Die vergängliche Essenz des Lebens

Das Museum Rietberg nimmt sich in einer grossartigen Ausstellung der Gärten dieser Welt an. Eines der ausgestellten Kunstwerke besteht nur aus Blütenstaub.

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Mittwoch, 11. Mai, 12:32 Uhr. Ein hageres, glatzköpfiges Männlein, ganz in Weiss gekleidet, schlüpft aus den Schuhen und betritt in Socken eine Art hell erleuchtete Bühne. Der Mann lässt sich auf die Knie nieder, schraubt ein Einmachglas auf und kippt den hellgelben, puderigen ­Inhalt in ein feines Sieb. Dann beginnt er, mit einem Suppenlöffel sanft, aber in schnellem Rhythmus gegen den Siebrand zu schlagen, so, wie man einen ­Kuchen mit Puderzucker dekoriert. Es stäubt, feinstes Pulver fällt auf den Museumsboden, wo es erst einen kleinen Blätz bildet und dann eine immer grössere Fläche, bis am Schluss ein mehr oder weniger exaktes, an den Rändern ausgefranstes Quadrat entstanden sein wird. Eine «ruhige Fläche» nennt Wolfgang Laib diese Form, in der, seiner Ansicht nach, das Pulver am schönsten zur Geltung kommt. Das Pulver – es ist Blütenstaub. Und die sonderbare Prozedur, in der damit der Boden bedeckt wird – eine Lebensaufgabe.

Was ist das nun? Konzeptkunst? Minimalismus? Performativ aufgemotzte Land-Art? Alles zusammen und nichts davon. Laib ist einer, der sich jenseits der gängigen Kategorien am wohlsten fühlt, abseits auch des hysterischen Kunstbetriebes. Wer aber glaubt, mit dem 66-jährigen Deutschen einen verkannten Hobbykünstler vor sich zu haben, der irrt. Ganz gewaltig sogar. Vor ein paar Monaten hat Laib in Tokio den Praemium Imperiale entgegengenommen, den mit 130 000 Franken dotierten «Nobelpreis der Kunst». 2013 bestreute er das riesige Atrium im Moma; im Jahr darauf war er der erste, dem Anselm Kiefer in seinem gigantischen privaten Kunstspielplatz «La Ribaute» in Südfrankreich Gastrecht gewährte. Documenta? Venedig-Biennale? Hat Laib alles schon hinter sich.

Das ideale Grün vor 3500 Jahren

Und nun also das kleine Rietberg in Zürich. Als Direktor Albert Lutz ihn anfragte, ob er für die Sonderausstellung «Gärten der Welt» ein Werk beisteuern wolle, sträubte Laib sich erst. Zu anstrengend ist das stundenlange Ausstreuen, ausserdem muss er sparsam mit den Pollen umgehen, die er in tage-, wochen-, monatelanger Arbeit selbst sammelt. Andererseits kam er schon als Kind mit den Eltern hierher, liebt das Haus und die Sammlung und hat eine ­Affinität zur ostasiatischen Kultur und Lebensweise. Also schlug er ein.

Wobei das Rietberg ja mit dieser Schau für einmal und im wahrsten Sinne des Wortes über den Gartenzaun blickt: In «Gärten der Welt» sollen, wie der Titel schon sagt, der Orient wie der Okzident gleichermassen zeigen, was sie zum Thema zu bieten haben; hauptsächlich historisch, aber auch aktuell. In der Präsentation der rund 140 Exponate – Zeichnungen, Gemälde, Bücher, Fotografien, Videos – kommen die Gegenwart und die Vergangenheit auf erfrischend unorthodoxe Weise zusammen: etwa im Fall des altägyptischen Amun-Tempelgartens, von dessen Existenz wir heute nur noch dank einer italienischen Handzeichnung wissen, die wiederum die Kopie eines altägyptischen Wandbildes sein soll. Letzteres galt als zerstört – bis, just während der Vorbereitungen zu «Gärten der Welt», Direktor Albert Lutz einen Anruf von einem befreundeten Archäologen erhielt: Man habe die Wandmalerei ­wiederentdeckt, in einer bewohnten Höhle, unter einer millimeterdicken Russschicht.

