Die effizienten Anarchisten

Hippies im Hochgeschwindigkeitskapitalismus: Im Silicon Valley wird das politische und wirtschaftliche Establishment mit digitalen Mitteln angegriffen.

Google- und YouTube-Mitarbeiter an der Gay Pride in San Francisco.

Google- und YouTube-Mitarbeiter an der Gay Pride in San Francisco. Bild: Noah Berger/Reuters

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You say you want a revolution Well, you know
We all want to change the world
 (The Beatles, «Revolution»)

Noch dieses Jahr hätten die Informatiker ihren eigenen Staat bekommen sollen. «Six Cali­fornias», so hiess die Bürgerinitiative, mit der Tim Draper den US-Bundesstaat Kalifornien in sechs Staaten aufspalten wollte. Der 58-jährige Investor, der mit ­Beteiligungen an Hotmail und Skype reich geworden ist, wäre damit auch zum Gründervater eines kleinen, aber höchst potenten Bundesstaates geworden, der San Francisco und das Silicon Valley umfasst hätte. Doch obwohl Draper fünf Millionen Dollar in die Kampagne investierte, scheiterte er daran, genug Unterschriften zu sammeln, um seine Idee im kommenden November zur Abstimmung zu bringen. So wird nichts aus einem Staat, in dem faktisch die Internetkonzerne regieren.

Die Initiative ist ein Misserfolg, aber die Idee, die dahintersteht, lebt und ist mächtig im Silicon Valley, der Heimat der grossen Daten- und Techkonzerne. Zum Beispiel bei Google: Die 1998 gegründete Firma ist nicht einfach nur eine erfolgreiche Suchmaschine, die im Westen einen Marktanteil von gut 90 Prozent erreicht und deren Mutterkonzern seit letztem Winter mit 570 Milliarden Dollar den welthöchsten Börsenwert hat. Google baut eine eigene Infrastruktur auf, unterhält Buslinien und Kinderhorte für seine Mitarbeiter, ein Glasfasernetz und Solaranlagen. Der Konzern ist an Medien wie Youtube beteiligt und scannt für seine virtuelle Bibliothek systematisch die Bücher der Welt. Er investiert in Satelliten- und Raumfahrtunternehmen (Skybox Imaging, Spacex) und hat mehrere Firmen gekauft, die Roboter herstellen, sowie den Drohnenbauer Titan Aerospace. Seine Finanzabteilung äufnet Start-ups, sein Labor X betreibt Grundlagenforschung. Google beschäftigt nicht nur Ingenieure, sondern auch Stadtplaner, Verkehrsexperten, Umweltwissenschaftler, Soziologen.

Die neue Frontier liegt im All: Kommerzielle Raumfahrt mit SpaceX. Foto: EPA, Keystone

Google, das ist offensichtlich, will mehr sein als eine erfolgreiche Firma. Es will die Welt nach seinen eigenen Regeln verändern, zum Vorteil von deren Nutzern und ohne mühsame Umwege über die Politik. «Abundanz» nennt der Internetpionier Jaron Lanier dieses Konzept in seinem Buch «Wem gehört die Zukunft?»: «Technologie ist das Mittel, um der Politik zu entkommen.» Tatsächlich hat Tim Draper, der das Silicon Valley aus dem Griff der kalifornischen Bürokraten befreien wollte, die Politik seit vielen Jahren als langsam und inkompetent kritisiert. Dass er für sein Anliegen schliesslich so etwas Pittoreskes wie eine Bürgerinitiative bemühte, ­mutet da ironisch an. Es sei das «vorherrschende Temperament» unter den Ingenieuren und Programmierern im Valley, so Lanier, «dass die Technologie eines Tages so gut sein wird, dass jeder alles hat und es keinen Bedarf mehr gibt für Politik».

Die Rechnerleistung wächst exponentiell und wird gleichzeitig immer billiger: Ausschnitt aus einer Platine. Foto: Dreamstime.com

