«Die Sache mit den Zahlen ist ein absurder Streit»

Nur 4000 Juden seien an der Schweizer Grenze abgewiesen worden, sagt eine neue Studie. Damit greift sie den Bergier-Bericht an – oder doch nicht? Im Interview nimmt die Autorin Stellung.

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Frau Fivaz, seit gut einer Woche gibt Ihre Dissertation stark zu reden, weil Sie darin die bekannte Zahl der abgewiesenen Flüchtlinge von 24’500 auf 4000 Juden korrigieren. Was war das Ziel Ihrer Arbeit, die rund tausend Seiten umfasst?
Das Ziel meiner Arbeit war es, die Flucht der jüdischen Flüchtlinge zu erforschen, die während des Zweiten Weltkriegs aus oder durch Frankreich in die Schweiz kamen – und die hier eingelassen oder abgewiesen wurden. Im Zeitraum von 1939 bis 1945 waren das rund zwei Drittel aller jüdischen Flüchtlinge, die über die Westgrenze in die Schweiz kamen oder weggewiesen wurden.

Sie verfolgen also auch die Herkunft und die Wege der jüdischen Flüchtlinge?
Ja, genau. Und auch die Aufnahme oder die Wegweisung in der Schweiz.

Zu diskutieren gibt nun vor allem das Statistik-Kapitel Ihrer Arbeit, das rund vierzig Seiten umfasst und in dem Sie die Zahl der abgewiesenen jüdischen Flüchtlinge auf 4000 beziffern, was ein Maximum sei.
Ja, aber ich will das gleich korrigieren. Die Sache mit den Zahlen ist nämlich ein absurder Streit. Der Bergier-Bericht hat sich auf eine Studie des Historikers Guido Koller bezogen, die von 24’500 abgewiesenen Flüchtlingen ausgeht. Koller hat sehr deutlich herausgearbeitet, dass diese abgewiesenen Flüchtlinge keineswegs ausschliesslich Juden waren. Auch im Bergier-Bericht ist das so nicht gesagt, wurde dann aber so interpretiert. Aus der Studie von Koller geht nur hervor, dass es insgesamt 24’500 Abweisungen gab. Aber waren das immer Juden? Das ist eine Frage, die sich auf der Grundlage der damals beigezogenen Akten nicht ermitteln, sondern nur vermuten lässt. An der Juragrenze im August und September 1942 waren fast alle ankommenden Flüchtlinge Juden. Im März 1944 an der italienisch-schweizerischen Grenze hingegen waren ganz wenige Juden unter den Fliehenden.

Lässt sich die von Ihnen nun genannte Zahl von maximal 4000 abgewiesenen jüdischen Flüchtlingen wirklich so genau festlegen?
Für die Westgrenze kann man auf Grundlage der Quellen sehr genaue Aussagen machen. Man kann aber nicht so genau sagen, wie viele man in den Grenzdepartementen im Jura effektiv zurückwies – und wie viele Juden dort vor ihrem Eintritt in die Schweiz verhaftet wurden. Nach meinen Untersuchungen wurden dort 900 bis 1000 Juden abgewiesen. Nicht alle Weggewiesenen wurden deportiert. Namentlich kennen wir 73 Deportierte, die an der Juragrenze zurückgewiesen wurden. Ausserdem wissen wir von 200 bis 700 Deportierten, von denen wir aber nicht genau sagen können, ob sie an der Schweizer Grenze abgewiesen oder vorher von Nazis verhaftet wurden.

An der Westgrenze weiss man Ihnen zufolge sehr genau, wie viele der dort abgewiesenen Juden deportiert wurden. Wie viele waren es?
Das klingt sehr unmenschlich, wenn man über diese Zahlen spricht. Man redet ja immer über Menschen. Aber es stimmt: Ich habe eine Liste mit 248 Namen von Personen zusammengestellt, die an der Westgrenze der Schweiz weggewiesen und anschliessend deportiert wurden. Zu jedem Namen habe ich die Biografie recherchiert, die ich zusammen mit den Zahlen veröffentlichen will. Insgesamt ist für die Schweiz wohl von 200 bis 700 Personen auszugehen, die nach ihrer Abweisung deportiert wurden.

Ihnen wird zum Vorwurf gemacht, dass Sie die Zahlen von der Romandie auf die gesamte Schweiz hochrechnen.
Eine Extrapolation habe ich nur für die deutsch-österreichische Grenze vorgenommen – aus dem einzigen Grund, weil es dafür noch keine Forschung gibt. In den Jahren der sogenannten Endlösung, also zwischen 1942 und 1944, gibt es nur sehr wenige Versuche von Juden, über die Grenzen der Deutschschweiz in die Schweiz zu fliehen. Es gibt einige wenige Personen – man geht von 105 aus –, die von Berlin über die Grenze bei Schaffhausen in die Schweiz geschleust wurden. Für die Tessiner Grenze gibt es hingegen eine ganz wichtige Studie des Staatsarchivs Tessin, die aber noch nicht veröffentlicht wurde. Die Studie geht davon aus, dass während des Zweiten Weltkriegs 6000 jüdische Flüchtlinge über die Südgrenze in die Schweiz gelangten, von denen «nur» rund 300 zurückgewiesen wurden.