Was ist das? Aufgemotzte Land-Art? Konzeptkunst? Minimalismus? Es ist alles zusammen und nichts davon.

Bis das spektakuläre Fundstück für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird (wenn überhaupt), kann man sich in ­Zürich immerhin mit einem virtuellen Spaziergang durch Amuns legendäre Gartenanlage behelfen: in einer von ­Gamedesignern eigens für die Schau geschaffenen 3-D-Rekonstruktion. Wer sich die bereitliegende Computerbrille aufsetzt, kann, nachdem er sich an das anfängliche Schwindelgefühl gewöhnt hat, mit eigenen Augen erleben, wie man sich vor 3500 Jahren das ideale Grün vorstellte. Und – wieder ohne Brille, aber dank eines an die Museumswand angebrachten altägyptischen Gedichtes – die ideale Beschäftigung in selbigem. Da spricht also ein Baum zu einer jungen Frau: «Komm, verbringe etwas Zeit mit den Burschen – ihre Frucht ist reif – unter mir wie unter einem Zelt!» Man schmunzelt. Und wird im nächsten ­Augenblick Zeuge einer kleinen archäologischen Weltpremiere: Erstmals ist es gelungen, die zwei in verschiedenen Museen beheimateten Hälften eines Reliefs, das die Göttin Isis in Gestalt einer Dattelpalme zeigt, zusammenzuführen.

So werden Kunst, Wissenschaft und Unterhaltung durch die ganze Schau mühelos verschränkt, von den alten Ägyptern übers antike Perserreich bis zu Versailles und Monets Giverny, von den japanischen Gartenlyrikern über Conrad Gessner bis hin zu Ai Weiwei und dem deutschen Fotografen Thomas Struth, der eine – wie immer gross­formatige – Version des modernen Paradiesgartens präsentiert.

Im Zeichen des Grünen
Gartenjahr 2016

Mit der heutigen Eröffnung der Ausstellung «Gärten der Welt» im Museum Rietberg ist das «Gartenjahr 2016» um ein Highlight reicher. Die schweizweite Kampagne setzt sich von April bis Oktober dieses Jahres mit Ausstellungen, Führungen, Talks und Workshops für den Erhalt und die Entwicklung von Freiräumen und Gärten ein und macht die Bevölkerung auf deren zentrale Bedeutung für eine qualitätsvolle Verdichtung aufmerksam. Weitere Gartenjahr-Teilnehmer in Zürich sind der Alte Botanische Garten, die Stadtgärtnerei, der Chinagarten, das Landes­museum sowie die städtische Sukkulentensammlung. Letztere spürt, ausgehend von dem in der Rietberg-Schau ausgestellten Gemälde «Der Kaktusfreund» von Carl Spitzweg, in einer eigenen Sonderausstellung der Entwicklung des Kaktus vom exotischen Kuriosum zur profanen Zimmerpflanze nach. Wie die Schau im nur zehn Gehminuten entfernten Rietberg, ist «Sukkulentengärten – Geschichten einer Faszination» ab heute Freitag zugänglich und dauert bis 9. Oktober. In den Sommermonaten findet im Rieterpark zudem ein reichhaltiges Open-Air-Rahmenprogramm statt (u. a. mit Kräutermarkt, Gartenfest, Afternoon-Tea).

Der Katalog zu «Gärten der Welt» ist im Wienand-Verlag erschienen (Köln 2016, 288 S.) und kostet 52 Franken. (psz)

Dabei widerstand Kurator Lutz der Versuchung, die Schau zu überfrachten; stattdessen illustriert er jedes Kapitel mittels weniger, sorgfältig ausgesuchter Artefakte. Die allerdings eröffnen überraschende Bezüge: So inspirierte der Ryoan-ji-Steingarten in Kyoto nicht nur die Schweizer Fotografenlegende Werner Bischof, sondern auch den Experimentalkomponisten John Cage – und zwar zu meditativem Skizzieren. Dafür ordnete Cage Steine intuitiv auf einem Blatt Papier an, um sie anschliessend mit einem Bleistift zu umrunden. Dem Barockgarten der Villa d’Este in Rom ­begegnen wir derweil in einer Interpretation des Videoclip-Pioniers Kenneth Anger, der 1953 eine Cinderella in Rokoko-Outfit zu Vivaldis «Vier Jahreszeiten» durchs verwunschene Grün eilen liess.

