Die ganze Welt aus dem Erdgeschoss

In Rom macht ein kleines Team ein geopolitisches Heft, das es nun auch auf Deutsch gibt. Ein Redaktionsbesuch.

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Hinter dem Petersdom, stadtauswärts, franst Rom schnell aus. Die Via Gregorio VII windet sich in langen Schlaufen gegen Westen, und Windrichtungen sind in dieser Geschichte nicht unwesentlich. Am oberen Teil der Strasse, in einer Wohnung im Erdgeschoss, entsteht alle zwei Monate ein geopolitisches Heft, das die ganz grossen und relevanten Fragen der Welt im Blick haben will und in drei Sprachen erscheint: Italienisch, Englisch und neuerdings Deutsch. Es heisst «Eastwest», Ostwest. Das soll keine geografische Einschränkung sein. Der Norden und der Süden werden mitgedacht im grossen Spannungsfeld zwischen der Neuen und der Alten Welt.

«Wir sind klein», sagt Fabrizia Falzetti, die Chefredaktorin, und zeigt ins Wohnzimmer, «alles da.» An einem schmalen Tisch in der Mitte des Raums sitzen sechs Mitarbeiter um vier Laptops: Redaktoren, eine Grafikerin, Sekretärinnen. Sie aktualisieren gerade die Website. Es riecht nach Start-up und nach Kaffee aus der Mokkakanne. Am Boden stehen ungeöffnete Kartonschachteln. Alles da, alles klein. Nur die Ambitionen, die sind ziemlich gross: «Wir wären gerne ein bisschen wie ‹The Economist›», sagt Falzetti. Internationale Themen in konzisen Texten also und mit analytischen Schwerpunktthemen: Trump, G-7, China. Nur eben nicht wöchentlich wie das Vorbild aus England, sondern sechsmal im Jahr.

Seit einigen Monaten liegt das Magazin auch in deutscher Sprache an deutschen, schweizerischen, österreichischen Zeitungsständen auf. Und in Südtirol. Die Covers sind in knalligen Farben gehalten, kaum zu übersehen. Deutschland sei ein spannendes Abenteuer, sagt Falzetti, aber auch ein Wagnis.

Gegründet von einer Bank

Das Heft gibt es eigentlich schon seit dreizehn Jahren, nur hiess es bis vor kurzem «East», Osten, und man fand darin auch Kultur- und Unterhaltungs­rubriken. Lanciert hatte es einst Unicredit, die grösste Bank Italiens. Ungewöhnlich war das nicht, in Italien hielten sich früher die meisten grossen Banken Zeitschriften, etwas Geist neben all dem Geld und Gewinn. In der Bankenkrise aber schlossen die meisten.

«East» hiess es früher deshalb, weil es sich mit den Chancen beschäftigte, die sich in Osteuropa eröffneten, wo die Bank zu wachsen gedachte. Verantwortlich war ein früherer Diplomat aus Neapel, Giuseppe Scognamiglio, der als Manager bei Unicredit arbeitet – ein Mann mit einem mächtigen Netzwerk. Das Heft war seine Idee, er ist heute dessen Direktor.

Vor einigen Jahren beschloss die Bank, sich etwas zurückzuziehen. Sie öffnete das Aktionariat unter anderem der Denkfabrik European Council on Foreign Relations, der auch Joschka Fischer angehört, und einer Kommunikationsagentur. Unicredit hält heute noch 40 Prozent an dem Unternehmen Europeye, das «Eastwest» herausgibt. «Alle denken, die Bank stopfe die Löcher im Budget, auch die Mitarbeiter», sagt Falzetti und lacht, aber das sei nicht so. Am Anfang gab es Startkapital, danach gab es offenbar nichts mehr.

Dank seiner Kontakte gelang es Sco­gnamiglio, prominente Persönlichkeiten zu gewinnen, die den wissenschaftlichen Beirat der Publikation bilden. Im Impressum sind gleich drei frühere italienische Premierminister aufgeführt, nämlich Romano Prodi, Enrico Letta und Giuliano Amato, sowie unter anderem Philipp Rösler und Joschka Fischer. Bezahlt würden sie nicht, sagt Falzetti. Doch alle zwei Monate lädt Unicredit sie zum Business-Lunch in ihren Wolkenkratzer in Mailand ein, in die oberste Etage, ins «Roof», wo sie die Themen für die kommenden Ausgaben bestimmen.

Das Netzwerk des Direktors

Falzetti sitzt jeweils dabei und macht Notizen. In der Redaktion im Erdgeschoss in Rom setzen sie die Ideen dann um. Sie suchen nach passenden Autoren, vergeben Aufträge. Prodi betreut in jedem Heft die Rubrik «Gesichtspunkte». Scognamiglio schreibt den Leitartikel und macht Interviews. So kommt das kleine Magazin zuweilen mit exklusiven Gesprächen und Meinungsbeiträgen daher, die es dem Netzwerk seines Direktors verdankt. Die publizistische Linie, sagt Falzetti, sei «zutiefst europäistisch» und «kontinental», will heissen: emanzipiert von der angelsächsischen Sicht auf die Welt. Über Italien berichtet das Heft nur, wenn es etwas zu berichten gibt, das auch in der übrigen Welt interessieren könnte – etwa über die Rolle Italiens in Libyen. Im kommenden Frühjahr, wenn die Italiener ein neues Parlament wählen, schafft es Italien vielleicht sogar für einmal auf das Cover.

Zuletzt wuchs das Heft sprunghaft. In Italien verdoppelte sich die verkaufte Druckauflage in kurzer Zeit auf 10'000 Exemplare. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Menschen die komplexe und zuweilen konfuse Welt, in der sie leben, besser verstehen möchten. Als dann vor einem Jahr der Anruf der Verlagsunion aus Berlin kam, die sich für einen Vertrieb des Hefts in Deutschland interessierte, sei das zunächst dennoch «wie ein Schock» gewesen. Mit der neuen Ausgabe wurde das Unternehmen noch mal viel grösser. Und da die meisten Autoren Italiener sind, hauptsächlich Journalisten und Experten auf Posten im Ausland, mussten die Texte nun nicht mehr nur auf Englisch übersetzt werden, sondern eben auch auf Deutsch.

Mittlerweile gibt «Eastwest» mehr Geld aus für Übersetzungen als für Texthonorare. «Die Übersetzungen sollen ja gut sein», sagt Falzetti, «das ist sehr viel Arbeit und teuer.» Gerade gingen Anfragen für eine portugiesische und eine spanische Ausgabe ein. Zwei weitere, aufregende Schocks für ein kleines Team im Start-up-Modus an einer Ausfallstrasse Roms.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 17:02 Uhr

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«Eastwest»

Die Zeitschrift erscheint sechsmal im Jahr und kostet ca. 15 Fr. Die aktuelle Nummer enthält ein Interview mit Joschka Fischer. Internetauftritt: Eastwest.eu

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