Reportage

Alles so echt hier – ein Jahr unterwegs mit der Polizei

Die Kantonspolizei Bern will sich von ihrer menschlichen Seite zeigen und bat neun Pressefotografen, ihre Arbeit zu dokumentieren. Was man auf ihren Bildern zu sehen bekommt, ist grösser als jede Reklame.

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Die lesen den «Blick» in der Pause. Die knien sich zu fünft auf einen Schwarzen am Boden. Die hängen sich ein Pin-up an die Tür. Die schiessen auf Zielscheiben mit südosteuropäisch anmutenden Visagen. Und wer wird Polizist? Das Tüpfi, das mit aufgeklebten Fingernägeln in die Polizeischule kommt und jetzt mit der Gasmaske und dem Schutzhelm klarkommen soll.

Macht man so PR für die Polizei? Sieht so eine vertrauensbildende Massnahme aus? Wahrscheinlich nicht. Und vielleicht hatte Kommandant Stefan Blättler nicht unbedingt diese Bilder vor Augen, als er gestern zur Eröffnung der Ausstellung im Kornhausforum erklärte, das Fotoprojekt «Der zweite Blick» zeige die Polizisten «so, wie wir sind».

Vielleicht aber doch. Immerhin sind es genau solche Szenen, die den Ernst hinter dem erklärten Anspruch beweisen, dass hier die «ungeschminkte Realität» (Blättler) ans Licht kommen soll. Und dass die Berner Kantonspolizei den Fotografen wirklich einen Freipass erteilt hat: «Wir haben keine Vorgaben in Bezug auf den Inhalt gemacht. Das stand nie zur Diskussion.»

Retuschen auf der Carte Blanche

«Der zweite Blick» also – eine Einladung der Kantonspolizei Bern an neun angehende Pressefotografen der Journalistenschule MAZ in Luzern, sich im Lauf eines Jahrs im Innern des Betriebs umzusehen, und zwar nach ihren Interessen. Er hätte sich und seine Schüler, sagt Reto Camenisch, Fotograf in Bern und Studienleiter am MAZ, nie für unjournalistische Zwecke einspannen lassen. Zensur? «Im Gegenteil.»

Camenisch berichtet von einem Jahr der offenen Türen. Von einer Polizei, die sich nach den ersten Bildern nicht etwa mehr Diskretion, sondern mehr Aufdringlichkeit wünschte. Gesperrte Fotos gibt es, aber dazu hört man von beiden Seiten dasselbe: nicht mehr als ein Dutzend auf gegen tausend – und zwar jene, bei denen erkennbare Abgebildete mit der Publikation nicht einverstanden waren. Es ging um den Schutz der Persönlichkeit. Und ums Amtsgeheimnis. So sind auf dem Bild aus der Asservatenkammer die Etiketten auf den Kartons wegretuschiert, die die Delikte und die Opfer verraten hätten.

Mindestens so entscheidend für den Wert des ganzen Unternehmens ist aber, was die Fotografen aus ihrer Freiheit gemacht haben: Es gibt hier keine schablonenhafte Ästhetik und keine stilistischen Kraftmeiereien, die den dokumentarischen Gestus dieser Bilder entwerten würden. Unter den 130 Fotos, die Bernhard Giger für die Schau im Kornhaus¬forum zusammengestellt hat, ist ein einziges, bei dem die Präsenz der Kamera einen Polizisten zum Polizistendarsteller machte. (Es ist ein Botschaftsschützer, der mit Bizeps, Sonnenbrille und Maschinenpistole auf dem Trottoir schwarzeneggert.) Sonst aber: alles so echt hier.

Die Beamten heissen Zimmerli, Berger, Neuenschwander. Auf ihren Schreibtischen stehen Familienfotos. Wenn sie auf den Grosseinsatz warten, trinken sie Sinalco und tippen auf ihren Handys ¬herum. Sie werden knallrot und triefen, wenn sie den Pfefferspray an sich selbst ausprobieren müssen. Zum Abräumen der Hanfplantage rücken sie mit einer schartigen Gartenschere an. Und bei der Kontrolle im Bordell stehen sie mit erheblichem Unbehagen im Korridor herum.

Nah dran und doch distanziert

Das alles ist kein Abenteuer, und Fern¬sehen ist es auch nicht. Es ist Alltag, und darum sehen auch die Labors der Spuren¬sicherung nicht wie die Raumschiff¬küchen der TV-Forensiker aus, sondern wie Arbeitsplätze. Den Abfall im Schiesskeller müssen die Beamten selber wegräumen, für die Hülsen gibt es leere Farbkübel. Am Tatort tragen sie Faserpelzpullover und ausgebeulte Jeans, und selbst wenn sie im Anzug kommen, etwa zum Personenschutz am Empfang des UNO-Generalsekretärs, sieht das nie dermassen fesch aus wie bei den plappernden Kleiderständern, die durchs Universum von «CSI» paradieren.

Das Gefühl heisst Realität, und es rührt nicht bloss von einer gewissen Schäbigkeit der Kulissen her, in denen diese Leute arbeiten. Sondern auch vom Be¬mühen um Nähe, mit dem die Fotografen ans Werk gegangen sind. Es ist jene Art Nähe, von der Reto Camenisch spricht: «Man sollte mittendrin sein und doch jene Distanz wahren, ohne die es keine Übersicht und keinen unabhängigen Blick gibt.»

