Die Magie der Nacht

Ein Geheimtipp zum Herbstbeginn: Das Aargauer Kunsthaus zeigt «Nachtbilder» von heute und einst.

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Irgendwann, und man ist nicht unglücklich, geht auch dieser Sommer zu Ende. Zumindest kalendarisch. Wer bereits genug hat von Sonne, Sommer und Schweissrändern wird dem Aargauer Kunsthaus danken. In seinen Räumen findet man das Gegengift zur ausgereizten Sommerhysterie – es ist die Ausstellung «Nachtbilder»: Frösteln ist im Preis inbegriffen, Stille Voraussetzung, Poesie erhältlich mit Geld-zurück-Garantie. All das liegt in den sanften Mondnacht-Launen, die die Maler Otto Wyler am Maloja (1917) und Fritz Pauli in Davos (1925) eingefangen haben, oder in der Kunstlichtlandschaft des Fotografen Thomas Flechtner aus La-Chaux-de-Fonds (2001). «Nachtbilder» zeigt Fotoschaffende, Videokünstler, Objektkünstler, Maler von heute, wirft aber auch den Blick zurück bis ins 17. Jahrhundert.

Es sind Positionen, die das Museum sammelt wie die herausragenden Werke des frühen Hochgebirgsmalers Caspar Wolf (1735–1783), diesem grossen Sohn des Kantons Aargau, und es sind andere, die man eingeladen hat, um die Schau zu erweitern. Georg Aernis nächtliche Skyline von Hongkong zum Beispiel, seine Fotos aus der Serie «TV-Time». Sie zeigen eine Stadtlandschaft, die sich entsprechend dem Fernsehprogramm einfärbt, das durch die Fenster der Skyscraper bei Tausenden Menschen gleichzeitig über den Bildschirm flimmert.

Ästhetik der Nacht

Die Nacht ist ein überzeitliches Faszinosum, in der Malerei seit Leonardo da Vinci (um 1500), in der Fotografie seit Brassais Nachtbildern aus Paris (um 1830); die Nacht ist Anlass von Grenzerfahrung, sie ist Projektionsraum für Träume und Albträume, sie ist Gegenstand von Philosophie und Ideologie, und wenn wir dabei sind, sie abzuschaffen – Stichwort Lichtverschmutzung –, wissen wir trotz allem: Wer die Nacht verliert, verliert auch den Tag. Pointiert sagt es der Schriftsteller Peter Handke: «Alles, was herausgefunden werden kann, wird nachts herausgefunden.»

Was das Kunsthaus in Aarau herausfindet? Sammlungskurator Thomas Schmutz entdeckte in seinen Depots erstens reiches Material, um daraus eine Ästhetik der Nacht zu behaupten; zweitens macht er dem Besucher eine Reihe schöner Überraschungen. Eine Überraschung sind vor allem die stillen Videos von Eric Hattan, der sich der Nichtigkeit zweier leerer Plastiksäcklein widmet, die sich gegenseitig anziehen und abstossen, von einem geheimnisvollen Wind über ein nächtliches Strassenpflaster einer Hafenstadt getrieben («Air d’eux»); oder es sind Hattans Bilder in «Round Midnight», die er mit einer Speedvideokamera aus dem Auto heraus einfängt.

Thomas Flechtner: «Colder», La Chaux-de-Fonds (1996–2000). Foto: Depositum der Sammlung Andreas Züst © 2015, ProLitteris, Zürich

Zudem hat Schmutz einen ganzen Raum ausschliesslich dem Filmemacher Clemens Klopfenstein gewidmet. Klopfensteins Experimentalfilm oder filmisches Restlichtexperiment von 1979, «Geschichte der Nacht» – eine Bild-Ton-Collage aus 150 Nachtporträts unterschiedlicher europäischer Metropolen –, ist bis heute unvergessen, sucht seinesgleichen in Bezug auf künstlerisch Radikalität und Willen zum Bruch mit der Tradition. In Aarau wird Klopfenstein als Fotograf gewürdigt: Die Fotografie ist das Medium, das den Blick des jungen Filmemachers für alles Weitere schulte.

Virtuelle Explosionen

Am anregendsten ist «Nachtbilder», wenn sich in einem Raum Positionen verschiedener Epochen treffen: der Blitzschlag in Caspar Wolfs Gewitternacht am Grindelwaldgletscher (um 1774/75) zum Beispiel auf die digitalen Explosionen des jungen Fotokünstlers Christian Andersen. Wolf verwandte das Licht des Blitzes, um die Szenerie nachts überhaupt erst sehen und dann im Atelier malen zu können; Andersen wiederum machte sich einen Namen damit, dass er in prähistorischen Computerzeiten (in den späten 90ern) vertraute Zürcher Strassen, Situationen nachts in Flammen aufgehen liess. Er führte seinen Rechner an seine Grenzen und entwickelte virtuelle Explosionen. Die Fotoszene war hingerissen.

Der Clash zwischen den Medien und Zeiten führt zu nachhaltigen Erkenntnisexplosionen auch stiller Art – dann am eindringlichsten, wenn das kleine Ölbild «Mondnacht auf dem Meer» (1892) des Malers Cuno Amiet auf eine zeitgenössische Skulptur von Peter Storrer trifft. Der Künstler hat eine nachtblaue Acryltonne mit einer ganz besonderen Art von Sondermüll gefüllt, das heisst bestickt – mit Sternbildern. So wird aus einem bedrohlichen Fass der Pandora ein lyrisches Versprechen: Alles wird gut! Denn es wird Nacht.

Bis 15. November.

Erstellt: 16.09.2015, 19:20 Uhr

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