Er glaubte, Angela Merkel wolle ihn töten

Klaus Gauger litt 20 Jahre an paranoider Schizophrenie. Jetzt hat er ein luzides Buch über seine Krankheit geschrieben. Und über seine Erfahrungen mit der Psychiatrie.

«Es wird einem nie langweilig»: Klaus Gauger über seine schizophrene Erkrankung. Foto: Christian Flierl (13photo)

«Es wird einem nie langweilig»: Klaus Gauger über seine schizophrene Erkrankung. Foto: Christian Flierl (13photo)

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Er erwachte nachts um drei und wusste endlich, was los war: Er wurde abgehört. Von einer unbekannten Macht. Die hatte in seinem Zimmer Mikrofone aufgestellt. Klaus Gauger, Doktorand der ­Literaturwissenschaften in Freiburg im Breisgau, wohnhaft bei seinen Eltern, machte Licht und schaute unter seinem Bett nach. Keine Mikrofone.

Natürlich: Sie waren versteckt. Er durchschlug die Holzwand seines Dachzimmers, «mit blosser Faust», erinnert er sich, «ich war damals gut trainiert». Er riss die Holzlatten heraus. Sein Lärm alarmierte die Eltern, sie kamen die Treppe hoch, zu Tode erschrocken. Es gebe hier keine Mikrofone, sagte die Mutter. Der Sohn interpretierte das als weiteren Versuch, ihn zu belügen, und ging auf sie los. Die Eltern riefen den Notarzt, der kam mit zwei Polizisten. Sie lieferten den Sohn in die Psychiatrische Klinik Freiburg ein. Das war im Februar 1994. Klaus Gauger war 29 Jahre alt.

Zwei Dutzend Jahre später sitzt er einem in der Stube seiner Eltern gegenüber. Ein mittelgrosser Mann, kahl mit Brille, stark übergewichtig – eine der schlimmsten Nebenwirkungen der Medikamente, die er einnimmt. Gauger redet schnell, laut und genau. Genauso liest sich sein Buch mit dem lakonischen Titel «Meine Schizophrenie». Er schreibt und schreibt und schreibt, man liest und liest und liest.

Mit offenem Gehirn

Dieser 52-jährige Mann mit dem runden Gesicht, höflich und gewinnend, hat eine zwanzigjährige Krankheit hinter sich: eine paranoide, von manischen Schüben gesteigerte Schizophrenie, auf die depressive Erschöpfungen folgten, bevor der Wahn ihn wieder überwältigte. Dann lief er mit offenem Gehirn herum. Die Passanten konnten darin lesen und natürlich auch seine Feinde, die jeden Therapeuten kontrollierten, den er aufsuchte, und ihn zu einer Marionette machten. So wurden mögliche Freunde zu sofortigen Feinden.

Auf seinen Fluchten sah sich der Gepeinigte von Scharfschützen umgeben. Jede Colaflasche konnte vergiftet sein, Totenköpfe grinsten am Strassenrand, Werbeplakate sandten geheime Zeichen, die Männer am Nebentisch waren Geheimagenten. Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und die ganze EU wollten ihn ausschalten, der um die Welt hetzte und nicht merkte, dass er sein eigener Hetzer war. Klaus Gauger war ununterbrochen am Senden ohne Empfänger. Und am Empfangen ohne Sender.

Wer so verfolgt wird, muss wichtig sein, darum gehören Grössenwahn und Verfolgungsangst zusammen. In seinem Buch beschreibt Gauger das manische Hoch, das aus diesem seinem Wahn entstand. «In meiner Fantasie und meinem Grössenwahn sah ich mich als genialen Strategen, der die ausgeklügelten Finten meiner Gegner mit scharfem Blick durchschaut hatte», notiert er an einer Stelle.

«Wie eine Vergewaltigung»

Er hat seinen Wahn verloren, aber seinen Humor behalten: «Wissen Sie, wenn Sie paranoid sind, werden Sie manchmal nervös», sagt er in vollendeter Untertreibung. «Es wird einem nie langweilig bei sich selber.» Er lacht. Seine Antworten sind leuchtend klar formuliert, er kennt sich aus bei Medikamenten, Symptomen und der psychopathologischen Theorie. Sowieso hat er viel gelesen, Sachbücher und Belletristik.

