«Abhängigkeit fängt unschuldig an»

Mit der Zahl der Arbeitsstunden steigt der Alkoholkonsum. Dies besagt eine internationale Analyse mit über 300'000 Teilnehmern. Der Psychiater Jiri Modestin über den übereilten Griff zur Flasche.

Nicht nur für Manager ist der Schlummertrunk verlockend: Regal eines Supermarkts.

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Die Schweizer gelten als Workaholics. Sind wir jetzt besonders gefährdet, ein Volk von Schluckspechten zu werden?
Nein. Was den internationalen Vergleich betrifft, so trinkt man in der Schweiz nicht mehr Alkohol als in vielen anderen europäischen Ländern. Ausserdem hat man hierzulande um die vorletzte Jahrhundertwende unvergleichbar mehr getrunken als heute. Und der Alkoholkonsum ist seit Anfang der 1970er-Jahre in der Schweiz kontinuierlich gesunken.

Doch die Ergebnisse der 61 Studien gehen in eine andere Richtung. Wie passt das zusammen?
Sie gehen nicht zwingend in die andere Richtung, sie erleuchten einen Teil des Alkoholkonsums, nämlich die Korrelation mit dem Arbeitspensum. Das eine schliesst das andere nicht aus.

Nach einem arbeitsreichen Tag mit ein paar Drinks entspannen: Ist der vermehrte Alkoholkonsum bei längeren Arbeitszeiten nicht nur ein Managerproblem?
Nein, nicht nur Manager neigen zum erhöhten Alkoholkonsum. Bei Menschen mit einem hohen sozioökonomischen Status sind lange Arbeitszeiten normal, sie erwarten dieses Engagement von sich und anderen. Daneben gibt es jedoch Leute, die aufgrund finanzieller Nöte unfreiwillig längere Arbeitszeiten absolvierten. Die Korrelation zwischen dem vermehrten Alkoholkonsum und längerer Arbeitszeit kommt nicht nur bei Managern vor, sondern betrifft auch andere Gesellschaftsschichten.

Was erleben Sie in der Praxis konkret für Fälle?
Hier sehe ich immer wieder Patienten, die am Abend regelmässig trinken. Einerseits sind es solche, welche sehr anspruchsvolle Arbeit in einem stressvollen Umfeld verrichten und dann mithilfe Alkohols Entspannung und Erholung suchen, andererseits solche, die sich nach der getanen Arbeit zufrieden fühlen und sich mit Alkohol «belohnen».

Verschiedene Studien belegen, dass die Zahl junger und beruflich erfolgreicher Frauen, die regelmässig Alkohol konsumieren, stark gewachsen ist.
Beruflich engagierte Frauen haben oft auch ein reges Sozialleben. Hier gehört der Alkohol häufig dazu, wer nicht trinkt, wird oft schief angesehen. Und es gibt vermeintlich nichts Einfacheres zur Entspannung als ein Glas Wein.

Greifen Frauen nicht schneller zu Tabletten, um zu entspannen?
Nein, das ist ein Klischee. Der Missbrauch von Beruhigungsmitteln und angstlösenden Medikamenten ist bei Frauen nicht höher als bei Männern.

Haben viel arbeitende Männer und Frauen einen anderen Umgang mit Alkohol?
Ob es Geschlechtsunterschiede hinsichtlich des Umgangs mit Alkohol bei viel Arbeitenden gibt, ist schwer zu sagen. Jedenfalls kommt generell ein risikoreicher Alkoholkonsum bei Männern häufiger vor, eine deutsche Untersuchung zeigt, dass dies bei 21,5 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen der Fall ist.

Zwei oder drei Drinks pro Abend ist ja nicht wirklich viel. Wieso ist diese Menge trotzdem für Körper und Psyche schädlich?
Ein Glas Wein nach der Arbeit ist nicht schädlich, wenn es dabei bleibt. Allerdings fängt auch eine schwere Alkoholabhängigkeit «unschuldig» an, als ein Entspannungs- oder Gesellschaftstrinken.

Für viele Menschen, die viel arbeiten, ist der Alkohol eine gute Einschlafhilfe.
Alkohol ist kein gutes Schlafmittel! Bei jedem Patienten, der sich darüber beklagt, dass er zwar gut einschläft, dann aber in der Nacht wach wird und nicht mehr schlafen kann, frage ich, ob er am Abend Alkohol trinkt. Denn Alkohol hilft beim Einschlafen, stört aber beim Durchschlafen.

Welche Möglichkeit gibt es, ohne Alkohol schneller nach der Arbeit «runterzukommen»?
Wenn Sie darunter eine Entspannung verstehen, dann bin ich für Sport, Kultur oder freundschaftliches Beisammensein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.01.2015, 11:21 Uhr

Der Psychiater Jiri Modestin arbeitet im Zentrum für Angst und Depression (ZADZ) in Zürich. (Bild: zadz)

Ein Gläschen in Ehren...: Leonardo Di Caprio in «The Great Gatsby».

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