Der radikalste Vertreter der Abundanz ist der ­legendäre Investor Peter Thiel. Inspiriert von J. R. R. Tolkiens düsteren Fiktionen ebenso wie von Ronald Reagans neoliberalen Ideen, bezeichnete er Steuern als «Beschlagnahmung», Kollektive als «totalitär» und die Unausweichlichkeit des Todes als «Ideologie». Dies in einem Aufsatz, den er 2009 unter dem Titel «Lehrjahre eines Libertärs» schrieb und der im Bekenntnis gipfelte: «Ich glaube nicht mehr länger daran, dass Freiheit und Demokratie zusammengehen.» Darum richte er seine Anstrengungen auf die Erschliessung leerer Territorien. Also investierte Thiel in den Cyberspace, mit Paypal etwa in «eine neue Weltwährung, die sich der Kontrolle der Regierungen entzieht». Er investiert in die kommerzielle Raumfahrt, die sein Kollege Elon Musk mit Spacex vorantreibt, aber auch in die Erforschung einer künstlichen ­Intelligenz, die dereinst nicht mehr an die biologischen Grenzen gebunden ist und den Weltraum erobern kann. Er engagiert sich in Biotechfirmen, die den Alterungsprozess des Menschen verlangsam oder stoppen möchten, und bei Labors, die erforschen, wie der menschliche Geist in die Datencloud hochgeladen werden könnte.

Peter Thiel bei der Versammlung der Republikaner in Ohio, am 21. Juli 2016. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Nun gut, die Kapazität der Rechner entwickelt sich zwar rasend, aber trotzdem wird Peter Thiel die Früchte seiner Investitionen kaum mehr selber ernten. In einem sozusagen realpolitischen Akt unterstützt er darum auch das Seasteading Institute, das ausserhalb der staatlichen Hoheitsgewässer auf offenem Meer schwimmende Kleinstädte gründen möchte. Die animierten Bilder, die davon im Netz kursieren, zeigen sonnendurchflutete, ­begrünte Oasen einer freien Zivilisation, und Patri Friedman, einer der Gründer des Instituts, vergleicht sich in Interviews gerne mit den Radio­piraten, die dem jungen, revolutionären England in den Sechzigerjahren am verstaubten Klassikprogramm der BBC vorbei den Rock ’n’ Roll brachten. Dass Seasteading ein Projekt im marktliberalen Geist ist, das die bestehenden Staaten herausfordert, das wird erst in einem Aufsatz richtig klar, den der Unternehmer und Jurist Titus Gebel, der das Seasteading Institute berät, jüngst in der NZZ veröffentlicht hat. Er beschrieb den zukünftigen Bürger als Kunden, der die Wahl hat zwischen verschiedensten «Staatsdienstleistern» und der «jederzeit den Anbieter wechseln» kann: «Der Wettbewerb wird dafür sorgen, dass es zahlreiche unterschiedliche Modelle des Zusammenlebens geben wird, für jeden Geschmack etwas Passendes.»

Noch ist Seasteading nicht viel mehr als eine Idee. Das Institut verhandelt derzeit mit drei Ländern darüber, in Buchten erste Pilotinseln mit eingeschränkter Autonomie zu bauen, ein erstes Projekt in Honduras ist gescheitert. Die Idee autonomer, ja anarchischer Technologiehubs auf offener See zeigt, dass man im Silicon Valley sehr wohl das traditionelle Staatsverständnis angreift – genau so, wie Paypal den Zahlungsverkehr der Banken angegriffen hat, Uber die Taxi- oder Airbnb die Hotelbranche. Die Techkonzerne profitieren zwar von der Grundlagenforschung an staatlichen Universitäten, und vor allem in Sicherheitsfragen arbeiten sie auch mit Geheimdiensten zusammen. Doch nicht nur die radikalen Libertäre wie Peter Thiel sehen im Staat ein bedächtiges, der Zeit nicht mehr angepasstes Konstrukt aus dem 19. Jahrhundert, das durch Technologie ersetzt werden kann und sollte – jetzt, da sich die Welt und jedes ihrer Probleme vollständig in binären Codes beschreiben lasse und sie keiner weiteren «Gesetze» bedürfe.

Den Menschen neu gestalten

«Das Internet ist das grösste Anarchismusexperiment der Geschichte»: Das schreiben Eric Schmidt und Jared Cohen schon in der zwölften Zeile ihres Buches «Die Vernetzung der Welt». Der Untertitel der originalen Ausgabe wird deutlich: «Reshaping the Future of People, Nations and Business». Der ehemalige Chef von Google und der Direktor von Jigsaw, dem Thinktank von Google, schreiben also über die Neugestaltung von Mensch, Staat und Wirtschaft. Davon, dass sich die Politik an dieser Neugestaltung noch beteiligt, ist keine Rede: «Während die weltweite Vernetzung ihren beispiellosen Siegeszug fortsetzt, müssen sich alte Institutionen und Hierarchien anpassen.» Die Idee der Abundanz entspringt also dem Gefühl, den alten staatlichen oder auch wirtschaftlichen Institutionen überlegen zu sein. «Uns sassen Leute gegenüber, die an die ­absolute Wahrheit ihrer Mission glaubten», berichtet der deutsche Journalist und Verleger Christoph Keese in seinem Buch über ein Treffen mit Leuten von Google: «Techniker gaben den Ton an, auch wenn es gar nicht um Technik, sondern um Recht und Gesetz ging.»

