Diebstahl aus edlen Motiven

Ein besonderer Kunstkriminalfall scheint aufgeklärt: Ernst Ludwig Kirchners letzter Schüler, der Maler Christian Anton Laely, erfand 1946 die Sammlung Gervais mit Werken seines Lehrers.

Hier lebte Ernst Ludwig Kirchner, hier lagerte sein Nachlass: Historische Aufnahme des Wildbodenhauses, um 1924. Foto: Kirchner-Museum Davos

Hier lebte Ernst Ludwig Kirchner, hier lagerte sein Nachlass: Historische Aufnahme des Wildbodenhauses, um 1924. Foto: Kirchner-Museum Davos

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Irgendwann im Mai 1946 muss er zur Tat geschritten sein: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion holte der damals 33-jährige Maler Christian Anton Laely um die 500 Werke des expressionistischen Künstlers Ernst Ludwig Kirchner ab, die im Haus Wildboden lagern, etwa vier Kilometer von Davos Platz entfernt. Laely tat dies im eigenen Auftrag, Zeugen gab es keine. Während fast 15 Jahren hatte Kirchner dort zusammen mit seiner Lebenspartnerin Erna Schilling gelebt, bis zu seinem Suizid 1938. Die Nationalsozialisten hatten Kirchner als «entartet» gebrandmarkt; über 600 Werke wurden 1937 aus Museen entfernt, später verkauft oder zerstört.

Der gebürtige Berner Laely war der letzte Schüler von Kirchner und erhielt von diesem zwischen 1935 und 1938 Unterricht. Die beiden verband ein freundschaftliches Verhältnis; Kirchner fertigte von Laely auch diverse Porträts an, meist waren es Federzeichnungen. Laely war bestens vertraut mit dem Wildboden und ging auch nach Kirchners Tod dort ein und aus.

Wohin Laely das Konvolut von Aquarellen, Zeichnungen, Radierungen und Holzschnitten damals brachte, ist nicht bekannt. Aber bereits ein Jahr später, also 1947, versuchte er, diese Sammlung von Kirchner-Werken in Deutschland zu verkaufen. Er ernannte sich selber zum Mitglied einer Society of Creative Intellectuals aus Davos und bot die Sammlung Kirchners Geburtsstadt Aschaffenburg an. Vom Oberbürgermeister erhielt er allerdings eine Absage, verbunden mit Bedauern und dem Hinweis auf die schwierige Finanzlage der Stadt.

«So eine Geschichte habe ich in den 70 Jahren meines beruflichen Wirkens sonst nie erlebt», sagt heute der Berner Auktionator und Galerist Eberhard W. Kornfeld dazu. Der Kirchner-Spezialist hat im Juni zwei kleine Publikationen im hauseigenen Verlag veröffentlicht und spricht von der «Lösung eines Kriminalfalls».

Mysteriöses Sammlerpaar

Wie aber kam es zu diesem Fall? Das Haus Wildboden stand damals, nach dem Tod von Erna Schilling am 4. Oktober 1945, leer. Als Kirchner-Nachlassverwalter fungierte der Davoser Notar Niklaus Stiffler – wobei niemand genau wusste, wie umfangreich der unter anderem im benachbarten Stall untergebrachte Nachlass war.

Stiffler nahm Anfang 1946 Kontakt mit dem Direktor des Basler Kunstmuseums auf und war mit diesem übereingekommen, dass der Nachlass nach Basel transportiert und dort inventarisiert werden sollte. Da Kirchner deutscher Staatsangehöriger war, galt der Nachlass als «Feindvermögen» und musste nach den Bestimmungen des Washingtoner Abkommens von den Schweizer Behörden beschlagnahmt und verkauft werden.

Noch während die Verhandlungen mit dem Kunstmuseum Basel liefen, trat Christian Anton Laely, wahrscheinlich im Auftrag von Stiffler, auf dem Wildboden in Erscheinung. Vom 15. bis 27. April sichtete er – wohl unbeaufsichtigt – den umfangreichen Bestand von Arbeiten auf Papier. Er erstellte zuhanden des Notars eine achtseitige Liste und führte auf: 792 Aquarelle, 6317 Zeichnungen, 965 Holzschnitte, 1011 Lithografien und 978 Radierungen.