Erhellend auch die virtuelle Erläuterung einer wohl in Zürich entstandenen, heute im Benediktiner-Kollegium in Sarnen aufbewahrten Tapisserie. Ohne die Kurzbeschreibungen auf dem anbei platzierten Bildschirm würde sich heutigen Betrachtern kaum erschliessen, warum in dem kunstvoll gewobenen Paradiesgärtlein ein Pelikan vor den Augen seiner Küken sich die Brust blutig pickt; nämlich, weil die rötliche Gefiederverfärbung in der Nistzeit lange als eine selbstaufopfernde Fütterungsweise missverstanden – und gern als Allegorie für Christi Martyrium verwendet wurde. Oder, warum da die Muttergottes ein Einhorn beim Horn packt: Die Berührung mit dem Fabeltier, das der Legende nach nur von einer Jungfrau gezähmt werden konnte, symbolisiert die unbefleckte Empfängnis.

Wer sich durch alle Exponate dieser ambitionierten Ausstellung schauen will – und das lohnt sich unbedingt –, wird unter drei Stunden kaum durchkommen. Zum Glück bietet der umliegende Rieterpark die bestmögliche Kulisse für eine kleine Verschnaufpause. Die dort für die Dauer der Ausstellung gepflanzten Blumenbeete nach Mode des 19. Jahrhunderts werden sich die Gartenpfleger, um sie in Ordnung zu halten, wohl jede Woche vorknöpfen müssen. Eine Sisyphusarbeit, die freilich jeder Hobbygärtner als meditativ empfindet.

Und wenn jemand reinniest?

Eine meditative Sisyphusarbeit nach seinem Geschmack hat «Pollengärtner» Wolfgang Laib schon 1977 entdeckt. Seit da sammelt er nämlich Blütenstaub als Werkstoff für seine Kunst (wer ihm dabei zuschauen will, dem seien die Youtube-Filme ans Herz gelegt, welche das Moma anlässlich der dortigen Ausstreuaktion ins Netz stellte). Langweilig wird ihm das nie. Im Gegenteil: Etwas über Jahrzehnte zu wiederholen, sei in der heutigen Zeit ein unglaubliches Privileg, findet er. Ausserdem gehöre das Sammeln ebenso zum Kunstwerk wie der Vorgang des Ausstreuens. Nicht nur die leuchtend gelbe Form zählt, die am Schluss zu sehen ist, sondern mindestens so sehr der Prozess, das Rituelle, das Meditative drum herum. Deshalb wird das fertige Werk auch nicht fixiert: Gerade seine Fragilität macht es kostbar. Wenn ein Museumsbesucher reinniest – nun denn. Und sonst ist das Werk ja versichert. Für eine sechsstellige Summe.

Und warum gerade Blütenstaub? Weil er die Essenz des Lebens sei, so Laib. Die Faszination für den Ursprung alles Lebenden trieb ihn einst zur Kunst, nachdem sein Medizinstudium jede Transzendenz hatte vermissen lassen. Erst bei den Pollen hat er Antworten auf Fragen gefunden, denen er sich als Arzt hilflos gegenübersah.

Mittwoch, 11. Mai, 15:03 Uhr: Das Werk ist vollendet. Am Ende der Schau wird der Blütenstaub vom Museumspersonal zusammengewischt und an den Künstler zurückgeschickt werden. Bis zu einer Gewichtsabweichung von zwei Prozent drückt Laib ein Auge zu.

Erstellt: 12.05.2016, 19:40 Uhr

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