Neben dieser Studie, die nur die Ausschaffung von bereits eingereisten Personen erfasst, gibt es noch den Aufsatz von Guido Koller, der fast 10’000 Personen erwähnt, die bereits an der Tessiner Grenze zurückgewiesen wurden, also gar nie einreisen konnten. Kritiker sagen, Sie hätten diese Studie ignoriert.

Das habe ich nicht. Guido Koller sagt selbst in einer Fussnote seiner Studie, dass sich unter diesen abgewiesenen Personen nur sehr wenige jüdische Flüchtlinge befunden hätten.

Koller nennt für Februar/März 1944 zehn jüdische Flüchtlinge, die abgewiesen wurden, macht sonst aber keine weiteren Angaben. Haben Sie von dieser Zahl aus hochgerechnet?
Ich gehe von der Tessiner Studie aus, die Koller noch nicht kennen konnte und die für die Südgrenze die Arbeit leistet, die ich selbst für die Westgrenze unternommen habe. Heinrich Rothmund verfügte zudem bereits Anfang Oktober 1943, als die Deutschen in Norditalien eingedrungen waren, dass Juden wo immer möglich nicht zurückgewiesen werden sollten, was dann auch meistens geschah. Die Situation an der Tessiner Grenze war letztlich viel humaner als an der Grenze in der Westschweiz oder gar in Genf. Die rund 10’000 abgewiesenen Personen waren grösstenteils Zivilisten, die aus Angst vor den Deutschen in die Schweiz kommen wollten. Zudem gab es ziemlich viele ehemalige italienische Soldaten, die sich ihrer Uniformen entledigten, um als Zivilpersonen in die Schweiz einreisen zu können.

Von Swissinfo werden Sie mit den Worten zitiert, wonach Heinrich Rothmund keineswegs ein Antisemit gewesen sei. Wie kommen Sie zu dieser Bewertung, obwohl es von Rothmund doch die Aussage vom September 1942 gibt, es sei ihm bis anhin gelungen, die «Verjudung der Schweiz» erfolgreich zu verhindern?
Es stimmt, dass Rothmund die Anti-Überfremdungs-Politik des Bundesrates vertreten hat, als er etwa im August 1942 die Grenze für rassisch verfolgte Flüchtlinge schliessen liess. Das ist ganz klar ein Beispiel für die repressive Politik der Schweiz: keine Überfremdung und nicht zu viele Juden, weil Deutschland sonst protestieren würde. Allerdings gibt es in den Archiven sehr deutliche Hinweise, dass Rothmund kein Antisemit im eigentlichen Sinne war: Er wiederholt nie Stereotypen wie etwa, dass die Juden reich oder unanständig seien. Rothmund sagte bloss, dass es neben vielen sehr gut assimilierten Juden auch die Ostjuden in der Schweiz gebe, die sich hier nicht so gut an unsere Gebräuche gewöhnen könnten. Von denen gebe es nicht so viele, die gingen dann auch wieder von selbst weg, sagte Rothmund sinngemäss. Das ist kein Antisemitismus. Anders Major Rapp, der für die Grenzwache in Neuenburg, Wallis und der Waadt zuständig war: Rapp hielt die Juden für eine biologische Gefahr. Das ist ein Wortlaut, den man bei Rothmund nicht findet. Rothmund hat auch humanitär immer richtig gehandelt, vorausgesetzt, dass er über die Geschehnisse an der Grenze informiert war. Er hat jeden individuellen Fall, der auf seinem Schreibtisch landete, im positiven Sinne bearbeitet. Für Rothmund waren die Flüchtlinge erst Menschen, dann Juden und erst zuletzt lästige Personen, die man nach dem Krieg wieder loswerden sollte.

