Der schlecht verkleidete Jargon von Gangstern

Ein deutscher Literaturwissenschaftler hat die sprachliche Manipulation der AfD untersucht.

Er hält sich mit seiner Sprache geschickt diesseits der Grenze des Justiziablen: AfD-Parteichef Alexander Gauland. Foto: Keystone

Er hält sich mit seiner Sprache geschickt diesseits der Grenze des Justiziablen: AfD-Parteichef Alexander Gauland. Foto: Keystone

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Die Rhetorik der Alternative für Deutschland (AfD) mit ihren gezielten Tabubrüchen sorgt immer wieder für Empörung, sei es, dass der Rechtsaussen aus Thüringen, Björn Höcke, das Holocaust-Mahnmal als «Denkmal unserer Schande» bezeichnet oder Parteichef Gauland das «Dritte Reich» als «Vogelschiss der Geschichte».

Schwer ist es allerdings, den AfD-Politikern Verstösse gegen Straftatbestände nachzuweisen; sie halten sich geschickt diesseits der Grenze des Justiziablen. Wie ihre rhetorische Strategie funktioniert, hat jetzt Heinrich Detering untersucht, einer der bedeutendsten Literaturwissenschaftler Deutschlands, und seine Ergebnisse im Zentralkomitee der Katholiken Deutschlands vorgetragen (Link zur Rede).

Um den sprachlichen Strategien der AfD auf die Schliche zu kommen, meint Detering, müsse man weg von der Fixierung auf einzelne Schlagworte und die «Perfidie von Wortfeldbeziehungen» sowie «kalkulierte Mehrdeutigkeiten» betrachten. Etwa den Umgang mit dem Begriff «System». Alexander Gauland betone zwar immer, auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen. Das «politische System» Deutschlands hält er aber für überholt; es reiche eben nicht, dass Kanzlerin Merkel wegmüsse. Regierungswechsel sind im politischen System Deutschlands keine Systemwechsel, sondern Bestandteil eines Systems freier Wahlen. Wer das System ablösen will, steht im Widerspruch zum Grundgesetz. Den Boden, auf dem Gauland zu stehen behauptet, entzieht er rhetorisch gleich wieder.

Der eigentliche Bruch findet für die AfD 1945 statt

Ein anderes Wortfeld ist das «wir», das von den rechtspopulistischen Wortführern ausschliessend definiert wird, im Sinne von: «Wir sind die, die nicht so sind wie die da.» Dabei sind mit «die da» nicht nur Ausländer, Migranten, Flüchtlinge etc. gemeint, sondern, geht man programmatischen Reden auf den Grund, letztlich alle, die nicht so denken wie die Partei. Denn, so kann Detering belegen, deutsche Geschichte und Kultur fassen die Vordenker der AfD als Kontinuum auf, das «Dritte Reich» inbegriffen, weshalb ja auch die Leistungen deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen immer wieder hervorgehoben werden.

Der eigentliche Bruch findet für die AfD 1945 statt. Wie Detering schlüssig darlegt, versteht etwa Björn Höcke unter «unser Volk» das, was am 8. Mai 1945 besiegt und dann einer «systematischen Umerziehung» unterzogen worden ist. Dieses Deutschland will er «sich zurückholen». Auch Parteichef Gauland hat am Wahlabend 2017 in die Fernsehkameras gesagt: «Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen», und es wieder ausgrenzend gemeint: Nicht «zu uns» gehören die Vertreter von Westbindung, Diversität und Offenheit. Das Volk, wie er es versteht, ist identisch mit der AfD, so Detering. Nicht «wir sind das Volk», meine Gauland, sondern: «uns gehört das Volk», «uns steht es zu».

Ins Mörderische gleitet die AfD-Rhetorik, wenn Missliebige, etwa die Integrationsbeauftragte Özoguz – deutsche Staatsbürgerin, nebenbei – «in Anatolien entsorgt» werden sollen. Mit solchen Äusserungen, so Detering, gleichen AfD-Redner «Bandenmitgliedern, die es ihren Opfern erst richtig zeigen, sie dann erledigen und schliesslich entsorgen». Gaulands Sprache, so das Fazit der rhetorischen Analyse, «ist bloss der schlecht verkleidete Jargon von Gangstern». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2018, 17:34 Uhr

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