«Die wollten, dass ich die Kopie meiner eigenen Arbeit kopiere!»

Vor seinen Fotokulissen werden Stars wie Beyoncé oder Brad Pitt ins beste Licht gerückt. Wie sich der Basler Marco Schmidli eine eigene Nische schuf.

Hintergründe sind seine Lebensaufgabe: Marco Schmidli, 66, malt ein Backdrop. Foto: Tomo Muscionico

Hintergründe sind seine Lebensaufgabe: Marco Schmidli, 66, malt ein Backdrop. Foto: Tomo Muscionico

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Leonardo Di Caprio, Kim Kardashian, Nicole Kidman. Schöne Menschen vor melierten, oft in Grautönen gehaltenen Hintergründen auf Hochglanzpapier von Magazinen wie «Vanity Fair», «Hollywood Reporter», «Vogue». Kennen wir alle. Aber haben Sie schon mal einen Gedanken an ebendiese Hintergründe, genannt Backdrops, verschwendet? Marco Schmidli (66) schon. Der Basler, der in der Künstlergegend Topanga Canyon mit sechs anderen Kunstschaffenden in einer Art Kommune lebt, hat aus Backdrops seine Lebensaufgabe gemacht. Dass die Celebrities sich mit Vorliebe vor den Arbeiten Schmidlis ins beste Licht rücken lassen, macht den Schweizer zum Star der Backdrops.

Passenderweise bleibt der Mann selbst aber am liebsten im Hintergrund. Für «annabelle» hat er eine Ausnahme gemacht – das gehört sich schliesslich so unter Schweizern. Schmidli hat ein kehliges Samichlaus-Lachen und wechselt im Interview zwischen Englisch und Baseldytsch, manchmal auch mitten im Satz.

Marco Schmidli, wie wird man Backdrops-Maler? Haben Sie Ihren Beruf selbst erfunden?
Ich wollte schon als junger Mann Künstler werden, aber das galt ja damals nicht als Beruf. Also habe ich eine Lehre als Fotograf gemacht. Ich war allerdings nicht sehr erfolgreich, habe mich zu schlecht verkauft. Dann sah ich irgendwo ein Inserat: «Tourguide in Amerika gesucht». Ich habe den Job bekommen und bin Hals über Kopf in die USA ausgewandert. Dumm nur, dass ich nach drei Monaten gefeuert wurde. Ich war absolut ungeeignet, konnte überhaupt nicht mit Menschen umgehen. Also musste ich mir etwas einfallen lassen und wurde Assistent eines Fotografen in San Francisco. Eines Tages brauchte der ein paar Backdrops und ich war halt der Junge für alles. Mir lag die Aufgabe. Nach dreieinhalb Jahren hatte ich so viele Backdrops, dass ich sie alle zusammenpackte und nach Downtown L.A. zog.

Der Basler in Kalifornien: Marco Schmidli wohnt mit anderen Kunstschaffenden in einer Art Kommune. Foto: Tomo Muscionico

Warum haben Sie die Schweiz überhaupt verlassen?
Ich wollte eigentlich nur ein Jahr in den USA bleiben. Aber dann habe ich in der Lotterie eine Greencard gewonnen – nachdem ich bereits ein Jahr illegal im Land gewesen war. Hat zum Glück keiner gemerkt.

Was braucht ein guter Backdrop?
Er muss interessant, aber nicht zu dominant sein. Grau ist die meistgenutzte Farbe, es ist diskret und elegant und stiehlt trotzdem der fotografierten Person nicht die Show. Nur für die Musikvideos wollen alle verrückte, trashige Sachen, die kennen da echt gar keine Grenzen! (lacht)

«Ich sehe mich eigentlich als Rentner»: Marco Schmidli lebt seit knapp dreissig Jahren in den USA. Foto: Tomo Muscionico

Sie vermieten über 2000 verschiedene Varianten von Backdrops an sechs Locations weltweit: in Amsterdam, London, Shanghai, Sidney, New York, L. A. Trotzdem ist Ihre Passion eigentlich die Kunstmalerei.
Ich liebe Backdrops, weil ich an sie nicht so hohe Ansprüche stelle. Wenn es aber um meine eigene Kunst geht, will ich etwas nie zuvor Dagewesenes schaffen, das setzt mich unter Druck. Bei Backdrops male ich einfach drauf los, da überlasse ich viel dem Zufall. Man muss sich distanzieren und den Dingen ihren Lauf lassen. Das menschliche Gehirn will immer alles ordnen, aber ich versuche, diesen Instinkt zu bekämpfen. In der Kunsthochschule hatte ich mal einen Lehrer, der uns gefragt hat: «Wollt ihr wissen, was eine gute Komposition ist?» Er nahm eine Handvoll Bohnen aus seiner Hosentasche und warf sie auf den Boden: «DAS ist eine gute Komposition.» Ich habe mich sehr genau an seinen Rat gehalten. (lacht) Im Moment fokussiere ich mich allerdings auf meine Kunst, arbeite an einer Ausstellung. Endlich! Ich muss keine Backdrops mehr malen, der Laden läuft. Ich sehe mich eigentlich als Rentner.

