Die Ästheten ballen die Faust

Die Akademie der Künste empört sich – über die Empörung um ein Gedicht. Das geht zu weit.

Im Herbst soll das umstrittene Gedicht von der Wand der Hochschule verschwinden. Foto: Keystone

Im Herbst soll das umstrittene Gedicht von der Wand der Hochschule verschwinden. Foto: Keystone

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Empörung ist die Währung der Aufmerksamkeitsökonomie; und auch die altehrwürdige Akademie der Künste zu Berlin zückt diese Münze – im Streit um ein Gedicht, der seit September tobt. So viel Presse für ein Poem gab es noch nie! Zankapfel ist Eugen Gomringers Gedicht «Avenidas», das an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin prangt. Die Vertretung der Studierenden hatte dessen Entfernung gefordert, weil das Gedicht die Objektifizierung der Frau fortschreibe und zudem an sexuelle Belästigung erinnere. Da schrien viele «Zensur!» und «Kunstfreiheit!».

Nun soll das Gedicht ersetzt werden, wenn im Herbst die Fassade renoviert wird. «Avenidas» bekommt dafür eine Tafel, die dem Gedicht und auch der Debatte darüber ein Denkmal setzt: Eine salomonische Lösung – sollte man meinen.

Weit gefehlt, sagt die Akademie: Man sei «mehr als besorgt über den von kunstfernen Begriffen geprägten Diskurs» rund ums Gedicht. Wesen und Freiheit der Kunst seien bedroht. Man werde daher «an exponiertem Ort» – auf der Akademie-Fassade – «die Arbeit des Lyrikers ehren und sein Gedicht ‹Schweigen› in den Raum stellen». Schluss mit Tusch: «Die Kunstfreiheit muss über eine unsachliche Debatte jederzeit erhaben bleiben.»

Ich finds ja toll, wenn Gedichten so viel Gewicht beigemessen wird. Und «Schweigen» hat dies als erstklassiges Stück konkreter Poesie auch verdient. Aber, mit Verlaub, ist es nicht etwas, ähem, unsachlich, die Argumente des Gegners mit einer arroganten Ätschbätsch-Geste wegzuwischen? Und sich auf die eigene «Erhabenheit» zurückzuziehen? «Schweigen» zelebriert hier nicht Stille, sondern in einer ironischen Beleidigte-Leberwurst-Volte lautes, selbstverliebtes Mit-der-Ästhetenfaust-auf-den-Tisch-Hauen.

Sie spüren die hungrigen Augen der lyrischen Stimme.

Wohl wahr, das Gedicht des Schweizers ist keine Diktatoren- oder Sklavenhalter-Statue, über deren Sturz erbittert zu ringen wäre. Und der Aufregungspegel sollte dem Rechnung tragen. Dennoch muss gelten, dass man auch diese Kunst am Bau kritisch hinterfragen darf. Nicht bloss aus künstlerischer Sicht. Der sexistische Drall von «Avenidas» ist keine Schimäre: Dass ein individualisierter männlicher «Bewunderer» auftritt, der sich an einer gesichtslosen Gruppe von Frauen ergötzt, gibt zu denken. Da ist es nicht so weit bis zum Gefühl des Unbehagens bei den Studentinnen: Sie spüren die hungrigen Augen der lyrischen Stimme vermutlich auf ihrer Haut. Eine hypersensible Reaktion narzisstischer Schneeflocken-Generatiönlerinnen? Nein! Sondern das legitime Zusammenzucken in Zeiten, wo sich hoffentlich das Bewusstsein durchsetzt, dass Sexismus nicht okay ist. Werke wie de Sades Prosa oder die Grüsel-Mädchenakte von Maler Balthus müssen freilich nicht im Giftschrank verschwinden. Auch sie zu retouchieren, wäre ein Unding, eine Lüge.

Distinktionsgewinn via Empörung

Würde eine Uni jedoch heute so ein Balthus-Bild auf die Fassade sprayen, läge der Fall anders als beim Buch oder Museum. Ein solch explizites, hochoffizielles Ja zu dieser Kunst wäre schwierig. Es ist ohnehin seltsam, dass man 2011 ausgerechnet «Avenidas» als Deko wählte, ganz abgesehen vom inkriminierten Sexismus. Trifft die hübsch musikalische Momentaufnahme von Frauen, Blumen, Alleen wirklich das, wofür die Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik die Augen öffnen will? Ernsthaft?

Das mag keiner fragen, geht es doch derzeit um Distinktionsgewinn via Empörungsrhetorik. Manche Medien echauffieren sich über den «feministischen Wahn». Und der CSU-Bürgermeister im bayerischen Rehau, wo Gomringer seit 1976 lebt, verkündet stolz: Man fühle eine «Verpflichtung, dem Gedicht eine neue Heimat geben», wolle es gross am Stadtmuseum anbringen. Ob Bürger dagegen aufbegehren? Dann müsste man sie anhören: Öffentliche Institutionen können ihre Kritiker eben nicht umstandslos abwatschen.

Womöglich ist die irre Aufregung ja der schönste Beweis für die Bedeutung der Belles Lettres. Trotzdem wäre es angesagt, dass sich alle wieder einkriegen. Lest lieber die Gomringer-Parodien, die im Netz, tja, aufblühen; und hört die «Radioeins Satireshow». Die juxte neulich: «Alleen und Blumen und Frauen und – Dieter Wedel. Das, meine Damen und Herren, war gebührenfinanzierter Sexismus.» Geil.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2018, 19:42 Uhr

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