Was man in dieser Position sieht, ist nicht zuletzt die Einsamkeit der Polizei in den Katastrophen- und Elendsregionen des Lebens. Es ist nicht die Arroganz der Macht, die auf dem Posten dem Verdächtigen so fremd gegenübersitzt. Die nach dem Einbruch vor den Scherben eines Fensters draussen in der Winterkälte steht. Die das Seil von einem Heizungsrohr holt, mit dem sich einer in seinem Bastelkeller erhängt hat. So herrscht hier, «wo der Alltag Ausnahmezustand ist» (Bernhard Giger), durchwegs eine merkwürdige Melancholie. Und es könnte schon sein, dass sich genau diese Atmosphäre aus jener fotografischen Haltung ergibt, die Camenisch meint: nahe zu sein und doch distanziert. Emotional und doch nie vulgär.

Weder Roboter noch Ritter

Auf jeden Fall bleiben diese Bilder ambivalent. Wo sie die Polizisten als «Menschen» zeigen, als «Menschen mit Stärken und Schwächen», wie es sich Kommandant Blättler vorstellt, da widerlegen sie tatsächlich die Vorstellung vom selbstgerechten, selbstherrlichen Staatsapparat. Andererseits beschädigen sie aber auch ein Kapital der Polizei: den Glauben an den wackeren Ritter, der seine Zuverlässigkeit und Souveränität in jeder Lage bewahrt. Schon deshalb taugt diese Fotografie nicht zur Reklame. Und deshalb ist «Der zweite Blick» auch nicht «Industrious», jenes Fotoprojekt, mit dem sich das Kunstmuseum Bern letztes Jahr zum Agenten des Zementkonzerns Holcim gemacht hat. Für ihr Firmenporträt hatten die Fotografen dort ebenfalls freie Hand und offene Türen bekommen, aber etwas anderes daraus gemacht: Kunst, die sich in der futuristischen Schönheit industrieller Anlagen und in der Mikroskopie rauher Arbeitergesichter erschöpfte. Und damit systematisch genau jene Fragen verhinderte, derentwegen der Konzern in der Kritik stand: sein Umgang mit dem Personal, den Gewerkschaften und der Umwelt.

Ganz anders «Der zweite Blick» – das sind Bilder mit einem Anschluss an laufende Diskussionen. Angesichts der fremdländischen Visage auf der Zielscheibe kann man sich fragen, mit welchen Feindbildern die Polizei unterwegs ist. Die Szenen der Tanzdemo rufen die Kontroverse um den Polizeieinsatz und die politische Verantwortung für die Sicherheit in der Stadt wieder ab. Und die fünf Beamten bei der Festsetzung des Schwarzen – offensiver kann man die Kritik an übertriebener Polizeigewalt ja gar nicht anlocken. Allerdings erzählt dieses Bild auch noch etwas anderes: wie schwer man einen Mann bändigen kann, für den es um alles oder nichts geht. Entweder kommt er jetzt doch noch davon. Oder er wird ausgeschafft und zuhause eingekerkert.

Die wollen Respekt

Fragt sich bloss, was der Polizei eigentlich einfällt. Woher der plötzliche Mut? Woher die ganze Offenheit einer Institution, die sich bisher nicht gerade einen Namen gemacht hat mit einer einladenden Haltung angesichts öffentlicher Kritik, zumal der Medien? Die Initiative zum «Zweiten Blick» kam von Michael Fichter, vom Sprecher der Kapo, und er redet ohne Umschweife von einer «Kommunikationsstrategie»: «Wir wollen Verständnis für unsere Tätigkeit schaffen.» Dass es daran fehlt, hört man von der Polizei regelmässig. Sie selbst hat es drastisch erfahren: 2010 in Biel, wo Peter Hans Kneubühl einen Mann der Sondereinheit Enzian mit einem Kopfschuss schwer verletzte.

Und 2011 in Schafhausen im Emmental, wo ein 36-Jähriger bei einer Wohnungs¬räumung einen Beamten erschoss. Beide Täter erhielten ihre Ehren, in Internetforen und auf T-Shirts – als Widerstandskämpfer gegen den Staat. Gewalt gegen Beamte wurde zum Thema, und eine «Massnahme» betrifft das Bild der Polizei, das sie abgibt: Ein menschliches soll es nun sein. Eines, das «Respekt» (Stefan Blättler) stiften kann – «nicht wegen der Uniform, sondern wegen der Menschen, die sie tragen».

So ist «Der zweite Blick» eben doch PR. Aber PR mit der Realität. Und die Realität, wie sie diese Bilder vermitteln, ist gross und widersprüchlich genug, um nicht in klar kalkulierbaren Botschaften aufzugehen. (Der Bund)

Erstellt: 04.09.2013, 11:36 Uhr

Agenda

Bis 29. September, www.kornhausforum.ch

Das Buch

Buch: Kantonspolizei Bern (Hrsg.): Der zweite Blick – Arbeit und Alltag von Police Bern. Stämpfli, Bern 2013. 104 Seiten, 80 Bilder, etwa 35 Franken.

Podium

Podium «Polizei und Öffentlichkeit» mit Stefan Blättler und Bernhard Giger: 18. September, 19 Uhr.

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