Die Welt mit den Füssen erkunden

Barocke Bälle verrieten einst einiges über die damalige Gesellschaft. Nun lädt das Forum Alte Musik Zürich zu einem Festival mit «Wein, Tanz, Gesang».

Filmreife Bewegungen: Kirsten Dunst in «Marie Antoinette». Foto: RGR Collection, Alamy

Filmreife Bewegungen: Kirsten Dunst in «Marie Antoinette». Foto: RGR Collection, Alamy

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Sarabande, Allemande, Gigue: Wer Barockmusik mag, kennt die Begriffe. Man liest sie in Programmheften oder CD-Booklets, während man es sich bequem einrichtet auf dem Konzertsaal-Stuhl oder dem Sofa. Wenn die Musik dann ­beginnt, sitzt man still: Schliesslich will man nichts verpassen.

Aber vielleicht verpasst man dabei ja gerade das Wesentliche. Diesen Eindruck bekommt man jedenfalls, wenn man Stephan Mester gegenübersitzt, der sich auf historischen Tanz spezialisiert hat – und einen mit leidenschaftlicher Eloquenz daran erinnert, dass zu einer Sarabande, Allemande oder Gigue eben nicht nur Töne, sondern auch Schritte, Gesten, Kostüme gehörten. Zwar kamen die Tanzsätze stilisiert auch in reinen Konzertwerken vor; zu Bachs Cellosuiten ist wohl nie jemand durch die Säle gehüpft. Aber ursprünglich war diese Musik Gebrauchsmusik, Unterhaltungsmusik für höfische Bälle und Dorffeste.

Mester hat einst Französisch und Italienisch studiert, weil er die barocken Tanzbücher in allen Finessen verstehen wollte. Später hat sich der mittlerweile 54-jährige Zürcher als Radioredaktor weiter in das Thema hineingekniet; bei den Konzerteinführungen fürs Zürcher Kammerorchester ist er jahrelang in ­barockem Ornat aufgetreten. Vor allem aber hat er sich als Tänzer und Tanzmeister einen Namen gemacht. 1981 kam er zur Zürcher Gruppe Danza Antica, seit 1990 leitet er sie; demnächst präsentiert er sie am Herbstfestival des Zürcher Forums Alte Musik, das unter dem Motto «Wein, Tanz, Gesang» steht.

Domestiziertes Getrampel

Blättert man mit Mester durch das Heft, in dem er das Programm für diesen Auftritt zusammengestellt hat, blättert man sich durch die halbe barocke Tanzkultur. Er erzählt dann von den englischen Countrydances, die den Franzosen so gut gefielen, dass sie das «britische Getrampel» als Contredanse domestizierten. Oder von der französischen Vorliebe für unregelmässig gebaute Stücke – und von der Herablassung gegenüber den Deutschen, die sich lieber an die achttaktige Norm hielten. Und natürlich von den strikt hierarchisch organisierten Reihentänzen zu Versailles, bei denen sich der König vergnügte, während die niedrigen Chargen am Ende des Saales vor allem zu warten hatten.

Manche Stücke wurden über Jahrhunderte getanzt, andere verschwanden rasch wieder. Immer wieder schwappten Hits von den Opernbühnen auf die Tanzflächen, Musik von dörflichen Festen kam irgendwann an den Höfen an oder umgekehrt. Und während die einen Stücke komplett überliefert sind, kennt man von anderen nur die Melodie: Da hat Tanzmeister Mester dann auch für die Harmonisierung zu sorgen.

Historischer Tanz, das wird so rasch einmal klar, ist weit mehr als korrekte Beinarbeit. Es geht auch um Mentalitäten und politische Systeme, um Benimmfragen und gesellschaftliche Regeln, um Handelswege und Geschmacksveränderungen – um eine ganze versunkene Welt. Und darum, diese Welt mit eigenen Füssen zu erkunden.

So notierte Raoul-Auger Feuillet Schritte eines Tanzes. Foto: Franz. Nationalbibliothek

Einfach ist das nicht. Die Gemälde, auf denen perückierte Herrschaften die Jahrhunderte wie schockgefroren überdauert haben, verraten nur die Posen; die Bewegungen liessen sich damals noch nicht festhalten. Oder doch? Viele haben es versucht, in eben den Tanzbüchern, die Stephan Mester nun hervorholt: Da gibt es Bände, in denen die Schrittfolgen so umständlich beschrieben sind, dass einem ganz sturm wird beim Lesen. Und andere, in denen die Anweisungen einem in die Senkrechte gekippten Notensystem zugeordnet sind: Dieser Ton, linkes Bein heben; nächster Ton, rechtes Bein heben.

Und dann ist da natürlich das Standardwerk «Choréographie ou l’art d’écrire la danse» von Raoul-Auger Feuil­let, der ab 1700 eine Schrift entwickelt hat, mit der sich Tanzschritte notieren liessen. In Kreisen und Parallelen und dekorativen Achten sind die Linien über die Seiten gezogen, Schnörkel und Häkchen verraten die Schrittfolgen – wenn man sie denn richtig zu deuten weiss.

Am Anfang waren die Laien

Aber selbst wenn man alles «auseinandergebeinelt» hat, wie Mester es nennt, bleiben viele Fragen offen. Wie schwungvoll oder steif wurde getanzt am französischen Hof? Wie schnell wurde die Musik gespielt? Und wie genau wurden die Bewegungen ausgeführt? Die Antworten auf solche Fragen haben sich im Laufe der Zeit ebenso drastisch verändert wie das Klangbild der barocken Musik.

Viel ist passiert seit den 80er-Jahren, als der Barocktanz zu boomen begann. Es war eine Laienbewegung, die sich als Ergänzung zur damals ebenfalls ungemein aktiven Blockflöten-Szene entwickelt hat. Man organisierte Kurse, eignete sich Fachwissen an – und tat dann, was einen sinnvoll dünkte und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten erreichbar war. Später hat sich das alles professionalisiert; Mester war mitbeteiligt ­daran, und trotzdem bedauert er es ein wenig: «Ich mochte diese Jekami-Ver­anstaltungen, diese breite Auseinandersetzung mit dem Tanz und der Musik.» Zwar sei man heute vielleicht näher an der historischen Realität dieser Kunst; aber dafür wird sie nur noch in spezialisierten Kreisen gepflegt.

Das versucht er immer wieder zu ändern: mit Kursen und Workshops, und nun eben auch am Festival Alte Musik. Dort soll das Publikum nicht nur zuhören und zuschauen, sondern zumindest teilweise auch mittanzen. Stillsitzen kann man dann ein anderes Mal wieder.

Festival «Wein, Tanz, Gesang»: 22. 9. bis 1. 10., Infos unter www.altemusik.ch. Workshop mit Stephan Mester: So 24. 9., 13–16 Uhr, Volkshochschule Zürich, Pfingstweidstr. 16. Auftritt Danza Antica: So 1. 10., 17 Uhr, Kirche St. Peter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2017, 21:46 Uhr

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