Abgehängt

Die jungen Frauen laufen den Männern bildungsmässig den Rang ab, in den USA verdienen sie bereits deutlich mehr. Von dort kommt auch der Trend, dass Mütter Kinder ohne den Vater aufziehen wollen.

Die weibliche Dominanz in Sachen Bildung zeitigt in den USA bereits konkrete Folgen.

Die weibliche Dominanz in Sachen Bildung zeitigt in den USA bereits konkrete Folgen. Bild: Keystone

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Den Männern ergeht es wieder einmal schlecht. In Deutschland sorgte soeben ein Artikel in der «Zeit» für Furore, in dem die Autorin ihre Altersgenossen als «Schmerzensmänner» beschrieb. Sie sprach von der Generation der 30-Jährigen als verweichlichte Bubis, die vor lauter Empfindsamkeit und Selbstfindung und Ichbezogenheit gar nicht mehr wüssten, wie das Spiel zwischen den Geschlechtern funktioniere. Kurz: Männer seien keine Kerle mehr, sondern pflegebedürftige Softies. Der Text hatte eine Flut von Leserbriefen und Kommentaren zur Folge, auf Blogs wurde heftig darüber diskutiert, und schliesslich durfte dann ein Vertreter der gescholtenen Spezies in einer Replik seine Sicht der Dinge kundtun; er forderte darin von den Frauen Verständnis.

Die hitzige Diskussion machte einmal mehr deutlich, dass die Männer seit geraumer Zeit in erster Linie als Problem wahrgenommen werden. Allerhand wird an ihnen kritisiert: Sie würden nicht erwachsen werden, keine Verantwortung übernehmen, im Haushalt zu wenig mithelfen, seien überhaupt irgendwie emotional zurückgeblieben, Muttersöhnchen, unselbstständig. Selbst Soziologen und Männerforscher schlagen Alarm, sie beklagen in erster Linie die fehlenden Vorbilder – die Berlusconis, Schettinos und Schwarzeneggers sind ja in der Tat wenig hilfreich –, weshalb es nicht verwunderlich sei, dass es so etwas wie den neuen, modernen Mann nicht gäbe.

Gute Noten uncool?

Während die Frauen mit Riesenschritten vorwärtsstürmen, scheinen die Männer zurückzufallen – was sich sehr konkret darin äussert, dass die Buben jetzt auch bildungsmässig den Anschluss verlieren. Sie fallen in den Schulen deutlich ab, benötigen häufiger Stützunterricht oder Fördermassnahmen, sie werden von den Mädchen geradezu überflügelt. Die Erklärungsansätze, die dafür ins Feld geführt werden, gehen auseinander. Interessant ist, dass im Zusammenhang mit den besseren schulischen Leistungen von Mädchen in der Regel nicht von Aufgewecktheit, Begabung oder Intelligenz die Rede ist, sondern hauptsächlich von Fleiss und Disziplin. Und noch interessanter ist, dass die Buben genau deswegen gute Noten für «weibisch» und damit uncool halten – ganz offenbar gilt das Weibliche immer noch als inferior und damit als wenig erstrebenswert.

Lehrerinnen lehren besser

Und dann gibt es ja auch noch die These, dass die vornehmlich weibliche Lehrerschaft und deren Unterrichtsart den Mädchen entgegenkommen soll, während die Buben zu kurz kämen und es ihnen im Klassenzimmer an den viel zitierten Vorbildern mangle. Dieser Vorwurf wird seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholt, wahrer wird er dadurch nicht. Untersuchungen in Deutschland und der Schweiz widerlegten vielmehr das Geschrei von der «Verweiblichung der Schule zum Nachteil der Buben»: Kinder lernen bei Lehrerinnen nicht etwa nur besser lesen als bei Lehrern, die weiblichen Lehrkräfte sind auch über das Ganze gesehen kompetenter als die männlichen.

Und gerade bei schwierigeren Schülern, sprich Buben, erweist sich das weibliche Einfühlungsvermögen eher als Vor- denn als Nachteil. «Männer gehören an den deutschen Grundschulen nicht zu den allerbesten Lehrern», zitierte die «NZZ am Sonntag» den Studienleiter vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, und auch Anton Strittmatter vom Schweizer Lehrerverband sah das ähnlich: «In der Lehrergeneration der heute 40- bis 50-Jährigen gibt es mehr brillante Primarlehrerinnen als Primarlehrer.» Abgesehen von der wissenschaftlichen Widerlegung der Behauptung sei zudem die Frage erlaubt, weshalb die Sache mit dem männlichen Vorbild ausgerechnet ins Klassenzimmer delegiert werden soll – und weshalb da nicht zu Hause jene Väter in die Bresche springen, die lautstark über die vermeintlich schädliche Feminisierung der Schule wettern. Welcher Erklärung man auch immer zuneigt, die Zahlen jedenfalls sind eindeutig: 2011 waren 57,6 aller Maturanden weiblich, an den Fachhochschulen beträgt der Frauenanteil 55,3 Prozent und bei den universitären Diplomen gar 62,1 Prozent.