Am 6. Juni 1946 wurde der künstlerische Nachlass von Kirchner nach Basel transportiert. Eine erste Inventarliste in Basel ergab Differenzen zur Laely-Liste – was nicht auffiel, da diese Liste offenbar nicht konsultiert wurde. Bei Laely sind gut 500 zusätzliche Werke aufgeführt: Aquarelle, Zeichnungen, Holzschnitte, Lithografien, Radierungen.

Diese Werke blieben allerdings nicht lange verschwunden. Sie sind identisch – dieser Schluss liegt jedenfalls nahe – mit der mehr als 500 Blätter umfassenden Sammlung Gervais, für die Laely nicht nur eine Nummerierung erfand, sondern auch eine eigene Geschichte samt geheimnisvollem Ehepaar. Zwischen 1948 und 1952 verkaufte er aus dieser «Sammlung» vor allem an Museen und Galerien in Deutschland. Auch der Kunsthalle Bern wurden 1948 Teile angeboten – und in der Ausstellung «Paula Modersohn und die Maler der Brücke» gezeigt. Mehrere Blätter wurden laut Eberhard W. Kornfeld an Berner Sammler verkauft: «Eine genaue Zahl lässt sich nicht mehr feststellen, es werden um die zwanzig Verkäufe gewesen sein.»

Damit setzte Laely eine fiktive Sammlung in die Welt, die in den folgenden Jahrzehnten in der Kunstwelt als Faktum behandelt wurde. So sehr, dass sich Generationen von Kunsthistorikern und Sammlern vergeblich bemühten, das mysteriöse Sammlerpaar zu identifizieren.

Verräterisches Tonband

Die Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart etwa besitzt ein Konvolut mit 143 Grafiken von Kirchner, die laut Inventareintrag aus dem Besitz des Ehepaars Gervais stammen. Sie gelangten über eine Académie Internationale Davos in den Besitz der Staatsgalerie Stuttgart. Alleiniges Mitglied dieser Akademie, die in Davos nie öffentlich in Erscheinung trat, war der Maler Christian Anton Laely.

Im Juli 2016 gab die Staatsgalerie die Ergebnisse einer Provenienzforschung in Sachen Sammlung Gervais bekannt. Das Projekt war wegen der nie restlos geklärten Herkunft der Sammlung lanciert worden – wohl auch vor dem Hintergrund des Falls Gurlitt. Im Bericht der Stuttgarter Untersuchungskommission wird auch die Geschichte der ominösen Sammlung rekapituliert. Die wenigen Informationen gingen auf den Kunsthändler Roman Norbert Ketterer zurück, der ab 1954 alleiniger Verwerter des Kirchner-Nachlasses wurde.

Für seine Publikation «Dialoge» suchte Ketterer 1979 Laely in Paris auf und befragte ihn über die Sammlung Gervais. Laely berichtete laut Ketterer von einem Zürcher Industriellenehepaar, das bereits vor dem Krieg eine Sammlung von Kirchner zusammengetragen habe – nicht zuletzt dank der Hilfe der Stuttgarter Malerin Maria Lemmé, die vor 1939 Arbeiten aus deutsch-jüdischem Besitz in die Schweiz zum Ehepaar Gervais gebracht habe. Diese Maria Lemmé hat es tatsächlich gegeben, sie starb 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Das Ehepaar Gervais wiederum soll, da es sich in der neutralen Schweiz wegen seiner jüdischen Abstammung gefährdet wähnte, gegen Ende des Krieges Zürich verlassen und in Lyon Zuflucht gesucht haben. Noch vor Ende des Krieges sei die Kirchner-Sammlung jedoch in einer abenteuerlichen Aktion über den Genfersee wieder in die Schweiz gebracht worden. Und kurz vor Kriegsende sei das Ehepaar in Lyon verstorben; vorher habe es jedoch seine Sammlung einer Académie Internationale in Davos zum Verkauf überlassen. Also eben Christian Anton Laely, dem einzigen Mitglied dieser Akademie.

