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Der verkaufte Grossvater

Elf Jahre lang geniesst Alojz Abram seine Rente. Dann hat sein Enkel eine Idee – und plötzlich ist der Grossvater eine Instagram-Sensation.

Alojz Abram: Von Kopf bis Fuss auf Likes eingestellt. Foto: Instagram
Alojz Abram: Von Kopf bis Fuss auf Likes eingestellt. Foto: Instagram

Einmal pro Woche verwandelt sich Alojz Abram (72) in ein Hypebeast. Die Jugendsprache beschreibt so einen Jugendlichen, der überwiegend sehr teure, weil sehr begehrte Kleider und Schuhe sammelt, einzig zum Zweck, seine Mitmenschen zu beeindrucken, finanziert meist von den Eltern. Alojz Abram aus Hechtsheim bei Mainz ist Rentner. Er hat jemanden, der seine Klamotten bezahlt, aber das sind nicht seine Eltern, und er beeindruckt 220'000 Mitmenschen.

Auf der Fotoplattform Instagram ist der Hypebeast-Opa unter dem Pseudonym @jaadiee berühmt. Auf dem allerersten Foto, das von ihm im Internet hochgeladen wurde, lehnt er lässig an einer Backsteinwand. Den rechten Arm in die Hüfte gebeugt, das linke Bein angewinkelt. Er sieht aus, als wüsste er nicht so recht, was er da tut, und vor allem: warum. Warum er sich in rot-weisse Turnschuhe seines Enkels gezwängt hat, die ihm zu klein sind. Warum er Tennissocken trägt, warum er seine Manchesterhose bis über die Knöchel hochgekrempelt hat und warum dieser Brustbeutel über seinem weissen Kapuzenpulli spannt.

«Das war meine Idee», sagt stolz Jannik Diefenbach, Abrams 23-jähriger Enkel. Der junge Mann, rasierte Schläfen unter dichten Haupthaar-Locken, dicke Silberringe an seinen Fingern, wollte sich an Weihnachten vor zwei Jahren einen Spass erlauben. Für seine Freunde wollte er den Opa fotografieren, den er dafür in seine eigenen Klamotten steckte. Was dann folgte, konnte keiner ahnen. Jetzt verdient Alojz Abram mit einer zehnminütigen Verwandlung in mehreren Wochen mehr als in seinem früheren Leben. Da war er Glasmacher. Jetzt geht er dreimal die Woche ins Fitnessstudio, kümmert sich gerne um den Garten und noch lieber um seine Enkel. Deshalb habe er damals auch in den Spass eingewilligt: «Ich wollte Jannik eine Freude machen.» Obwohl das schon eigenartig war, sagt er, also das mit den Turnschuhen, die «kannte ich ja nur vom Sport, im Alltag habe ich nie welche getragen», warum auch?

Seinen Ruhm hinterfragt Opa Alojz nicht – er geniesst ihn. Im Supermarkt, wo Jugendliche auf ihn zukommen und Selfies mit ihm schiessen wollen. Im Fitnessstudio, wo ihm starke Männer auf die Schulter klopfen und ihn um seine Followerzahlen beneiden. Und auf internationalen Turnschuh-Messen, zu denen ihn die Veranstalter einladen. «Neulich, bei einer Messe in Amsterdam, kamen jede Menge kichernde Mädchen auf mich zu», sagt Abram, er staunt noch immer: «Aus China, Indonesien und von den Philippinen.»

Dass ihn die Menschen erkennen, macht ihn stolz. Und das Geld? «Pro Foto kassieren wir einen vierstelligen Betrag», sagt Jannik Diefenbach. Sie bekommen Geld, wenn der Grossvater neue Videospiele spielt und sich dabei filmen lässt. Dafür, dass er einen Turnschuh in die Kamera hält. Oder ein bestimmtes Getränk trinkt. Kooperationspartner schicken ihm ihre Produkte samt Wunschmotiven, die Opa und Enkel dann inszenieren – was nicht selten skurrile Ausmasse annimmt. «Einmal sollte ich mir einen Schal quer über den Kopf legen», sagt Abram, «ich verstehe bis heute nicht, warum.»

Was @jaadiee verdient, bekommt Enkel Jannik. Unter einer Bedingung: Er darf sein Studium nicht vernachlässigen, da ist der Instagram-Grossvater ganz konservativ. Denn sonst, sagt er, ist schnell Schluss mit den Verwandlungen.

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