So zeigt sich die Abkehr von der Politik nicht nur in extraterrestrischen Ambitionen, sondern auch in der analogen Welt. Die grossen Techkonzerne haben für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Welt eingerichtet, die diese nicht mehr zwingend verlassen müssen. Am Hauptsitz von Google in Mountain View gibt es Kindergarten, Hundeschule, Fussballplatz, Kletterwand, Schwimmbad, Kino, Fitnesscenter, Nailstudio, Coiffeurladen und Wäscherei. Das Essen in den Restaurants des Campus ist gratis, und regelmässig fahren auf dem Firmenparkplatz die mobile Zahnarztpraxis oder der Ölwechseldienst vor. Christoph Keese hat auf seinen Erkundungen im Silicon Valley sogar Con­cier­ges angetroffen, die für die Techies die Einkäufe erledigen oder Kreditkarten beantragen. Und er hat beobachtet, wie informell und leger die Arbeitsatmosphäre ist; aber auch, wie viel die Angestellten der Datenkonzerne arbeiten und wie wenig sie sich für die Welt ausserhalb interessieren.

Dass die Belegschaften dieser Konzerne bisweilen an eine grosse, abgeschirmte Kommune erinnern, ist kein Zufall. Nicht nur in ihren anarchischen Anwandlungen zeigen sich hier die Reste einer kalifornischen Gegenkultur, die schon in den Sechzigern und Siebzigern gegen die überlieferten Autoritäten und Hierarchien antrat, gegen die Politik in Washington und die Finanzbranche in New York. So kam es, dass der einstige Tourneekoch der Hippieband Grateful Dead später die Kantine von Google leitete und dass sich die Techies jeden August zum «Burning Man» treffen, einem achttägigen neonbunten berauschten Open Air, für das in der Black-Rock-Wüste von Nevada eine riesige Zeltstadt aufgebaut wird. Die Rhetorik des Silicon Valley, die von Communitys spricht, von der Crowd und der Sharing-Economy, erinnert noch an die gemeinschaftlichen Ideale der Hippieära. Auch werde, schreibt Jaron Lanier, der Einfluss von Esoterik und Selbsterfahrung auf die Techkultur unterschätzt. Nicht nur der spätere Apple-Gründer Steve Jobs habe in einer Kommune gelebt und indische Gurus besucht – der Besuch von Yogakursen oder von Seminaren zur Selbsterkennung sei gängige Praxis und setze sich beispielsweise in der Speisekarte jener veganen kalifornischen Restaurantkette fort, die ihre Gerichte mit Namen anpreist wie «Ich bin erfolgreich» oder «Ich bin charismatisch». Lanier: «Man muss beim Bestellen diese Sätze sagen, sonst bekommt man nichts zu essen.»

Der Campus 2 von Apple wird in Cupertino, Kalifornien, gebaut (6. April 2016). Foto: Noah Berger (Reuters)

Was auffällt, ist der neoliberale Twist: Das Individuum hat sich zu optimieren, gerade auch durch Spiritualität. Nur so wird es ihm möglich, eine «Delle ins Universum» zu schlagen, wie es Steve Jobs nach eigenen Worten gelungen ist. Und es stimmt schon: Wenn die Technologiekonzerne gegen Capitol und Wallstreet antreten, dann sind nicht mehr jene verstrubbelten Radikalen am Werk, welche die Welt mit Popmusik, Haschischbrownies und freiem Körperausdruck verbessern wollten. Sondern neue, höchst effiziente Radikale, denen die Informationstechnologie die nötigen Mittel in die Hand gibt, die alten Hierarchien zu zertrümmern – und gleichzeitig den Markt bis in die Schlafzimmer der Menschen und bis in ihren Gencode hinein zu erweitern. Der Kampf gegen das Establishment ist erfolgreich, weil er nicht nur mit den Mitteln der Technologie geführt wird, sondern auch mit denen des neoliberalen Kapitalismus: Es gibt keine Gesellschaft, nur Nutzer.