Jack Kerouacs «On the Road» ist sein liebstes Buch; dissertiert hat er über Ernst Jüngers kriegerisches Frühwerk. An Jünger interessierte ihn «diese Mischung aus Kälte, Distanz und kontemplativer Gelassenheit». Er hat sich auch in die Kybernetik eingearbeitet, die Kunst des Steuerns, und sie zu einem komplexen Teil seines Wahns verschraubt. Man spürt seine analytische Intelligenz. Seine häufigste Frage während des Gesprächs lautet: «Verstehen Sie?»

Den Zwangsaufenthalt in der Klinik, seinen ersten damals, erlebte er wie eine Vergewaltigung. «Das war wortlos, autoritär, unfreundlich. Einfach mit dem Hammer obendrauf.» Am meisten quälte ihn der Chefarzt, der ihn drängte, eine Erklärung zu unterschreiben, ansonsten werde er entmündigt. Gauger baute auch ihn in seinen Wahn ein, war überzeugt, von ihm kontrolliert zu werden. In seinen Blogs, die er später ins Netz schickte, tobte er gegen ihn an: «Sie sind ein schwanzlutschender Hurensohn, ein inkompetenter Schrottpsychiater, ein spiessiger, humorloser Dackel, ein hirnloser Schwachkopf und ein Drecksack.» Mangelnde Deutlichkeit kann man ihm nicht vorwerfen.

Den Zwangsaufenthalt in der Klinik, seinen ersten damals, erlebte er wie eine Vergewaltigung.

Die Eltern erfuhren seine Diagnose aus einer Spitalrechnung. «Mit uns hat kein Arzt geredet», erinnert sich der Vater. Er lehrte als Professor für Linguistik an der Universität, an der sein Sohn studierte. Die Mutter, eine Spanierin, arbeitete als Studienrätin. Klaus hat einen jüngeren Bruder, der ist Informatiker. Gauger hat sein Buch den Eltern gewidmet, weil sie ihn unterstützt hatten, ihm Geld gaben, ihm zuredeten.

Aber nichts und niemand half. Zwar nahm er antipsychotische Medikamente, die seine Ängste dämpften, aber die machten dick und müde und leblos, also setzte er sie wieder ab. Er lebte verzweifelt und einsam, arbeitete als Lehrer und Journalist, besuchte einen Therapeuten nach dem anderen. Nichts hielt auf Dauer. Seine Freundin hatte ihn verlassen, seine meisten Freunde auch; sie hielten ihn nicht mehr aus.

Er irrte bis nach Tokio

Am Silvesterabend 2012, Gauger war schon Mitte vierzig, verlor er den letzten Rest Verstand. Er war jetzt überzeugt, dass ihm in Deutschland Gefahr drohte, sogar in seiner friedlichen Heimatstadt. Gauger fuhr nachts nach Basel, irrte umher, traf einen freigelassenen Häftling, fuhr mit ihm nach Brüssel, wo er beim Global Brain Institute Hilfe zu finden hoffte. Auf der Autobahn sah er einen LKW mit Werbung für den «Guardian». «Das war ein Zeichen meiner Unterstützer», schreibt er; «ich sollte nach London kommen.» Dort gab es auch keine Hilfe, also fuhr er nach Amsterdam, dann nach Paris, wo er realisierte, dass in Europa keine Hilfe zu finden war. Er musste nach Amerika, denn Barack Obama war sein Freund. Gauger flog nach New York, später nach San Francisco, Washington, zurück nach New York, ins kanadische Toronto, zurück in die USA, die er mit dem Greyhound durchquerte. Schliesslich flog er nach Tokio. Dort glaubte er, ein Yakuza-Killer sei auf ihn angesetzt.

Er konnte sich diese Flüge leisten, weil seine verzweifelten Eltern ihm immer wieder Geld überwiesen. «Wir hörten, dass er bei McDonald’s oder im Freien übernachtet hatte», sagt der Vater. «Wir wollten doch nicht, dass er verelendete.» So raste der Sohn durch die Kontinente, während seine Mutter seinetwegen in eine Depression fiel. Er merkte nichts davon, wofür er sich heute schämt: «Die Krankheit macht dich zu einem Egozentriker», sagt er. «Du nimmst keinen anderen wahr ausser in Beziehung zu dir.» Diese luziden Momente gehören zu den Stärken des Buchs von Gauger, der Berichtendes mit Analytischem abwechselt. Er hat einen rhythmischen, anschaulichen Stil; nur die überhäufigen Ausrufezeichen stören, aber die wurden ihm hineingeflickt. Das Schreiben habe ihm geholfen, sagt er, das Erlittene zu verarbeiten.

