«Die Alpen sind zum Spielplatz geworden»

Der Tourismus in den Alpen müsse neu gedacht werden, findet die Historikerin Simona Boscani Leoni.

Die Alpenbewohner waren nie hinterwäldlerisch, sagt Simona Boscani Leoni. Foto: Adrian Moser

Die Alpenbewohner waren nie hinterwäldlerisch, sagt Simona Boscani Leoni. Foto: Adrian Moser

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Frau Boscani Leoni, Berge oder Meer?
Beides. Ich bin Tessinerin, und in unserer Familie waren meist Ferien am Strand in Italien angesagt. Aber mein Vater war Italiener und hat saisonal als Maître d’Hôtel in St. Moritz gearbeitet, wo ich jeweils meine Skiferien verbracht habe. Natürlich hat mich die Berglandschaft beeindruckt. Aber fast noch mehr hat mich die soziale Ungleichheit beschäftigt, wie sie im Gegensatz zwischen dem Fünfsternluxus der Hotels und den italienischen Bediensteten zum Ausdruck kam.

Alpenforscher Werner Bätzing prognostiziert ein Verschwinden der alpinen Kultur. Zurück blieben Touristenorte wie St. Moritz, überbaute Talflächen und verlassene Alpen. Wie sehen Sie das?
Falls kein Umdenken in Sachen Tourismus stattfindet, könnte das eintreffen. Übertourismus betrifft aber nicht nur die Alpen. Die Entwicklung in den Alpen widerspiegelt die Gegensätze einer globalisierten Gesellschaft.

Ist es wirklich so dramatisch? Der Historiker Jon Mathieu sagt, die Landschaft in den Alpen sei seit je im Wandel gewesen.
Dem ist so. Aber die aktuell rasante Entwicklung des Tourismus gefährdet ein fragiles Gleichgewicht. Denn die Alpen waren in der Neuzeit nie einfach nur wild. Den Gegensatz von «urban» und «wild» gab und gibt es auch innerhalb des Alpenbogens. Die Menschen in den Alpen waren auch nie hinterwäldlerisch. Als Bewohner einer Randregion mussten sie seit je auch beweglich und anpassungsfähig sein.

«Gessner beschreibt die Besteigung des Pilatus als Fest der Sinne.»

Wie hat sich das manifestiert?
Die Bäcker in Graubünden zum Beispiel hatten bereits früh Kontakte in die italienischen Städte und bis nach Russland. Im Jahr 1766 wurden in Venedig 38 von 42 Confiserien von Bündnern betrieben. Bis zum Ersten Weltkrieg haben Tausende Jugendliche Graubünden verlassen, um bei Landsleuten im Ausland den Beruf des Zuckerbäckers zu lernen. Sie waren sogar in Amerika und Nordafrika tätig. Und als sie zurückkamen, haben sie in Ortschaften wie Poschiavo durchaus städtische Palazzi gebaut. Die Bewohner des Alpenraums sind nicht so unbeweglich, wie sie oft dargestellt werden.

Woher stammen denn unsere Klischees von den Alpen und ihren Bewohnern?
Eine erste Hinwendung zur alpinen Natur gab es in der Zeit der Renaissance. Sie ist als eine Reaktion auf die erste Form von Globalisierung zu verstehen, die durch die Entdeckung Amerikas ausgelöst wurde. Durch die Entdeckung bisher unbekannter Tiere und Pflanzen auf dem neuen Kontinent ergab sich die Notwendigkeit, die weissen Flecken der Naturforschung in Europa auszufüllen. Humanisten wie der Zürcher Univer­salgelehrte Conrad Gessner ­begannen im 16. Jahrhundert, die Natur vor ihrer Haustür zu erforschen. Ihr Ziel war die Erarbeitung einer möglichst umfassenden ­Naturgeschichte.

Zwischen der Renaissance und der Aufklärung waren die Alpen aber doch wieder aus der Wahrnehmung verschwunden.
Das ist ein Vorurteil. In Gessners Schriften gibt es eine zivilisationskritische Note gegenüber dem städtischen Leben, die bis heute Bestandteil unseres Alpenbildes geblieben ist. Er beschreibt zum Beispiel die Besteigung des Pilatus als Fest der Sinne und beschreibt den Duft der Blumen und den Geschmack des Quellwassers in einer Ausführlichkeit, welche die Einmaligkeit des Erlebnisses betonen soll.

