch noch. Nach zwei Ausstellungen in Lausanne (1987) und Martigny (2013) gibt es jetzt diese grosse Werkschau des Pariser Kunsthauses Jeu de Paume, die derzeit im Museum im Bellpark im luzernischen Kriens gastiert. Aber «humanistische Fotografie», was ist das eigentlich? 1989 hat Sabine Weiss in ihrem Bildband «Intimes convictions» ihr Metier schlüssig erklärt. Sie wolle «festhalten, was im nächsten Moment vergangen sein wird»: den Ausdruck eines Gesichts, den Auftritt eines Passanten. Zugleich aber wolle sie keine blossen Anekdoten erzählen, sondern «das Wesentliche des Menschen» zum Ausdruck bringen.

Vom Detail zum Ganzen, vom Einzelnen zum Universalen: Aus Abbildern sollen Sinnbilder werden. Dass sie gerade in Paris entstehen, ist wahrscheinlich kein Zufall. Hier findet Weiss den universalen Menschen, und zwar auf ihren Streifzügen durch die einfachen Quartiere. Sie sieht die zufälligen Begebenheiten vor den Bistros; die kurzen Momente von Glück und Einsamkeit auf dem schimmernden Pflaster; das überraschende Aufscheinen von Anmut in einem ärmlichen Alltag.

Erfolge in den USA

All das gibt es natürlich überall. Doch Paris ist eben Wiege und Welthauptstadt des existenzialistischen Denkens, das damals zum Breitensport wurde. Zudem versteht sich die Stadt schon länger als Bühne, auf der sich das «Leben in all seinen Erscheinungsformen» zeigt. So hat etwa die Illustrierte «Paris Moderne» schon um die Wende ins 20. Jahrhundert ihr Bildprogramm formuliert: Die Leute auf den Strassen der Stadt seien Akteure in einem Schauspiel. Kostüme und die Kulissen mögen wechseln, «doch das Schauspiel geht weiter».

Das Stück von der menschlichen Existenz wird also in Paris gegeben. Das finden auch die Amerikaner, als sie die Bilder der Humanisten sehen. 1949 zeigt sich die französische Fotografie in einer Ausstellung in New York; in diesen «einfachen, menschlichen, gelegentlich melancholischen Bildern» entdeckt die Kritik «eine Subtilität, eine Toleranz und ein Verständnis, die amerikanischen Fotografien häufig abgehen».

Da ist er also, der Humanismus. Er macht die Pariser Fotografie zum Exporterfolg, und Sabine Weiss ist bei diesem Kulturtransfer vorn dabei: Sie hat selbst einen Fuss auf der anderen Seite des Atlantiks. 1950 heiratet sie, geborene Weber, den US-Maler Hugh Weiss, den sie in Paris kennen gelernt hat. Ab 1952 fotografiert sie für die grossen amerikanischen Magazine wie «Time» oder «Life». 1954 gibt es Einzelausstellungen in mehreren Städten. Und als das New Yorker Moma im Jahr darauf «The Family of Man» eröffnet, die laut Eigenwerbung «grösste Fotoausstellung aller Zeiten», die auf ihrer Welttournee nicht weniger als 10 Millionen Besucher erreichen wird: Da zeigt Weiss drei der 503 Fotos dieses visuellen Epos, das von den «universalen Gesten und Gefühlen» des Daseins erzählt. Im Zentrum: eine Reihe ähnlich aufgenommener Familienporträts aus allen möglichen Ländern. Eine Familie, so die Botschaft, ist eine Familie, über alle sozialen oder kulturellen Unterschiede hinweg. Eigentlich ist das eine Predigt, keine Ausstellung.

«Jeune mineur dans le Nord de la France», 1955. Foto: Sabine Weiss © Pro Litteris 2017, Zürich

Nach der Apokalypse des Zweiten Weltkriegs vermittelt Sabine Weiss einen doppelten Optimismus. Zum einen den Glauben an die «Einheit des Menschengeschlechts», wie es im Katalog heisst: «Gleich sind wir in allen Erdteilen im Verlangen nach Nahrung, Liebe, Kleidung, Schlaf, Verehrung, Spiel.» Zum andern ist es der Glaube an die Fotografie. 1958 kommt «The Family of Man» nach Bern, Basel und ins Zürcher Kunstgewerbemuseum. Die Presse ist beeindruckt von der «Gewalt der fotografischen Sprache», mit der sie die «Verbundenheit der Menschheit» beweise. 2004 wird die Unesco «The Family of Man» zum Weltkulturerbe erklären.

Die humanistische Fotografie hat ihre besten Tage aber schon um 1960 hinter sich, und das erfährt auch Sabine Weiss. In den Sechzigern verliert die Kunstwelt das Interesse an ihr, sie fotografiert fortan praktisch nur noch in Farbe, was damals heisst: für Mode- und Lifestylemagazine sowie für die Werbung. In privaten Arbeiten bleibt Weiss aber dem Schwarzweiss ebenso treu wie dem humanistischen Credo: Auf ihren Reisen führt sie die Tradition weiter, die seit je auch ihre eigene ist. «Wenn die heut­zutage tonangebenden Fotografen uns für sentimental halten, so mag das daher kommen, dass die Menschen früher optimistischer waren», sagt sie in ihren «Convictions»: «Sie hatten eine schwere Prüfung überstanden und glaubten, von vorne anfangen zu können.»

Und heute? Sabine Weiss ist 92. Die «Familie der Menschen» ist die Familie von Benetton und Apple geworden. Alle Menschen, eine Welt: Das ist kein fotografisches Statement mehr, sondern eine Bildformel, mit der Konzerne Reklame machen. Andererseits hat Frankreich die «humanistische Fotografie» wiederentdeckt, als Teil der Fotogeschichte und mit nostalgisch gestimmtem Blick.

Zeitlose Bilder

Das neueste Kapitel dieser Wiederentdeckung ist die Ausstellung in Kriens. Es ist kein Wunder, dass das Werk von Sabine Weiss eine Zeitlosigkeit entwickelt hat und sich ihre späteren Fotos kaum von den frühen unterscheiden lassen. Kein Wunder, packen einen jene Bilder am meisten, die am wenigsten als Sinnbilder taugen. Sie zeigen, dass Weiss nicht nur die Liebe zum Menschen, sondern auch die präzise Beobachtung beherrscht. Und man entdeckt jene kleinen Unheimlichkeiten, auf die Robert Doisneau hingewiesen hat, der berühmteste Kopf der humanistischen Schule und ein Förderer von Weiss. Sie habe in ihre Bilder «Momente des Ungleichgewichts» eingebaut, «in denen das Selbstverständliche fragwürdig wird».

Die Szene mit den Teenagern zum Beispiel, die sich im Brachland der Vorstadt raufen («Terrain vague, Porte de Saint-Cloud, Paris», 1950): Ist das noch Spass? Welche Regeln gelten hier draussen? Und warum sieht man das ­Gesicht des Mädchens nicht? Oder der Bettlerbub («Petit mendiant à Tolède, Espagne», 1954): So genau will man lieber nicht wissen, was für eine Art Lebenserfahrung sich in diesem Blick spiegelt. Womöglich ist die menschlichste Fotografie jene, die sich der bequemen Einfühlung am längsten verweigert.

Bis 5. 3. im Museum im Bellpark, Kriens. Katalog: Editions de La Martinière/Jeu de Paume, Paris 2016.

Erstellt: 06.01.2017, 18:20 Uhr

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