«Die Welt hat aufgehört, realistisch zu sein»

Deshalb muss die Literatur noch wilder daherkommen: Eine Begegnung mit Salman Rushdie und ein Gespräch, in dem Präsident Trump nicht zu vermeiden ist.

Salman Rushdie, frisch vom Flughafen, formuliert pointierte Ansichten über Trump, den Westen und die Literatur. Foto: Urs Jaudas

Salman Rushdie, frisch vom Flughafen, formuliert pointierte Ansichten über Trump, den Westen und die Literatur. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist der zweite Tag der öffentlichen Impeachment-Anhörungen, und Salman Rushdie schliesst erschöpft die Augen, als ich ihn bei unserem Treffen im Hotel Schweizerhof in Zürich danach frage. Dann öffnet er sie tapfer wieder: Dem Thema Trump entkomme sowieso keiner, konstatiert er, egal, worum es in einem Gespräch gehe.

Recht hat er. Doch dass Rushdie auf seiner Lesetour von Berlin über Hamburg, Köln und München bis Zürich permanent auf den US-Präsidenten angesprochen wurde, wie er berichtet, liegt eher daran, dass der 1947 in Mumbai geborene Autor nolens, volens ein ausgewiesener Trump- und USA-Guide ist.

Rushdies letzter Roman, «The Golden House», entstand zu 95 Prozent vor der Wahlnacht von 2016. Er handelt vom Krieg der Ideologien, der Filterblasen in den USA und schildert am bitteren Ende den Wahlsieg einer trumpianischen Figur. Er habe sich so sehr gewünscht, dass Hillary gewinne, gestand der Romancier nach der Romanpublikation 2017, doch sein Buch habe es von Anfang an besser gewusst.

Seither hat sich die Lage im Land noch verschärft. Darum wollte Rushdie seiner Wahlheimat – seit drei Jahren hat er einen US-Pass – aufs Neue den Puls fühlen. Diesmal sollte es rausgehen aus Manhattan, wo er seit zwei Jahrzehnten lebt, und hinein ins ganze Land, dessen Gräben sich ständig vertiefen. Rushdie hatte ein Panorama im Visier, erzählt er, eine Art Reportage aus einer gespaltenen Welt, in der Stadt gegen Land ausgespielt werden, Elite gegen Nicht-Elite, Frau gegen Mann, säkular gegen gläubig, progressiv gegen konservativ, Akademiker gegen Arbeiter, Nichtwissen gegen Wissen.

(K)Ein Sachbuch
«Es ging mir nicht um Trump. Der ist bloss ein Exzess, das irre Symptom einer irren Ära, die schon vor ihm von Zersplitterung, Hass und Blindheit geprägt war. Sie ermöglichte diesen Präsidenten überhaupt erst und wird nach ihm noch heftiger ausschlagen. Tatsächlich hatte ich ein Sachbuch geplant. Ich wollte Amerika bereisen wie 1831 Alexis de Tocqueville und schauen, wie es sich anfühlt da draussen. Mein jüngerer Sohn, Milan, hatte vor, am Steuer zu sitzen. Aber dann sagte ich mir: Wieso soll ich mir das Vergnügen des Fiktionsbaus versagen?»

Dass Rushdie Spass hatte beim Schreiben von «Quichotte», seinem 14. Roman, ist unüberlesbar. Den Namen Trump nennt er in der Roadnovel bewusst nicht («Dafür können Sie mir dankbar sein, oder?»). Stattdessen tauchen andere bekannte Namen auf: Quichotte und Sancho.

Die Wahrheit der Literatur
«Als ich an einem Essay über Cervantes schrieb und nach 50 Jahren erstmals wieder zum ‹Don Quijote› griff, realisierte ich: Dieser alte Spinner, der so aus der Zeit gefallen und verwirrt ist von der Gegenwart, durch die er mit Sancho Pansa zieht, ist die perfekte Vorlage für meinen Roadnovel-Protagonisten. Mein Quichotte ist jedoch weniger melancholisch und glaubt wider jede Vernunft, dass er die ferne Angebetete, eine schöne, erfolgreiche Fernsehfrau, für sich gewinnen wird. Er geht dazu auf einen wahnsinnigen Trip; doch das macht ihn sympathisch. In Wahrheit ist seine Umgebung im Grunde viel verrückter als er. Wie sich in unserer Gesellschaft Virtuelles und Reales zur ununterscheidbaren Sauce mischen, ist viel schädlicher. Die Welt hat aufgehört, realistisch zu sein: Täglich, minütlich passieren die unwahrscheinlichsten Dinge, und Verschwörungstheorien stehen neben Wissenschafts-Websites, als böten sie ‹alternative Facts›. Ein Roman über diese verschrobene Wirklichkeit muss noch wilder daherkommen. Und weil der Mensch als einziges Lebewesen über sich selbst Geschichten erzählt, kann im Zeitalter der Lüge die Literatur ein letztes, wertvolles Instrument sein, um die Wahrheit zu sagen.»

