Amerikaner sagen ab, Schweizer jubeln zu

Sängerstar Plácido Domingo, dem Übergriffe gegen Frauen vorgeworfen werden, trat in Zürich auf. Alle waren begeistert.

Vom Tenor zum Bariton gewechselt: Plácido Domingo, hier an einer Aufführung in Szeged, Ungarn (28. August 2019). Foto: Keystone

Vom Tenor zum Bariton gewechselt: Plácido Domingo, hier an einer Aufführung in Szeged, Ungarn (28. August 2019). Foto: Keystone

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Erst beim Schlussapplaus wurde endgültig klar, dass es eine besondere Vorstellung war am Sonntag, nicht einfach eine Repertoire-Aufführung, sondern eben: Gala. Das festlich gewandete und gestimmte Publikum erhob sich nach dem Schlussakkord und applaudierte, begeistert und fordernd, folglich ging der Vorhang immer wieder hoch, elf Minuten insgesamt.

Plácido Domingo galten die Ovationen, obwohl er sie sich nicht alleine abholte, sondern stets eingerahmt von seinen Sängerkollegen und den enorm zahlreichen Choristen. Der spanische Superstar sang die Hauptrolle in Verdis Oper «Nabucco», inszeniert hatte Opernintendant Andreas Homoki, es dirigierte Fabio Luisi, Premiere war im Juni, damals mit Michael Volle in der Titelpartie, diesmal in einer einzigen Aufführung eben mit dem prominenten Gast.

Domingo ist einer jener Sänger, die jeder kennt, spätestens seit er in den 1990er-Jahren mit Luciano Pavarotti und José Carreras das Label «Die drei Tenöre» begründet und Arien und Schnulzen in die Sportarenen der Welt geschmettert hat. Die gewonnene Popularität hat seiner Akzeptanz in der seriösen Opernwelt nicht geschadet. Seine Karriere, die vor unglaublichen 60 Jahren begann, 1959, hat ihn auf alle grossen Bühnen geführt. 150 Rollen soll er verkörpert haben in fast 4000 Vorstellungen, 21 Millionen Tonträger verkauft, Opernfilme gedreht. Seine TV-Fassung der «Tosca» an den Originalschauplätzen hat weltweit eine Milliarde Menschen gesehen. Er wurde Generaldirektor der Oper Los Angeles und betreibt Wohltätigkeitsprojekte, etwa für benachteiligte Kinder.

Domingo ist mittlerweile 78 Jahre alt (nein, schon 82, behaupten manche). Und weil Tenöre, auch wenn sie Domingo heissen, nicht ewig schmettern, hat er rechtzeitig das Dirigieren in sein Portfolio aufgenommen und ausserdem das Stimmfach gewechselt; seit einigen Jahren singt er Baritonpartien, wie eben den «Nabucco».

Vorwürfe von Sängerinnen und Tänzerinnen

Trotz der ruhmreichen Vergangenheit: Es sieht so aus, als münde seine Ausnahmekarriere nicht in ein glänzendes Abschiedsfinale, sondern in einen hässlichen Skandal. Seit dem Sommer ist klar: Auch Domingo ist ein #MeToo-Fall. Im Dutzend haben sich Frauen – Sängerinnen, Tänzerinnen, zum Teil Angestellte an der Oper Los Angeles, also von ihm beruflich Abhängige – über sexuelle Übergriffe beschwert. Domingo bestreitet die Vorwürfe, legte aber sein Amt in Los Angeles nieder (wo eine interne Untersuchung gegen ihn läuft) und zog Verpflichtungen an der New Yorker Met zurück, nachdem die Stimmung dort gegen ihn kippte. Andere Opernhäuser in den USA sagten Auftritte mit Domingo ab.

Anders in Europa. Bei den Salzburger Festspielen wurde er bejubelt, auch die Wiener Staatsoper hält an ihm fest. So auch Zürich. Aus zwei Gründen, wie auf Nachfrage zu erfahren war: Zum einen gelte die Unschuldsvermutung, zum anderen sei bei früheren Auftritten Domingos in Zürich nichts einschlägig Nachteiliges bekannt geworden.

Die Vorstellung lief störungsfrei ab, auch auf dem Sechseläutenplatz waren keine Protestplakate zu sehen, keine Sprechchöre zu hören. Und der einzige Chor, der im Haus erklang, stand auf der Bühne: die von den Babyloniern bedrängten und vom Tode bedrohten Israeliten, die ihre Hoffnung im berühmten «Va pensiero» ausdrückten, einem Gänsehaut-Moment in der Aufführung, der auch einen Sonderapplaus erntete.

Power und Ausdruckskraft

Szenenapplaus auch für den Stargast, dem die Inszenierung körperlich einiges zumutete; immer wieder muss Nabucco zu Boden gehen und wieder aufstehen. In dieser Hinsicht war der (vermutlich) 78-Jährige fitter als mancher Besucher im Saal; vokal sowieso. Erstaunlich, was an Power und Ausdruckskraft noch da ist, welche Autorität Domingos Stimme noch ausübt, selbst inmitten einer Chorhundertschaft oder in Konfrontation mit dem durchdringenden, um nicht zu sagen schrillen Sopran von Oksana Dyka (Abigaille). Wie er Härte und Wärme regelrecht abrufen kann. Natürlich muss er am Ende der Partie etwas forcieren, aber da hat er auch schon Selbstvergottung, Wahnsinn, Absetzung, Wiedergenesung und Blitzkonversion hinter sich.

Für das Publikum galt: Er war da, und wir waren dabei. «Plácido»-Rufe schallten durch den Saal. Der Enthusiasmus schlug bis auf die Bühne durch, wo Oksana Dyka sich nicht halten konnte und Domingo gleich mehrfach um den Hals fiel. Und der liess sichs gerne gefallen.

Erstellt: 14.10.2019, 12:03 Uhr

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