Links: Ernst Ludwig Kirchner (1880–1939). Rechts: Christian Laely, von Ernst Ludwig Kirchner gezeichnet. Bilder: Kirchner-Museum Davos/PD

Das Tonband dieses Gesprächs liegt heute in Wichtrach bei Bern, wo Ingeborg Henze-Ketterer, die Tochter des 2002 verstorbenen Roman Norbert Ketterer, und ihr Mann Wolfgang Henze die Reste des Kirchner-Nachlasses betreuen. «Wir haben uns die Tonbandaufnahme nochmals angehört, als in Stuttgart die Provenienzrecherchen zur Sammlung Gervais begannen», sagt Henze. Es sei deutlich hörbar, «dass Laely die ganze Geschichte unangenehm war, zudem hat er sich in Widersprüche verstrickt».

Und die Motive?

Die Untersuchung der Staatsgalerie Stuttgart kam zum Schluss, dass es das Sammlerehepaar Gervais nicht gegeben hat. Dieser Bericht regte Eberhard W. Kornfeld zu weiteren Forschungen in seinem umfangreichen Kirchner-Archiv an. Eher zufällig habe er dort ein Dokument gefunden, schreibt er in seiner Publikation, «dessen grosse Bedeutung für die Lösung des Falles Gervais bislang nicht endgültig erkannt worden war und das wohl die endgültige Lösung des Falls bedeutet». Es ist die Liste, die Laely im Auftrag des Davoser Notars im April 1946 im Wildboden erstellte.

Christian Anton Laely war wahrscheinlich beides: ein
ehrenhafter Schüler
und ein Profiteur.

Es bleibt die Frage nach Laelys Motiven. Aufgrund der besonderen Situation nach Kriegsende und der Behandlung von «Feindvermögen» erscheint es plausibel, dass Laely die Sammlung erfand, um wenigstens Teile des Nachlasses ohne Einschränkungen gezielt nach Deutschland verkaufen zu können. Gerade in Deutschland waren nach dem Krieg Museen bestrebt, für die durch die Aktion «Entartete Kunst» verlorenen Bestände expressionistischer Kunst Ersatz zu finden. Für Eberhard W. Kornfeld beging Laely deshalb einen «Diebstahl aus edlen Motiven». Was mit den Erlösen aus den Verkäufen geschehen ist, weiss er nicht. «Es werden einige Zehntausend Franken gewesen sein», vermutet er. «In der Nachkriegszeit konnte man davon sicher leben.»

Laely, der nach dem Krieg bis zu seinem Tod 1992 in materiell bescheidenen Verhältnissen in der französischen Kleinstadt Sens lebte, verkaufte 1966 dem Bündner Museum in Chur 19 Kirchner-Werke gegen eine Leibrente. Laut Nicole Seeberger, Co-Direktorin des Museums, kamen die Werke zuerst als Leihgaben (zwei als Schenkungen) in die Sammlung. Dass es sich dabei um Werke aus der Sammlung Gervais handelte, kann sie nicht bestätigen: «Die Sammlung Gervais wird auf den Papieren weder von Laely noch von den Rechtsvertretern genannt.» Wie Laely zu diesen Werken kam, ist nicht bekannt. Möglicherweise waren es auch Schenkungen von Kirchner oder dessen Witwe. Nach Laelys Tod erbten acht entfernte Verwandte und Freunde je 50'000 Franken von dieser Leibrente, die der Künstler zu Lebzeiten nie angetastet hatte.

Auch für Wolfgang Henze steht das «Element der persönlichen Bereicherung» nicht im Vordergrund. Er hält Kornfelds These für die mit dem «höchsten Wahrscheinlichkeitsgrad». Ob Laely allein gehandelt habe, müsse offenbleiben. Der Kreis der Mitwisser wäre aber klein gewesen, meint Henze. Eine Möglichkeit sei, dass Kirchner selber zu Lebzeiten die Sammlung zusammenstellte für den Fall einer Blockierung oder Beschlagnahmung seiner Werke. Denkbar ist auch, dass Laely im Einverständnis mit Erna Schilling handelte. So war Christian Anton Laely wahrscheinlich beides: ehrenhafter Schüler im Dienste seines Meisters und ein Profiteur, der von den Erlösen aus den Verkäufen seinen Lebensunterhalt bestritt.

Die Studien von Eberhard W. Kornfeld sind erhältlich über www.kornfeld.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2017, 20:20 Uhr

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