Der Held des Romans ist ein pensionierter, isolierter Handelsreisender von über siebzig Jahren, der in Mumbai zur gleichen Zeit in der gleichen Strasse aufwuchs wie der (vierfach geschiedene) Rushdie und nun vor allem im Auto zu Hause ist, in den USA. Seine Trostdroge ist das Trash-TV. Er verknallt sich in eine Showmasterin, die aus demselben Viertel Mumbais stammt, es später von Bollywood nach Hollywood schaffte und ihre eigene Show produziert.

Dass sie Salma R. heisst, findet Salman Rushdie «schon sehr mysteriös» und lacht. Überhaupt ist der Mann im strengen, schwarzen Outfit, der zwischen Lesungen, Flügen und Interviews kaum Verschnaufpausen hatte, ein heiterer Gesprächspartner mit einem Faible für Pointen und druckreife Formulierungen.

Um sich Salmas würdig zu erweisen, nennt sich der alte Herr Quichotte und begibt sich auf eine lange Reise. Unterwegs imaginiert er einen Sohn in sein Leben: Sancho. Aus der Sohn-Fantasie wird Fleisch, und so fahren zwei braune Männer durchs weisse Hinterland der USA. Sie erleben rassistische Wutbürger sowie ausgestorbene Rüsseltiere – laut Rushdie ein von Ionesco inspiriertes Bild der Entfremdung –, die Opioidkrise und persönliche Debakel.

Der braune Jedermann
«Vater-Sohn-Geschichten, Bruder-Schwester-Geschichten, die private Dimension: Das ist für diesen Roman und mein Schreiben allgemein ungeheuer wichtig. Gerade in Zeiten der Globalisierung und der weltweiten Wanderbewegungen werden viele Familien auseinandergerissen. Die Entfremdung zwischen Familienmitgliedern, die Einsamkeit und die Sehnsucht nach Versöhnung sind wesentliche Sujets in ‹Quichotte›; alle Gestalten sind angeschlagen, gebrochen – wie das Land. Ich selber habe zu meinen zwei Söhnen ja ein gutes Verhältnis. Aber das zu meinem eigenen Vater war schlecht. Er war schwierig und schwer alkoholsüchtig. Erst gegen Ende seines Lebens – er starb an Krebs – konnten wir an unserer Beziehung arbeiten. Die Möglichkeit zu Heilung und Vergebung angesichts unserer Endlichkeit steht im Fokus des Buchs. Es handelt von einem braunen Jedermann.»

Da schob sich unvermutet beim Schreiben eine zweite Ebene in den Roman: Ein indischstämmiger Autor der C-Liga, selbst todkrank und verstritten mit seiner krebskranken Schwester, hat den siechen Möchtegern-Quichotte erfunden, der sich wiederum Sancho erfindet. Dieser seinerseits möchte unbedingt ein richtiger Mensch werden – und sucht nach einem gottgleichen Autor hinter allem.

Magie statt Baupläne
«Eigentlich kann ich verschachtelte Metafiktionen nicht ausstehen. Als sich diese Storyline mit dem gescheiterten Autor in den Computer einschlich, dachte ich erst: Seltsam, das muss zu einem anderen Buch gehören. Aber die zwei Geschichten haben sich zunehmend verschlungen. Sie beleuchten sich gegenseitig – und verraten etwas über den Schöpfungsprozess: wie sich in der Literatur Biografisches, Recherchiertes und Imaginiertes verbindet. Das ist komplett anders als die Fakes in den Social-Media-Kanälen oder die Pseudo-Realitäten von Celebrities. In ‹Quichotte› werden dieselben Fragen mal in satirisch-komödiantischem Dur durchgespielt, mal in tragischem Moll. Und ich bin hingerissen von den Überraschungen beim Schreiben! Früher entwarf ich Romane wie ein Architekt bis ins kleinste Detail. Inzwischen dagegen fesselt mich gerade die Magie der Kreation. Am Abend überlege ich jeweils, wie ich am nächsten Tag fortfahre. Um neun Uhr morgens setze ich mich dann ans Pult und lasse mich verzaubern.»