In den USA bekleiden Frauen vermehrt Spitzenpositionen

Welche Folgen diese weibliche Dominanz in Sachen Bildung hat, lässt sich in Amerika bereits feststellen. Dort öffnet sich die Lohnschere zwischen den unter 30-jährigen Männern und Frauen immer mehr – und zwar zuungunsten der Männer. Gemäss einer gross angelegten Untersuchung aus dem Jahre 2010 verdienen Frauen in 147 der 150 grössten Städte im Schnitt 8 Prozent mehr als ihre gleichaltrigen männlichen Kollegen; Spitzenreiter sind Memphis und Atlanta, wo es 20 Prozent sind, dann folgen New York City mit 17 Prozent, San Diego mit 15 Prozent und Los Angeles mit 12 Prozent. Was die Studie auch aufzeigte: In den gut bezahlten, höheren Positionen der Berufswelt machen Frauen mittlerweile knapp die Mehrheit aus (wobei festzuhalten ist, dass die Frauen nur dann obenauf schwingen, wenn sie kinderlos und unverheiratet sind – Familie bedeutet für Frauen auch in den USA noch immer ein Karriereknick mitsamt Lohneinbusse).

Männerquote an Colleges?

Das «Time Magazine» warf angesichts dieser eindeutigen Fakten besorgt die Frage auf, ob an den Colleges eine Quote für Männer eingeführt werden müsse, damit diese den Anschluss nicht ganz verlören. An diesem Punkt ist man hierzulande ebenfalls angekommen. An der Info-Veranstaltung für künftige Gymnasiasten meinte ein Lehrer einer Zürcher Kantonsschule unlängst hinter vorgehaltener Hand, dass er mitunter denke, die Buben hätten eine solche Fördermassnahme angesichts der Übermacht der Mädchen mittlerweile in der Tat nötig.

Das familiäre Dilemma

Diese Entwicklung ist für die Frauen auf den ersten Blick positiv, klar, aber die Medaille hat eine Kehrseite. Nämlich die, dass sich Frauen im Unterschied zu Männern nur ungern nach unten orientieren, was heisst: Frauen bevorzugen einen Mann auf Augenhöhe oder einen, zu dem sie aufschauen können – sie mögen keinen, der ihnen unterlegen ist. Bereits heute sind gut ausgebildete Frauen deutlich häufiger kinderlos und ungebunden als ihre Geschlechtsgenossinnen, die über einen bescheideneren Bildungsrucksack verfügen. Müssen Frauen also einfach anspruchsloser werden?

Die renommierte Soziologin Eva Illouz rät nicht dazu – sie geht noch weiter. Sie empfiehlt den Frauen, den Wunsch nach Kindern nicht von einem Mann abhängig zu machen, also nicht darauf zu verzichten, bloss weil kein valabler Kandidat mit Partner- und Vaterpotenzial in Sicht ist. Frauen sollten vielmehr für ihre Lebensplanung den Mann – natürlich abgesehen von der Zeugung – erst gar nicht einberechnen, sondern alternative Familienmodelle entwickeln, indem beispielsweise Mütter gemeinsam eine WG bildeten. Der Mann, man kann es nicht schonender formulieren, droht überflüssig zu werden.

Ein afroamerikanischer Trend

In den USA ist das bereits Realität, und zwar vor allem unter den Afroamerikanerinnen. Die schwarze Bevölkerung, weist Ralph Richard Banks, Juraprofessor an der Stanford-Universität, in seinem Buch «Is Marriage for White People?» nach, taugt von jeher als Barometer für gesellschaftliche Entwicklungen. So waren afroamerikanische Mütter bereits früher deutlich weniger häufig verheiratet als weisse Amerikanerinnen, und was in den 60er-Jahren noch als «pathologisch» bezeichnet wurde, ist eine Entwicklung, die nun in der westlichen Welt ebenfalls Einzug gehalten hat; europaweit sind mittlerweile 37 Prozent der Mütter unverheiratet. Zu denken geben müsste demzufolge die Tatsache, dass heute 66 Prozent aller afroamerikanischen Kinder ohne Vater aufwachsen. Das oft nicht freiwillig, richtig – aber eben immer öfter doch.

Soziologen stellen fest, dass afroamerikanische Frauen dem herkömmlichen ein neues Familienmodell vorziehen: Sie erfüllen sich ihren Kinderwunsch, wohnen dann aber zusammen mit ihren Müttern – während die Grossmutter auf das Kind aufpasst, geht die Mutter arbeiten. Der Kindsvater kommt bei diesem Lebensplan nicht einmal als Statist vor – weil in jeder Hinsicht auf ihn verzichtet werden kann. Es braucht den Mann weder als Ernährer (Frauen haben ja die bessere Ausbildung) noch als verlässlichen Partner (was ihm von vornherein nicht zugetraut wird).

Der Mann noch nicht einmal als Statist

Die Analyse von Banks deutet darauf hin, dass sich dieses Modell auch in Europa durchsetzen könnte. Realität mag es noch nicht sein, die Sichtweise indes ist schon vorhanden. Man dürfe es ja kaum laut sagen, gestanden kürzlich zwei alleinerziehende Mütter in einer Frauenrunde, aber ohne Mann sei ihr Leben sehr viel einfacher, ja, es sei beinahe schon ein Gewinn. Die Gesellschaft würde sie zwar bemitleiden, dabei verlaufe der Alltag so allein auf sich gestellt auch mit den Kindern wesentlich reibungsloser, weil sie, die sich nebst der Arbeit im Beruf ohnehin schon immer um alles gekümmert hätten, jetzt auch wirklich autonom seien.

Die Schmerzensmänner mögen ein Problem sein in ihrer ganzen Weinerlichkeit. Das tatsächliche Ausmass der männlichen Misere ist weitaus grösser.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2012, 08:13 Uhr

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