Das klingt bereits sehr aufklärerisch. Aber das kam doch erst zwei Jahrhunderte später.
Da kam es eben erneut. Gessners Schriften widerlegen die gängige These, wonach erst die Aufklärer Jean-Jacques Rousseau oder Albrecht von Haller die Alpen in unser Bewusstsein gerückt ­haben.

«Besonders realistisch war das Bild vom gesunden, edlen Naturvolk nicht.»

Das Bild der Alpen wurde von Unterländern geprägt. Weiss man denn, wie die Alpenbewohner selber sich gesehen haben?
Davon gibt es bereits Zeugnisse aus der Zeit der Aufklärung. Der Zürcher Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer liess um 1700 in Graubünden einen Bogen mit 200 Fragen zur Naturgeschichte, zum Klima und zur Alpwirtschaft auf Deutsch und Lateinisch verteilen. Es haben ihm nicht nur die Mitglieder der adligen Familien geantwortet, sondern auch viele Dorfpfarrer. Von diesen wurde etwa lobend hervorgehoben, dass die Alpenbewohner dank der Milchspeisen besonders gesund und kräftig seien. Jemand merkte etwa an, dass männliche Alpenbewohner noch im hohen Alter von 80 Jahren Kinder zeugen könnten.

Wie realistisch war denn dieses Bild vom gesunden, edlen Naturvolk?
Besonders realistisch dürften diese Schilderungen nicht gewesen sein. Die Verklärung der Alpenbewohner im Zeitalter der Aufklärung muss auch als Gegenposition zum höfischen Leben und zu den absolutistischen Mächten der Zeit verstanden werden. Scheuchzer hat das ja auch politisch interpretiert, indem er den Homo alpinus helveticus postulierte. Dessen Liebe zur Freiheit und zur Demokratie führte er auf die besagten Milchspeisen und den tieferen Luftdruck in der Höhe zurück. Mit diesem Konstrukt wollte er auf die Notwendigkeit einer politischen Verbindung zwischen den eher katholischen Alpenbewohnern und den reformierten Städten der Alten Eidgenossenschaft hinweisen.

Was schliesslich zum Gründermythos der Schweiz geführt hat?
Genau. Solche Konstrukte haben dazu beigetragen, dass sich die Schweiz als republikanisches Gebilde auf europäischer Ebene positionieren konnte. Mit der Publikation der ersten Reiseführer um 1800 wurde dann allerdings ein konträres Bild gezeichnet. So werden in englischen Publikationen die Alpenbewohner als «Kretins» bezeichnet, was an der damals häufigen Kropfbildung festgemacht wurde, die auf Jodmangel zurückzuführen ist. Der französische Lithograf Godefroy Engelmann hielt Anfang des 19. Jahrhunderts über das Wallis fest, die Landschaften seien zwar wunderschön, aber es lohne sich nicht, die hässlichen Menschen zu betrachten. Bezüglich der Berge selber gab es diese Ambivalenz schon 100 Jahre zuvor. Damals wurde in England darüber gestritten, ob die Berge nichts anderes als eine ungeordnete Anhäufung von Steinen und eine Strafe Gottes für den Sündenfall seien. Oder ob sie seit je existierten und damit von Gott gewollt und sinnvoll seien, weil sie den Menschen zum Arbeiten zwingen.

Der ambivalente Blick auf die Alpenbewohner erinnert an den Blick der europäischen Kolonialisten aufdie «Wilden», die auch als edel oder verdorben beschrieben wurden.
Deshalb sage ich ja: Wer über die Alpen spricht, kann über die Globalisierung nicht schweigen. Die Wahrnehmungder Alpenbewohner wurde auch durch Vertreter der damaligen Kolonialmächte geprägt.

«Wenn die Nachfrage zurückgeht, bleiben die Fünfsternehotels wie Fremdkörper zurück.»