Es sind also nicht nur die Technik und die algorithmische Logik, die das Denken im Silicon Valley prägen. Zu den Standardwerken, die an der Stanford-Universität im Tal gelehrt werden, zählt etwa Donald Normans «Psychology of Everyday Things». Von ihr leitet sich das Mantra der Technologiekonzerne ab, wonach der Nutzer immer recht hat. Doch gleichzeitig lernen die angehenden Informatiker, dass dieser Nutzer zwar immer recht hat, dass er aber nicht weiss, warum. Sie beziehen sich dabei auf die Laborversuche mit Ratten, die der Verhaltenspsychologe Burrhus F. Skinner in den Sechzigern durchführte und die seither auch die Programmierung von künstlicher Intelligenz inspiriert haben. Einen freien Willen oder Autonomie, so Skinner, gebe es weder bei Ratten noch beim Menschen, jedes Handeln gehorche einem simplen System von Schmerz und Belohnung. Die Kombination dieser Ideen – dieser dumme Nutzer, der sich ständig selbst belohnen will – ist das Geschäfts­modell von Google: Nicht seine Befragung, erst die Analyse seiner Datenspur zeigt, was er will und wie er sich verhalten wird. Gefragt, wie er sicherstelle, dass der berechnete dem wirklichen Nutzerwillen entspreche, sagte Google-Chef Eric Schmidt einmal: «Vertraut mir, ich weiss es am besten.»

In der Cloud
könnte der Mensch
unsterblich werden.

Und hat er nicht recht mit seiner Anmassung? Wie Google mitgeteilt hat, können seine Algorithmen aus den Suchanfragen einer Person die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der sie Suizid begehen wird. Doch selbst wenn das stimmt, reden wir nur von Statistik und, eben, Wahrscheinlichkeit. Ob sich dieser Mensch tatsächlich umbringt oder nicht, ist nicht berechenbar. Oder noch nicht? Ist auch das nur ein weiteres Problem, das sich mit einer genügend grossen Datenmenge und Algorithmen lösen lässt? Die Idee, dass sich auch die ganze menschliche Existenz in binären Codes erklären und abbilden lasse, sei das «gängige Konzept» im Silicon Valley, schreibt Jaron Lanier in seinem Buch: «Wir werden als kleine Rädchen in einer gigantischen Informationsmaschine betrachtet.»

Im Silicon Valley 
gilt der Staat
als überholt.

Kaum jemand wird bestreiten, dass wir derzeit den Aufbau dieser Informationsmaschine erleben. Die Rechnerleistung wächst exponentiell und wird gleichzeitig immer billiger. Auch skeptische Wissenschaftler rechnen damit, dass wir noch in diesem Jahrhundert eine menschenähnliche künstliche Intelligenz und bald darauf eine «Superintelligenz» erleben werden, wie sie der schwedische ­Philosoph Nick Bostrom nennt. Und nicht nur im Silicon Valley, auch an europäischen Hochschulen arbeitet man an der Digitalisierung des menschlichen Hirns und an einem virtuellen Abbild der Welt im Massstab 1:1. Dass all diese Dinge das Leben auf der Erde erschüttern werden, ist kaum zu bestreiten. Was viele Forscher gerade in Europa aber nicht teilen, ist die fundamentalistische Idee, dass Algorithmen besser wissen, was gut für den Menschen ist, und dass also mit der Technologie die Politik überwunden werden kann und muss.

Jaron Lanier bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (12. Oktober 2014). Foto: Kai Pfaffenbach (Reuters)

Hinter diesem Denken, kritisiert Jaron Lanier, verberge sich letztlich nur eine weitere Erlösungsgeschichte – die Erzählung vom Menschen, der sich zu Daten verrechnen lasse und in der Cloud unsterblich werde. Der Pionier des Internets und der virtuellen Realität nennt es die «Paradiesvorstellung» der «Silicon-Valley-Religion»: Eine zukünftige künstliche Intelligenz wird die Menschen so digitalisieren, wie Google heute die Sonette von Shakespeare scannt. Die «kalifornische Ideologie», wie sie gelegentlich genannt wird, ist also auch eine «kalifornische Religion», und sie hat noch keine Säkularisierung durchgemacht. Charismatische Anführer wissen in Vertretung einer höheren, künstlichen Intelligenz, was die Menschen brauchen. «Verwirkliche dich selbst, aber über die Schablone von Facebook», spottet Jaron Lanier – jedenfalls so lange, «bis sie deine Seele überflüssig gemacht haben».