Aber Rothmund hat doch mit seiner Weisung vom September 1942, wonach «Flüchtlinge aus Rassegründen nach der bisherigen Praxis nicht politische Flüchtlinge» sind, also an der Grenze abgewiesen werden sollen, die antisemitische Politik der Nazis radikal durchgesetzt.
Selbstverständlich hat Rothmund als Chef der Schweizer Polizeiabteilung solche Weisungen verfasst. Das will ich gar nicht bestreiten. Aber letztlich hat niemand in der Schweizer Regierung die Juden verteidigt. Was also war Rothmunds Rolle als Chef der Polizei? Genau solche Weisungen rauszugeben. Das war die Staatsräson. Aber unter dem Tisch hat Rothmund bereits Ende August 1942 an die verschiedenen Chefs der kantonalen Polizeidienststellen an der Westgrenze Weisungen herausgegeben, keine Juden mehr abzuweisen. Das haben wir schriftlich. Der Chef des Territorialmilitärs in Genf hat sich wahnsinnig über diese Weisung von Rothmund geärgert, weil er – als Antisemit – die meisten Juden wegweisen wollte.

Aber im September 1942 ist die Schweizer Politik, die von Rothmund vertreten wird, wieder extrem restriktiv.
Das stimmt. Auf der anderen Seite passten sich die Flüchtlinge und der ökumenische und jüdische Widerstand der neuen Weisung an: Man organisierte etwa Kindertransporte oder fälschte Papiere, damit junge Erwachsene, die zum Teil weit über 20 waren, in die Schweiz einreisen konnten, was damals nach Rothmunds Weisung allein reisenden Kindern unter 16 Jahren erlaubt war. Das ist auch ein wichtiger Teil meiner Studie: Die Schweiz wurde benutzt, um Juden zu retten. Der Bergier-Bericht hat die offizielle Flüchtlingspolitik der Schweiz erforscht. Das war auch seine Aufgabe. Ich habe es gerade umgekehrt gemacht: Ich habe die Aufnahmepolitik aus der Perspektive der Flüchtlinge selbst studiert. Das gibt dann ein anderes Bild.


Ist die Polemik, die nun mit Ihrer Studie gegen den Bergier-Bericht geführt wird, denn nun in Ihrem Sinne?

Überhaupt nicht. Die Bergier-Kommission musste unter dem Druck der Öffentlichkeit sehr schnell arbeiten. Und konnte keine eingehende Forschung betreiben, wie ich sie in den letzten zwanzig Jahren unternommen habe.

Und Ihnen geht es gar nicht um die Zahlen, die nun so polemisch diskutiert werden?
Genau, darum geht es mir nicht. Selbstverständlich muss man die Zahlen herausarbeiten, das ist ganz wichtig. Aber man muss auch die Verantwortungen deutlich machen: Woran ist die Schweizer Regierung – also hauptsächlich Bundesrat von Steiger und Heinrich Rothmund als Chef der Polizei – und woran sind die Grenzwache oder der Territorialdienst schuld? Die beiden Letzteren haben oft sehr viel grausamer gehandelt, als die Regierung in Bern das gesagt hatte. Andererseits hat Bern das auch nicht genug kontrolliert. Damals sind an den Grenzen grässliche Dinge passiert, die nicht hätten geschehen dürfen.

Jetzt wird Ihre Studie in der «Weltwoche» für die Schlagzeile «Die meisten durften rein» genutzt.
Das stimmt ja auch. Etwas über 21’000 Juden durften in die Schweiz einreisen oder bleiben. Und etwa 4000 wurden abgewiesen. Also durften mehr in unser Land rein, als zurückgewiesen wurden. Das scheint mir klar. Ich muss dazu anmerken, dass wir nun nur von Juden sprechen. Und nicht von anderen Gefährdeten, die zwar auch, aber nicht direkt mit dem Tode bedroht waren.

Aus Ihrer Studie erfährt man auch, dass es rund 16’000 Visumsanträge von Juden gab, die von der Schweiz abgelehnt wurden. Der Bergier-Bericht ging von 14’500 abgelehnten Visumsanträgen aus. Wie kommen Sie zu dieser neuen Zahl?
Es gibt zwei Quellen für diese neue Zahl. Genaue Dokumente gibt es leider nicht mehr, die eine Nachzählung erlauben würden. Ich kann die neue Zahl also nicht garantieren, aber die Höhe wird stimmen. Die Ablehnung dieser Visumsanträge war auch einer der drei grossen Fehler der damaligen Schweizer Politik.

Was waren Ihrer Meinung nach die beiden anderen?
Der zweite Fehler war es, dass Rothmund und von Steiger die restriktive Flüchtlingspolitik zwar sofort Ende August 1942 gelockert haben, aber dann nicht kontrolliert haben, dass dies auch tatsächlich an der Grenze durchgesetzt wurde. Der dritte grosse Fehler war es, nicht zu bewerkstelligen, dass jeder Flüchtling, der es durch Hunderte Gefahren bis an die Schweizer Grenze geschafft hatte, auch hereingelassen wurde. Es wären ja nur einige Hundert oder Tausend gewesen.

Erstellt: 02.06.2017, 19:31 Uhr

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Abgewiesen

Ruth Fivaz

Historikerin

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