Was ist von der These zu halten, wonach die Alpenbewohner durch die Unterländer gleichsam kolonialisiert wurden?
Wenn man gewisse englische Reiseberichte aus dieser Epoche liest, kann dieser Eindruck entstehen. Paradebeispiel dafür sind die unterschiedlichen Versionen, die es über den Unfall bei der Erstbesteigung des Matterhorns im Jahr 1865 gibt. Beim Abstieg sind durch einen Seilriss vier Teilnehmer der Expedition ums Leben gekommen. Die Schilderungen der Ursachen des Unglücks durch den englischen Expeditionsleiter Edward Whymper und durch Vater und Sohn Taugwalder als Bergführer unterscheiden sich erheblich.

Inwiefern?
Whymper ging es darum, als Erster auf dem Gipfel zu stehen, denn gleichzeitig war auch von der italienischen Seite her eine Gruppe unterwegs. Er wies zugleich jede Schuld am Unfall von sich. Zudem wurde das Gerücht gestreut, dass Peter Taugwalder senior das Sicherungsseil zur eigenen Rettung durchgeschnitten haben könnte. Diese Geschichte belastete Taugwalder so sehr, dass er schliesslich auswanderte.

Also stand Aussage gegen Aussage?
Es geht um mehr. In Whympers Darstellung wurden die beiden Bergführer als ängstliche Kinder dargestellt. Er selber beschrieb sich aber als «the lion of the party». Das galt lange als gültige Sicht der Dinge, denn Taugwalders Sohn konnte erst 52 Jahre nach dem Unfall seine Version der Fakten öffentlich machen. Für die einheimischen Bergführer war es damals schwieriger, sich Gehör zu verschaffen. Zudem waren sie oft des Schreibens nicht mächtig und weniger gebildet als ihre Kunden, die aus begüterten und gut ausgebildeten Milieus stammten. Für die ersten Alpinisten im 19. Jahrhundert waren die Alpen eine Art «Spielplatz» für sportliche Rekordversuche und andere Freizeitaktivitäten. Diese Sichtweise hat sich bis heute erhalten.

Wie meinen Sie das?
Denken Sie etwa an die Aussichtsplattformen auf vielen Gipfeln, an die Skywalks, Rutschbahnen. Oder den geplanten Wolkenkratzer im bündnerischen Vals. Das ist eine besonders traurige Geschichte, weil das Projekt zu einer Spaltung des Dorfs geführt hat. Die Idee, Touristen mit dem Helikopter zu einem Turm in einem Bergtal zu transportieren, ist absurd. Das steht in der Kontinuität der kolonialen Annäherung, wie sie die Engländer gepflegt haben. Was passiert denn, wenn die Nachfrage nach Ferien im Turm ausbleiben sollte? Zurück bleiben Fremdkörper wie die Fünfsternhotels in St. Moritz, die zu lange im Jahr halb leer stehen. Investitionsentscheide in den Alpen werden oft nach kurzfristigen Kriterien getroffen. Die mittel- bis längerfristigen Auswirkungen werden dabei aber kaum ­bedacht.

Aber der Turm in Vals oder die Projekte in Andermatt bringen doch Arbeitsplätze in eine Randregion.
Das mag eine Weile lang funktionieren. Aber der Bau eines Resorts in einem Alpental ist keine nachhaltige Investition. Die Konzentration auf High-End-Tourismus ist fatal. Man muss den Tourismus neu denken, das heisst lokal denken. Rein rentabilitätsorientierte Projekte können in strukturschwachen Regionen keine Lösung sein. Wir sollten Tourismusformen entwickeln, die von Interesse und Respekt geprägt sind. Das betrifft aber nicht nur die Bergbauern im Berner Oberland, sondern auch die Fischer in Peru. Wir können nicht über die Alpen reden, wenn wir unser Verständnis von Fortschritt und Entwicklung nicht infrage stellen.

Erstellt: 14.06.2019, 18:21 Uhr

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Erforscherin alpiner Kultur

Simona Boscani Leoni ist Förderprofes­sorin für Wissenschaftsgeschichte der frühen Neuzeit an der Universität Bern. Nach einem Geschichtsstudium in Bologna hat sie unter anderem an der ETH Zürich und der Universität Lugano geforscht. Die Tessinerin ist Autorin zahlreicher Publikationen zur Kulturgeschichte des Alpenraums und gab unter anderem mit Jon Mathieu das Buch «Die Alpen! Zur europäischen Wahrnehmungsgeschichte seit der Renaissance» heraus. (bob)

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