TA-Forum zur Sicherheit im digitalen Zeitalter: 28. 9. (Moderation: Matthias Schüssler); TA-Forum zur Digitalisierung des Schweizer Werkplatzes: 29. 11. (Moderation: Michael Marti); jeweils im Gottlieb-Duttweiler-Institut, Rüschlikon. Programm: www.forum-executive.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2016, 23:24 Uhr

«Kein 1-0-1-Spiel mehr»

Mit Abraham Bernstein sprach Linus Schöpfer

Was kann Zürich vom Silicon Valley lernen?
Wissenschaftlich untersucht wurde ja der Vergleich zwischen der Ostküste um Boston und dem Silicon Valley. Warum entwickelte sich ausgerechnet das Silicon Valley so gut? Warum blieb Boston zurück? Ein Grund ist der freie Fluss der Ideen, der im Valley perfektioniert wurde, und die unkomplizierte Zusammenarbeit zwischen Firmen und Institutionen. Diesen Fluss müssen wir in Zürich kopieren. Der Impact Hub etwa schafft die idealen Arbeits­bedingungen dafür. Wir haben einen gewissen Nachholbedarf, sind aber auf gutem Wege.

Ist Peter Thiel ein gutes Vorbild für Studenten?
Da gibt es aus Sicht des Informatikers weit interessantere Köpfe und bessere Vorbilder. Leute wie Douglas Engelbart, der 1968 an einer einzigen Präsentation die Computermaus, die Videokonferenz sowie den Hypertext vorstellte. Oder ein Alan Kay, der in den 70ern über Laptops und Pads geforscht hat. Oder Tim Berners-Lee, der am Cern das Web erdacht hat. Leute also, die Innovation vorangetrieben und die Zukunft eigentlich erfunden haben.

Kann Technologie neutral sein? Oder ist sie immer auch Trägerin einer bestimmten Weltanschauung?
Technologie ist grundsätzlich nicht wertgebunden. Aber man kann bewusst Werte in eine Technologie hineingiessen. Sicher, das Internet kann als Instrument der totalen Überwachung benutzt werden. Gleichzeitig kann es ebenso gut als direktdemokratisches Instrument dienen – man denke an Smartvote, das eine feinere Auswahl der Politiker erlaubt, oder die Ideen zur erleichterten, weil digitalisierten Unterschriftensammlung. Die Informatik beschäftigt sich heute intensiv mit dem sogenannten Value Sensitive Design, also mit einer Programmierung, die Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse nimmt und dem Menschen keine Technologie aufdrückt, der er sich dann anzupassen hat.

Was tun Sie, um Ihre Studenten für die gesellschaftliche Bedeutung ihrer künftigen Arbeit zu sensibilisieren?
In den letzten fünf Jahren wurde auch der breiten Öffentlichkeit klar, dass die Informatik kein 1-0-1-Spiel mehr ist, sondern dass wir in eine neue Ära vorgestossen sind. Das Wechselspiel zwischen Gesellschaft und Maschine ist zentral geworden; heute gilt mehr denn je: Informatiker schaffen Welten. Unsere Aufgabe als Universität ist es deshalb, angehenden Informatikern ein Bewusstsein für ihre gesellschaftliche Verantwortung zu vermitteln.

Was heisst das konkret?
Ab nächstem Semester gehört der Kurs «People-Oriented Computing» zum Pflichtprogramm, der sich mit dieser gesellschaftlichen Verantwortung beschäftigt. Weil diese Thematik interdisziplinär ist, lancieren wir nächste Woche an der Universität Zürich auch die «UZH Digital Society Initiative», an der sich alle Fakultäten beteiligen. Sie soll eine neue Plattform sein, auf welcher der Digitalisierungsprozess in allen Facetten diskutiert und Innovation in diesem Bereich gefördert wird.


Abraham Bernstein ist Informatikprofessor an der Universität Zürich sowie Initiant und Direktor der «Digital Society Initiative».

Bücher zum Thema

Eric Schmidt und Jared Cohen: Die Vernetzung der Welt (Rowohlt 2013).

Christoph Keese: Silicon Valley (Knaus 2014).

Thomas Schulz: Was Google wirklich will (Random House 2015).

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? (Hoffmann und Campe 2014).

Kai Schlieter: Die Herrschaftsformel. Wie Künstliche Intelligenz uns berechnet, steuert und unser Leben verändert (Westend 2015).

Nick Bostrom: Superintelligenz (Suhrkamp 2014).

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles. Wie Big Data in unser Leben eindringt (Penguin 2016).

Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst (Ullstein 2015).

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