«Die Krankheit macht dich zu einem Egozentriker».Klaus Gauger

Seine Krankheit verlief insofern untypisch, als die Schizophrenie ohne Nebenwirkungen auftrat. Er erlitt keine kognitive Einschränkungen, nahm auch keine Drogen. «Ich litt, wie einer meiner Therapeuten sagte, an einem reinen Wahn.» Und weil der Wahnhafte keine Einsicht in seine Krankheit hat, befürwortet Gauger – unter gewissen Umständen und bei einer mitfühlenden Behandlung – die Zwangseinlieferung eines schizophrenen Patienten. «Zu seinem eigenen Schutz», sagt er.

Keine Totenköpfe mehr

Wie aber konnte er sich selber aus der Krankheit befreien? Der Genesene nennt eine Kombination von drei Gründen: die physische und psychische Erschöpfung nach seiner monatelangen Flucht vor sich selbst. Die Begegnung mit einem spanischen Psychiater in Hues­­ca, einer Stadt am Fuss der Pyrenäen: «Er war aufmerksam, mitfühlend und hörte mir zu.» Und eine neue Kombination von Medikamenten, darunter das per Depotspritze verabreichte Xeplion. Schon nach zehn Tagen wich der Wahn von ihm, was sonst nie vorkommt. «Mein Gehirn schien nicht mehr vernetzt zu sein», schreibt er. «Ich hatte keinerlei optische Halluzinationen mehr, ich sah keine Totenköpfe und keine anderen beunruhigenden Anzeichen.»

Heute fühlt sich Klaus Gauger gesund, wobei er die Medikamente weiternimmt – «als Brandmauer gegen meine Krankheit». Eine Karriere ist für den 52-Jährigen nicht mehr möglich, die meisten seiner alten Freunde hat er verloren, die neuen lernte er in der Klinik kennen. Sein Gewicht bedrückt ihn, er überlegt sich eine Magenoperation. Er wohnt im Parterre des Elternhauses, schreibt, liest, hört Musik. Sein Buch ­allerdings verkauft sich, es bekam gute Kritiken.

Sogar eine Arbeit hat er gefunden, und man kann sagen, dass sie von seiner Kernkompetenz profitiert. Denn Klaus Gauger arbeitet als Patientenbegleiter; er betreut Frauen und Männer, denen es jetzt so schlecht geht wie ihm früher. Und weil er dasselbe durchgemacht hat, fühlen sie sich von ihm verstanden. «Es gibt da eine gewisse Verbundenheit», sagt er. «Vermutlich bin ich besser für solche Gespräche geeicht.»

Niemand kann die Hölle verstehen, die diese Patienten durchleben. Ausser ein Höllenbewohner.

Klaus Gauger: Meine Schizophrenie. Herder, Freiburg i. Br., 2018. 230 S., ca. 22 Fr.

Dieser Artikel erschien erstmals am 23. April 2018 bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2018, 16:00 Uhr

Paranoide Schizophrenie

Der Wahn, verfolgt zu werden

Bis zu einem Prozent der Bevölkerung erkrankt an Schizophrenie, wobei es durchaus vorkommen kann, dass diese nur in wenigen Phasen auftritt. Auch chronische Erkrankungen sind möglich oder jähe, schubweise Attacken. Eine besonders quälende Variante ist die paranoide Schizophrenie. Sie wird von akustischen oder optischen Halluzinationen begleitet, die sich mit anderen Erlebnissen zu einem komplexen Wahn verdichten. In einer floriden Phase fühlt sich der Patient von unbekannten Mächten verfolgt, und er liest aus allen Erlebnissen, Gesprächen und Büchern Warnungen, die ihn ängstigen. Und denen er nie entkommen kann, weil er selber sie ja produziert. Die Ursache solcher Krankheit ist multifaktoriell: Stoffwechselstörungen im Gehirn, genetische Vorbelastungen, Lebensgeschichte und Persönlichkeit des Patienten. (jmb)

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