Woher wissen Sie, wann Sie fertig sind?
Wenn die Leinwand voll ist. (lacht)

Gibt es eine richtige «Backdrop-Szene» in Hollywood?
Nein, ich bin hier der Einzige meiner Zunft. Früher gab es in Los Angeles einige Firmen, aber die wollten alles immer billiger machen und haben immer schlechtere Materialien benutzt. Ich habe das Gegenteil getan, ich wollte alles immer noch hochwertiger machen. Ich bin Schweizer, was erwarten Sie! Qualität liegt mir am Herzen. Es gibt allerdings eine Backdrop-Firma in New York, die meine Arbeiten kopiert. Unglücklicherweise ist eine ihrer Kunden Annie Leibovitz. Es ist schon vorgekommen, dass Kunden mit einem Bild von Leibovitz zu mir kamen und bei mir einen solchen Hintergrund in Auftrag geben wollten. Ich sollte die Kopie meiner eigenen Arbeit kopieren!

Sind die Chinesen schon auf Ihr Business aufmerksam geworden?
Ja, es gibt billige Backdrops aus China und Indien, die allerdings furchtbar sind. Aber manche Leute interessieren sich vor allem dafür, möglichst wenig Geld auszugeben. Ich höre oft, dass meine Backdrops viel zu teuer seien. Dann sage ich: Leute, das ist nicht der Kaufpreis, das ist der Mietpreis für einen Tag! (lacht)

«Vielleicht ist Schönheit ansteckend»: Marco Schmidli bei der Arbeit. Foto: Tomo Muscionico

Warum kommen Ihre Backdrops so gut an?
Ein schöner Backdrop kreiert eine inspirierende Stimmung im Studio, die man digital nicht hinbekommt. Ich hatte eine Weile Angst davor, dass Backdrops durch Greenscreens und nachträgliches Photoshoppen ausrangiert würden, aber das ist nicht passiert. Fotografen sind Ästheten, die wollen in einer schönen Umgebung arbeiten. Die guten Fotografen möchten lieber alles vor Ort kontrollieren und nicht erst später am Bildschirm manipulieren. Das wird so bleiben, egal, wie weit die Technik sich entwickelt.

Wie fühlt sich das an, Stars wie Jay Z, Beyoncé oder Helen Mirren vor Ihren Werken zu sehen?
Ich habe keine Ahnung. Ich weiss nie, wer diese Leute sind, und es ist mir auch egal. Obwohl ich mich einmal doch ein bisschen geschmeichelt fühlte, als Brad Pitt vor einer meiner Arbeiten auftauchte. Man lädt mich oft zu Fotoshootings ein, wo ich diese Leute treffen könnte, aber ich gehe nie hin, weil ich das unprofessionell finde. Ich bin doch nur der Backdrop-Typ. Einmal, als ich einen Backdrop lieferte, habe ich dieses kleine blonde Mädchen getroffen und kurz mit ihr gequatscht. Später hat sich herausgestellt, dass das Taylor Swift war. Mir gefällt, dass ich meine Kunden nicht kenne und sie mich auch nicht. Ich möchte wirklich kein Teil der Hollywood-Welt sein.

Die Schauspielerin im besten Licht: Emma Stone 2017 vor einem Backdrop von Marco Schmidli. Foto: pd/www.schmidli.com

Wer soll nie vor einem Ihrer Hintergründe stehen?
Ich nehme jeden, der bezahlt, es ist schliesslich ein freier Markt. Falls Sie aber wollen, dass ich Donald Trump nenne, tue ich das gerne. Wobei: könnte gut sein, dass er schon mal vor einem meiner Hintergründe stand …

Wie ist es, mit so komplizierten Modehäusern wie Gucci zusammenzuarbeiten?
Habe ich mit denen gearbeitet?

Jetzt kokettieren Sie aber! Sie haben schliesslich an einer der meistbesprochenen Mode-Kampagnen des letzten Jahres mitgearbeitet und erst noch mit dem Designer der Stunde, Alessandro Michele!
Momol. (unbeeindruckt)

Macht ein guter Backdrop die Leute davor schöner?
Davon bin ich überzeugt. Ich bilde mir ein, dass Menschen, die von schönen Dingen umgeben sind, automatisch auch selbst schöner werden. Vielleicht ist Schönheit ansteckend. Das wäre schön.

Erstellt: 02.02.2019, 19:25 Uhr

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