Das Buchcover des neuen Romans, der nun bei Bertelsmann erschienen ist. (Aus dem Englischen von Sabine Herting. 465 S., ca. 30 Fr.)


Salman Rushdie, der Humanist

An seiner Arbeit hielt Salman Rushdie immer fest – auch, als der iranische Ayatollah Khomeini 1989 wegen des Romans «Satanische Verse» seinen Tod forderte. Ein Rushdie-Übersetzer wurde ermordet, und der Autor lebte jahrelang in Grossbritannien unter falschem Namen, mit Polizeischutz: eine Existenz, die er im Band «Joseph Anton» (2012) schilderte. 1998 entzog der Iran der Fatwa die Unterstützung; offiziell gilt sie aber bis heute, das Kopfgeld soll sich auf über 3 Millionen Dollar belaufen. Auch die Al-Qaida-Todesliste von 2010 führte seinen Namen.

Salman Rushdie spricht und schreibt trotzdem, seit Ende 1999 von den USA aus. Er habe es schätzen gelernt, dass es dort für die Redefreiheit kaum Einschränkungen gibt. Der Schriftsteller wurde nicht nur mit vielen Literaturpreisen wie dem Booker Prize für «Mitternachtskinder» (1981) geehrt, sondern auch für seinen Einsatz für freie Rede und freie Kunst. Er verteidigte diese sogar, als es um einen blutigen Film ging, der seine Person schmähte («International Guerillas»). Die American Humanist Association wählte Rushdie 2019 zum «Humanist of the Year», und in Zürich erhielt er jetzt von der Freidenker-Vereinigung der Schweiz den Freidenkerpreis. Bei der Veranstaltung erläuterte er seine Sicht.

Das beweiskräftige Schinkensandwich
«Theoretisch waren wir Muslime. Aber meine Mutter lehrte uns nur eine einzige Glaubensregel: ‹Iss kein Schwein!›. Als ich dann nach England ins Internat kam, kaufte ich mir ein Schinkensandwich und ass es. Nichts geschah. Das bewies mir ein für allemal die Nicht-Existenz Gottes. Wir wuchsen säkular auf, meine Schwestern trugen nie Kopftuch, ich hatte auch nie das Bedürfnis nach einem Gott. Ich kann aber nachvollziehen, wenn man sich in der sich rasant verändernden Welt an ewigen Dingen festklammern will wie an einem Stück Holz in der Flut. Religionen sollen ja zwei Fragen beantworten: «Woher kommen wir?» Und: «Wie sollen wir leben?» Bloss: Die religiösen Ursprungsmythen sind zwar hinreissende Geschichten, aber sachlich völlig falsch. Und die Ethik ist nicht gottgegeben, sondern der Debatte unterworfen wie alles. Kein Priester hat einen direkten Draht nach oben und kann diskussionslos verkünden, was das Richtige ist. Es braucht keinen Gott, um einen Sinn für Moral zu verspüren und Regeln aufzustellen. Es ist umgekehrt: Der uns innewohnende Sinn für moralisches Handeln macht, dass wir problematische Verhaltensweisen infrage stellen – und manche lässt er eben auch an einen Gott glauben.»

Erstellt: 21.11.2019, 15:38 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich liebe Donald Trump»

Interview Salman Rushdie hat in seinem neuen, aberwitzigen Buch den Einstieg des US-Tycoons in die Politik vorausgesagt. Obwohl er ihn verabscheut, kann er gar nicht genug von ihm bekommen. Mehr...

Er will kein Symbol mehr sein

Salman Ruhsdie trat ganz ohne Allüren am 18. Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf. Und Lukas Bärfuss las aus einem unveröffentlichten Roman. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Natürliche Kunst: Douglas Ciampi aus Massachusetts steht neben einer eisbedeckten Antenne auf dem Gipfel des Mount Washington. (24. Februar 2020)
(Bild: Robert F. Bukaty) Mehr...