Interview

«Als ob Federer nur noch in Gstaad spielen dürfte»

Patrick Aebischer steht unter Druck. Im Interview sagt der Präsident der ETH Lausanne, wie die Einwanderungsinitiative seine Hochschule bedroht – und was er nun tun will.

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Herr Aebischer, was haben Sie in den letzten Tagen getan, um in den EU-Projekten verbleiben zu können?
Wir trafen uns mit den Politikern und mit den Unterhändlern, die die Verhandlungen führen werden. Die Zeit drängt, denn bereits im März kommen sehr wichtige Deadlines auf uns zu.

Welche meinen Sie?
Jene des ERC (European Research Council, Anm. d. Red.) mit seinen sehr gut dotierten, prestigeträchtigen Forschungsprogrammen. Beide ETH profilierten sich auf fantastische Weise in diesen Programmen. Die Eingabefrist endet am 25. März, unsere Forscher bereiten sich gerade intensiv vor – und wir wissen nicht, ob wir überhaupt noch teilnehmen können. Wir arbeiten derzeit unter sehr schwierigen Umständen, müssen Sie wissen.

Was sind mögliche Lösungen?
Dass wir für eine Übergangsphase akzeptiert werden. Oder wir kaufen uns in das Projekt ein. Wie realistisch solche Lösungen sind, kann ich heute aber unmöglich beurteilen.

Was raten Sie Ihren Forschern?
Es ist sehr frustrierend momentan, und all unsere Aufbauarbeit steht auf dem Spiel... Aber bewerbt euch jetzt trotzdem! Macht weiter!

Die Teilnahme am Milliardenprojekt Horizon 2020 ist in der Schwebe. Was bedeutet es für den Forschungsplatz Schweiz, wenn er sich an solchen Projekten nicht mehr beteiligen kann?
Es droht eine Katastrophe. Natürlich wirkt sich das nicht morgen aus. Aber auf die Jahre hinaus wird die Schweiz an Innovation verlieren, an Konkurrenzfähigkeit, es wird weniger Start-ups geben. Die Kooperation mit unseren europäischen Kollegen ist sehr fruchtbar. Ausserdem stammen ungefähr 30 Prozent der kompetitiven Fremdmittel der EPFL aus der EU. Wir profitieren enorm. Wenn die Schweiz einen Franken in kompetitive EU-Programme steckt, erhält sie einen Franken und fünfzig Rappen zurück.

SVP-Vertreter meinen, man solle das Geld, das in EU-Projekte geflossen sei, besser in Schweizer Projekte stecken.
Das ist Unsinn. Das ist, als ob Federer nicht mehr in Wimbledon, sondern nur noch in Gstaad spielen dürfte und wir ihm anbieten würden: «Hey, wir bauen dir ein zweites Gstaad.»

Wie erlebten Sie persönlich den Abstimmungssonntag?
Ich war wütend und niedergeschlagen. Ich erwartete einen knappen Ausgang, aber im Guten. Für mich als Romand ist es noch frustrierender, weil unsere Kantone ja dagegen gestimmt haben. Jetzt sehen wir die Konsequenzen, der Forschungsstandort wird als Erstes getroffen. Wahrscheinlich würden ein paar Tausend, die eigentlich nur ein Zeichen setzen wollten, heute anders abstimmen.

Haben die Hochschulen davor genügend getan?
Wir haben es versucht, wir haben ein Manifest aufgesetzt. Zumindest in der Romandie hat es vermutlich ja auch gewirkt. Aber man kann immer sagen, man hätte mehr tun können. Aber es ist sehr schwierig für uns, gegen die populistischen Argumente der SVP anzukämpfen. Diese Art von Abstimmungskampf entspricht letztlich nicht dem Wesen der Forscher.

Erstellt: 18.02.2014, 12:17 Uhr

Hochschulen wenden sich mit offenem Brief an den Bundesrat

In einem offenen Brief haben sich die Schweizer Hochschulen an den Bundesrat gewandt. Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative solle er «alle möglichen und erdenklichen Massnahmen» ergreifen, damit die Schweiz als gleichberechtigtes Mitglied an den EU-Programmen «Horizon 2020» und «Erasmus» teilnehmen kann.

Man sei sich bewusst, dass die Rettung der Schweizer Teilnahme an diesen Programmen nur ein kleiner Teil eines viel weiterreichenden Problems für die Schweiz sei, schrieben die Universitäten, ETHs und Akademien, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen.

Doch der Bundesrat solle zu Kenntnis nehmen, dass eine «Dringlichkeit» für die Schweizer Forscher bestehe, erklärte Antonio Loprieno, Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (Crus), heute vor Medienvertretern in Bern.

Könnte die Schweiz nicht als gleichberechtigtes Mitglied teilnehmen, sei dies nicht nur in Bezug auf verlorene Forschungsgelder von Bedeutung, sondern auch auf der symbolischen Ebene, sagte Loprieno. Es gehe darum, die Offenheit, Innovationskraft und Exzellenz zu bewahren, die die Schweizer Forschung auszeichneten. (sda)

Patrick Aebischer (*1954) steht der École Polytechnique Fédérale de Lausanne seit dem Jahr 2000 als Präsident vor. Aebischer ist Professor der Neurowissenschaft. (Bild: Keystone )

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