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Abenteurer, Fanatiker und Offiziere

Während des Zweiten Weltkrieges dienten etwa 1000 Schweizer in der deutschen Waffen-SS. Die Autorin Gerlinde Michel schrieb dazu einen Roman. Was weiss die Wissenschaft zur Thematik?

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Im Zweiten Weltkrieg kämpfte das Dritte Reich nicht nur mit der regulären Armee, der Wehrmacht, sondern auch mit der Waffen-SS, dem militärischen Arm von Adolf Hitlers Schutzstaffel (SS). Was 1925 als achtköpfige Leibwächtertruppe des Führers begonnen hatte, wurde zum Staat im Staat, der die Judenvernichtung organisierte und eine Armee mit 900'000 Mann aufstellte. Darunter waren 200'000 Freiwillige aus ganz Europa.

Diese wurden gezielt in «germanischen» Ländern rekrutiert; so kamen rund 25'000 Holländer, 8000 Dänen, 9000 flämische Belgier und 4000 Norweger in ihre Reihen, wobei all diese Länder von den Deutschen besetzt waren. Aus dem neutralen Schweden meldeten sich 101 Freiwillige – fast gleich viele wie aus Liechtenstein, welches mit 70 bis 90 Freiwilligen relativ zur Bevölkerungszahl das grösste Kontingent stellte. Auch aus der Schweiz kamen 700 bis 1000 Freiwillige. Rechnet man Auslandschweizer mit doppelter Staatsbürgerschaft hinzu, kommt man auf gegen 2000 Schweizer in deutschen Diensten.

Kampf gegen den Bolschewismus

Die Gründe für den Eintritt in deutsche Dienste waren vielfältig: Einige waren überzeugte Nationalsozialisten, die zuvor oft in der faschistischen Frontenbewegung aktiv waren. Andere waren militärische Karrieristen oder Abenteurer, Landsknechttypen, die den Kampf suchten. Viele gingen auch auf Arbeitssuche nach Deutschland und traten erst unter Druck in die Waffen-SS ein.

Am bekanntesten ist der Fall Franz Riedweg. Der Arzt aus einer alten Luzerner Familie trat schon vor dem Krieg in die SS ein und organisierte später im SS-Hauptamt, der Verwaltungszentrale des SS-Apparates in Berlin, die Anwerbung von germanischen Freiwilligen. Nach dem Krieg lebte er unbehelligt in Deutschland. Ihm zur Seite stand Benno Schaeppi, der als Unteroffizier der Waffen-SS das Panoramaheim leitete, wo Flüchtlinge aus der Schweiz und aus Liechtenstein aufgenommen wurden.

Oft wurde der Kampf gegen die Sowjetunion und den Kommunismus als Grund genannt. In einer Publikation des Propagandaministeriums wurden auch Briefe von Schweizer Kriegsfreiwilligen abgedruckt, wo zum Beispiel ein Schweizer Frontkämpfer in vorwurfsvollem Ton nach Hause schreibt, die Schweiz sei «noch das einzige Land, das sich vor der Pflicht der europäischen Länder drücke, am Kampf gegen den Bolschewismus teilzunehmen!» Dabei wurden die Argumentationsmuster der Nazis übernommen, wie ein anderer Brief zeigt: «Wollt ihr unsere Rassenbrüder alleine gegen die bolschewistischen Horden und die angloamerikanischen Juden bluten lassen?»

Offiziere und KZ-Aufseher

Bei Johann Eugen Corrodi und Heinrich Johann Hersche stand die militärische Karriere im Vordergrund. Sie waren bereits höhere Offiziere in der Schweizer Armee, bevor sie sich der Waffen-SS anschlossen. Corrodi wurde unter seinem Pseudonym «von Elfenau» Offizier bei der Waffen-SS, kommandierte 1942 in der Ukraine und 1943 in Italien Truppen, die Partisanen bekämpften, und war zum Schluss Stabschef des SS-Kommandos in Italien. Der begeisterte Kavallerist Hersche hingegen kam nie an die Front: Er war erst ziviler Reitlehrer in einer SS-Schule, wurde dann als Offizier in die Truppe übernommen und leitete ein Ausbildungsbataillon. 40 weitere Schweizer wurden im Laufe des Krieges zu Offizieren befördert.

Schliesslich gab es auch die Abenteurer und Landsknechttypen, Kriminelle und Verwahrloste. Den krassesten Fall nahm der Autor Linus Reichlin auf den Titel seines Buches zum Thema: «Kriegsverbrecher Wipf, Eugen». Wipf war als Korporal der Schweizer Armee wegen diverser Vergehen ausgemustert worden. In Deutschland erging es ihm nicht besser: Er kam ins Gefängnis und danach in ein KZ, wo er zum Kapo aufstieg und für seine Brutalität gefürchtet war.

Die SS beobachtete die Situation in der Schweiz sehr genau. Gottlob Berger, Vorgesetzter von Franz Riedweg im SS-Hauptamt, schrieb 1942 an Heinrich Himmler: «Die Möglichkeit der Aufstellung einer ‹illegalen› schweizerischen Legion, die allerdings heute zahlenmässig noch nicht gesichert ist, dürfte vom Volkstumsgedanken aus sehr zu begrüssen sein und wäre eine Ehrenrettung für das Alemannentum der Schweiz.» Es wurden sogar Versuche unternommen, unter dem Deckmantel einer Sportschule eine Schweizer SS aufzubauen. Die Aktion flog jedoch auf, die Drahtzieher wurden festgenommen. Diese flohen später nach Deutschland und traten in die Waffen-SS ein.

Verurteilung bei Rückkehr

Die meisten Freiwilligen kamen nach dem Krieg zurück und wurden wegen Dienstes in fremden Heeren in der Schweiz zu Gefängnisstrafen von wenigen Jahren verurteilt, wie auch der fiktive Walter Grimm aus Gerlinde Michels Roman «Frei willig». Wenige wurden wegen Landesverrat zu höheren Strafen verurteilt, darunter Riedweg und Schaeppi, die jedoch ihre Strafe nie verbüssten, da die Schweiz kein Auslieferungsgesuch an Deutschland stellte.

Diese Geschichten sind in der Schweiz nicht sehr bekannt. Wohl gibt es einige wissenschaftliche Arbeiten zu Einzelpersonen, vor allem zu Franz Riedweg. Im Bergier-Bericht fand das Thema kaum Erwähnung – es war aber auch nicht Teil des Auftrages. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2012, 11:00 Uhr

Quellen

Eine umfassende wissenschaftliche Darstellung über Schweizer in deutschen Diensten während des Zweiten Weltkriegs fehlt. Es gibt einige Arbeiten zu Einzelpersonen wie Franz Riedweg, zum Beispiel von Marco Wyss («Un suisse au service de la SS», 2010), oder zu Johann Eugen Corrodi, von Francois Wisard («Un major biennois dans l'Ordre noir», 1999).

Der Journalist und Schriftsteller Linus Reichlin hat in «Kriegsverbrecher Wipf, Eugen. Schweizer in der Waffen-SS, in deutschen Fabriken und an den Schreibtischen des Dritten Reiches» (1994) verschiedene Beispiele von Schweizer Kriegsfreiwilligen beschrieben.

Zahlreiche Akten zu Prozessen gegen Schweizer Kriegsfreiwillige sind im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern zu finden.

Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich beherbergt einige Nachlässe von Kriegsfreiwilligen und Frontisten.

Die Autorin Gerlinde Michel hat in ihrem neuen Roman «Frei willig» (2012) das Thema aufgegriffen.

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