1. Weltkrieg im Tweet-Speed

Vor hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Auf dem Twitter-Account «1914Tweets» rollen zwei Historiker die Ereignisse von damals in Echtzeit auf.

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Erst heisst es: «19-jähriger Gavrilo Princip, Gymnasiast & proserbisch/bosnischer Politaktivist, feuert je einen Schuss auf Thronfolger & Ehefrau ab». Dann: «Thronfolger wird am Hals getroffen, Gattin in Unterleib. Auto fährt weiter.» Und wenig später: «Erzherzog Franz Ferdinand, Thronfolger der österrisch-ungarischen Monarchie, ist tot. Verblutet wegen zerfetzer Halsschlagader.»

Vor hundert Jahren folgten auf diese Meldungen die Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an Serbien und schliesslich der Erste Weltkrieg. Am Samstag gingen sie als diese Tweets, jeweils angereichert mit dem Zusatz «#attentat», um die Welt. Gesendet wurden die Nachrichten vom Konto «1914Tweets» – dem Projekt der beiden Historiker Dirk Baranek und Christian Soeder. Per Twitter lassen Baranek und Soeder zurzeit das Jahr des Kriegsausbruchs in Echtzeit passieren.

«Wir waren beide interessiert an einer neuen Form der Geschichtsschreibung», sagt Baranek. «Uns ist aufgefallen, dass jungen Leuten auf sozialen Netzwerken oft der historische Bezug zur Wirklichkeit fehlt und sie die Komplexität der Geschichte unterschätzen.» Die Ersten mit der Idee, vergangene Geschehnisse mit neuen Medien aufzuarbeiten, sind Baranek und Soeder indes nicht. So gibt es etwa den Twitter-Account «Heute vor 75 Jahren», dessen Betreiber im November die Reichsprogromnacht chronologisch aufrollten.

Was macht gerade Twitter zum geeigneten Instrument, um geschichtliche Vorgänge nachzuerzählen? «Die Französische Revolution dauerte drei Jahre. Ein Buch darüber lese ich hingegen in wenigen Tagen weg», sagt Baranek. «Es gibt also eine Diskrepanz zwischen der Rezeptionszeit und der realen Zeit. Bei unserem Projekt aber passiert beides parallel. Es entsteht die Vorstellung, dass das Gelesene auch jetzt sein könnte, und man bekommt ein Gefühl dafür, wie historische Prozesse ablaufen.»

Heutiges Wissen berücksichtigen

Dabei haben sie sich zu bestimmten erkenntnistheoretischen Fragen eigene Regeln aufgestellt: Tweets werden beispielsweise nicht so verfasst, als stammten sie von damals, sondern werden unter Berücksichtigung von heutigem Wissen geschrieben. «Wir erwähnen zum Beispiel Besprechungen des hohen Militärs – dass diese stattfanden, wusste zu der Zeit aber noch niemand.»

Dirk Baranek und Christian Soeder betreiben zusammen eine Social-Media-Agentur. Fürs Projekt «1914Tweets», das seit dem 2. Januar läuft, tragen sie Informationen aus Sekundärliteratur und digitalisierten Tageszeitungen von damals zusammen. Die Tweets schreiben Baranek und Soeder oft vor und timen sie dann für die Folgetage. Zu tun gibt es dennoch einiges: «Dieses Jahr ist nichts mit Urlaub.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.06.2014, 16:29 Uhr

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