Ab in den Bunker

Güzin Kar über alternative Lebensformen und die Frage, welche man schützen sollte.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Kaum hat sich der Nationalrat für eine Initiative ausgesprochen, die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung unter Strafe stellen will, geht das Gejammer der eigentlich Benachteiligten los: Och, jetzt wird jede noch so separatistische Lebensform per Gesetz geschützt, bis auch das letzte Stadtoriginal seinen eigenen Paragrafen hat, aber wer schützt eigentlich uns Normalos vor Benachteiligung, Spott und Häme? Mit dem Finger wird auf uns gezeigt, auf uns, die wir seit Jahrtausenden keine Pompons tragen, sondern arbeiten, Kinder gebären und den Staat durchfüttern.

Letzte Zuckung der Witzwehr

Und abends, wenn wir fernsehen und über ein paar Modeschwule lachen wollen, müssen wir mit der Hand vor dem Mund sprechen, weil uns irgendwer wegen falscher Genderbezeichnungen, unbedachter Witze und Trinksprüche anzeigen könnte. Aber wer legt schützend seine Hand über uns, die Aussterbenden, über uns, die sich fremd vorkommen in der eigenen Ehe, bestehend aus Mann und Frau, wie es sich doch gehört? Nein, das ist kein Leben mehr, das ist nicht meine Schweiz, nicht mein Gesetzbuch, am Ende verbieten sie uns noch Nutella. So in etwa tönt es aus dem Bunker, in den sich die eidgenössische Witzwehr schmollend verzogen hat, wo sie die letzten Dosen mit Schwulensprüchen goutiert, bevor sie für immer verstummen wird.

Man möchte an die Betonwand klopfen und sagen: Verzeihung, aber ihr hattet doch jahrhundertelang Zeit für eure brechend komischen Witze und Pointen. Wieso hörten wir nie einen? Und man möchte weiter sagen, dass die Hüter der freien Rede ein seltsames Bild derselben pflegen. Denn wer glaubt, bei schwulen- und lesbenfeindlichen Bemerkungen handle es sich in Wahrheit um die wohligen Grunzlaute des Bonvivants, der sich nach einem üppigen Essen eine dicke Zigarre und ein paar Connaisseur-Witze leiste, ist kein Geniesser, sondern ein Ignorant. Ein Dummkopf, dessen grösste Diskriminierung im Alltag darin besteht, dass er im Bus keinen Sitzplatz oder im Restaurant einen schlechten Tisch bekommt.

Aber er weiss nicht, wie es sich anfühlt, ganz ohne Anlass auf offener Strasse beschimpft und bespuckt, in der Schule gemobbt oder aus der Wohnung geworfen zu werden. Er hat keine Vorstellung davon, wie es ist, wenn die eigene Lebensform von anderen als eine Art Lifestyle angesehen wird, den man aus Langeweile oder Modebewusstsein pflegt. Und er kann sich nicht denken, wie es ist, als lebenslänglicher Sonderfall angesehen zu werden, dessen Erfahrungen bestenfalls in die Zoologie einfliessen mögen, aber bitte nicht ins Bewusstsein der Mehrheit.

Strafe für grobe Übergriffe

Ist das Strafgesetzbuch der richtige Ort, um die Betroffenen vor Benachteiligungen zu schützen? Natürlich nicht. Sie werden auch mit dem neuen Gesetzesparagrafen nicht über Nacht bessergestellt werden, denn dieser sagt nichts darüber aus, wie wir in Zukunft mit den verschiedenen Formen von Liebe und Sexualität umgehen wollen. Er schreibt auch nicht vor, was wir darüber zu denken haben. Aber das Strafgesetzbuch, dieses Regelwerk, zu dem wir uns als eines der Fundamente unseres Zusammenlebens bekennen, ist der richtige Ort, wo festgeschrieben wird, wie wir als Gesellschaft mit denen verfahren wollen, die Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen Andersartigkeit herabsetzen und ausgrenzen. Wir wollen die gröbsten Formen dieser Übergriffe unter Strafe stellen. Nicht mehr und nicht weniger.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2015, 16:50 Uhr

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