«Die erbärmlichste Kreatur erhält in deinen Arbeiten Würde»

Heute erhält der frühere Schauspielhaus-Intendant Christoph Marthaler den Kunstpreis der Stadt Zürich. Eine Laudatio.

Christoph Marthaler, Regisseur und Musiker. Foto: Funke Foto Services

Christoph Marthaler, Regisseur und Musiker. Foto: Funke Foto Services

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Schon in der Bibel steht es geschrieben: Alles hat seine Zeit. Erlenbach hat beispielsweise seine Zeit, das Oboenstudium hat seine Zeit, die Ecole Lecoq, die Schaubude, die Kronenhalle, das erste Theater Spektakel – ich fasse mich kurz –, die Intendanz hat seine Zeit, die Rote Fabrik, das Opernhaus hat seine Zeit, und der Kunstpreis der Stadt Zürich hat seine Zeit.

Damit wäre ja eigentlich alles gesagt. Fast 25 Jahre arbeiten wir zusammen. Addiert man alle Probenzeiten, haben wir über sechs Jahre unseres Lebens gemeinsam verbracht – die Zeit nach den Proben nicht mitgerechnet. Da wird man wohl noch zum Kunstpreis der Stadt Zürich gratulieren dürfen.

Zwar sind wir beide inzwischen im Zeitalter der Anekdoten angelangt, und auch Gerhard Meier hat sich gefragt, ob man am Ende lebe, um sich zu er­innern. Trotzdem erwarten Sie nun nicht, meine Damen und Herren, dass ich mit den besten Müsterchen aus 25 Jahren Marthaler-Theater aufwarte. Auch kann und will ich mich nicht zu deiner Arbeit, Christoph, im Kontext der europäischen Theaterrezeption im Allgemeinen und der schweizerischen im Besonderen äussern, ich bin kein Bibelforscher und ausserdem stecke ich knietief mittendrin. Ich würde dir, Christoph, und Ihnen allen selbstredend gern erzählen, was dich in meinen Augen zu einem ganz besonderen Künstler macht. Und dazu komme ich doch nicht umhin, eine Anekdote zum Besten zu geben, die sich ziemlich früh in unserer Arbeit zugetragen hat.

Nichtstun als Gärprozess

Wir probten für die Salzburger Festspiele «Pierrot Lunaire» von Arnold Schönberg. So suchten wir also auf der Probebühne nach szenischen Taten und Untaten, machten Angebot über Angebot, verwarfen, machten neue. Kurz, es herrschte ein reges kreatives Treiben. Allerdings nur von meinen vier Freunden, ich selber stand am Rand oder sass auf einem Kaugummiautomaten, hockend wie ein Vogel, staunend über soviel «Input» meiner Kollegen. Und eine grosse Lähmung schien sich über mich zu legen. Nach dem Abendessen, beim letzten Getränk unter vier Augen, meinte ich zu Christoph, dass ich diese Produktion nicht hätte machen sollen, sprach von innerer Leere, ich glaube sogar, das Wort «Burn-out» kam über meine Lippen. Christoph hörte mir aufmerksam zu und meinte dann schlicht: «Das ist bei dir immer so die ersten zwei Wochen.» Und so war es dann auch.

Was will uns das sagen: Im scheinbaren Nichtstun wird das Gärgut aufgehäuft, und jedem Künstler steht ein ureigener Gärprozess und -rhythmus zu, der keinem Probenplan untersteht, sondern im besten Falle umgekehrt. Das hast du immer für dich eingefordert, und für dich heisst bei dir immer für uns. Alles hat seine Zeit. Das kannte ich bis anhin anders: «Nu mach mal. Is ja egal, was. Können wir immer noch streichen. Mach mal. Du machst ja immer dasselbe. Von dir kommt nichts!» Robert Walser sagt es so: «Wissen Sie, dass ich hartnäckig und zäh im Kopf arbeite und oft vielleicht im besten Sinne tätig bin, wo es den Anschein hat, als ob ich ein gedankenlos wie arbeitslos im Blauen oder Grünen mich verlie­render, saumseliger, träumerischer, träger schlechten Eindruck weckender Erztagedieb und Mensch ohne Verantwortung sei.»

Ueli Jäggi (63) lernte Christoph Marthaler am Theater Basel kennen. Seit 1991 tat er fast jedes Jahr in mindestens einer Marthaler-Arbeit mit. Foto: Theater der Zeit Verlag

Christoph, sieht man dich am Morgen zu den Proben gehen, machst du wohl manchmal einen saumseligen, träumerischen, trägen Eindruck; einigen weckst du wohl auch einen schlechten – aber du bist mir ein Mensch mit grosser Verantwortung. Und zeigst bisweilen einen heiligen Zorn, wenn Menschen zynisch behandelt werden. Macht ist dir ein Gräuel. Im Leben wie im Theater. Die ­erbärmlichste Kreatur erhält in deinen Arbeiten Würde. Sie werden erbarmungswürdig im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn die Erna in «Kasimir und Karoline», von oben bis unten nass vom Bier, das ihr Merkl Franz literweise ins Gesicht geschüttet hat, ihr Handtäschchen öffnet, damit er seinen tuberkulösen Auswurf entsorgen kann, hat sie menschliche Grösse und Würde. Und sie führt uns in unseren Vorurteilen ad absurdum. Oder wenn Andrej in «Drei Schwestern» den Deckel hebt, lange in die leere Suppenschüssel starrt und dann meint: «Ja, das sind so Sachen.» Oder wenn in der «Schönen Müllerin» im Schiffbau sechs nackte Männer aus dem Schrank steigen und sich in einer Reihe vor tiefer, schwarzer Leere aufstellen, ihre Schuhe in der Hand, sehen die einen seltsamerweise Unterhosen, der Rest sieht ein restlos trauriges Bild verlorener Seelen. Wir dürfen in solchen Momenten, um es mit Robert Walser zu sagen, mit der Möglichkeit rechnen, dass wir uns in der Sicht der Dinge geirrt haben könnten. Und da ­haben wir Glück.

Zutiefst politische Haltung

Deine Geschichten, Christoph, sind ausnahmslos von einer grossen Menschenfreundlichkeit. Das ist deine Haltung den Schauspielern, den Bühnenbildnern und den Assistenten gegenüber, und das macht sie mutig in der ganzen Verletzlichkeit, die diese Berufe mit sich bringen. Es ist dies eine zutiefst politische Lebenshaltung, eine realutopische – und eine christliche, und wenn ich dir das als Pfarrerssohn sage, so weisst du, was ich damit meine.

Von Ernst Wendt, dem leider viel zu früh verstorbenen Regisseur, habe ich Folgendes gelesen: «Ich habe gelernt, dass sich ein Schauspielerleben nur lohnt, wenn es am Ende als ein Modell von Menschenfreundlichkeit dasteht.»

Lieber Christoph, du warst, bist und wirst mir ein Berater, ein Vertrauter, Gesinnungsgenosse, ein Lebensfreund, ein Freund im Leben, ich wünsche dir Glück, Gesundheit, Wohlergehen, und mir wünsche ich noch viele offene Suppenschüsseln mit dir.

Die Laudatio wurde leicht gekürzt.

Erstellt: 03.11.2017, 18:47 Uhr

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