Analyse

Angelina Jolies Mutterkomplex

Eine Woche nach dem grossen Brustkrebs-Outing wird angekündigt, dass Angelina Jolie in einem Film ihre Mutter spielen will. Angeblich.

Macht aus ihren Gefühlen immer grosses Kino: Angelina Jolie bei der Premiere ihres Films «In the Land of Blood and Honey».

Macht aus ihren Gefühlen immer grosses Kino: Angelina Jolie bei der Premiere ihres Films «In the Land of Blood and Honey». Bild: Keystone

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Die Frage «Hat sich Angelina Jolie die Brüste abnehmen lassen, um einen Film zu promoten?» ist ebenso dumm wie schnell beantwortet: nein. Denn der Film, der seit Pfingsten als Phantom durch die Medien schwirrt, ist erst ein Projekt, wird vielleicht 2014 gedreht und käme, falls es ihn denn jemals geben würde, 2015 irgendwohin, mit grosser Sicherheit nicht in die Kinos, eher ins Fernsehen. Wenn überhaupt. Denn die Information darüber kommt nicht von Angelina Jolie selbst, sondern aus der britischen «Daily Mail», die ihrerseits keine Quelle nennt.

Der Film, von dem also irgendwann in der Zukunft vielleicht die Rede sein könnte, wäre ein Biopic: also eine filmische Biografie über Angelina Jolies Mutter, die Schauspielerin Marcheline Bertrand, die wiederum berühmter ist für ihre Tochter als für ihre eigenen Filme und die 2007 mit 56 Jahren an Brustkrebs starb. Marcheline Bertrand hatte eine schwierige Ehe mit dem neurotischen Schauspieler John Voight, hatte zwei schwierige Kinder und überhaupt ein karges, hartes Leben.

Eine Firma muss Kräfte bündeln

Und sie litt ein gutes Jahrzehnt lang an der Krankheit, der sie schliesslich erlag. Sie hat ihrer Tochter nicht nur den Wahn zur Wohltätigkeit, sondern vor allem die sehr hohe Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung vermacht. Und es ist einigermassen verständlich, dass die Sechsfachmutter Angelina Jolie deswegen zu Vorsorgemassnahmen greift, so extrem sie auch scheinen mögen.

Laut «Daily Mail» will Angelina Jolie, die aus ihren Gefühlen immer grosses Kino macht, jetzt also ihre Mutter spielen, und die Produktionsfirma von Brad Pitt wird den Film produzieren. Es würde so eine Familienangelegenheit über ein Stück Familiengeschichte – und damit ein neuerlicher Teil des jolie-pittschen Grossfamilienimperiums beziehungsweise ihrer Firma. Denn jeder Superstar ist ja heutzutage eine Firma. Und zwei Superstars zusammen sind eine noch mächtigere Firma. Und eine Firma muss schliesslich Kräfte bündeln und strategisch denken und die Aufmerksamkeit lenken, wo sie kann.

Den medialen Stern tragen wir alle mit

Es gibt heute keine romantische Aura mehr um einen Superstar wie Angelina Jolie, nicht wie bei einer Marilyn Monroe, bei der auch Jahrzehnte nach ihrem Tod immer noch Dinge auftauchen, die tatsächlich sehr private Momente ihres Lebens zeigen oder zumindest simulieren, seien das Tagebücher, Fotos oder Amateurfilme. Privatheit ist heute etwas anderes, ist wirtschaftlich geworden, sie ist Teil des multimedialen Unternehmertums eines Stars, «privat» wirkt heute Angelina Jolies Brief in der «New York Times» oder Victoria Beckhams nackter, schwangerer Bauch auf Twitter. Rihanna beschimpft ihren Immer-mal-wieder-Ex auf Twitter, die Bloggerin Cat Marnell rapportiert minutiös ihren Drogenkonsum in alle Welt.

Und wäre Angelina Jolie Trash und nicht eine Frau mit Stil, sie hätte aus ihrer Vorsorgeoperation eine Reality-TV-Doku gemacht. Hat sie aber nicht. Und sie hat auch keine Fotos gepostet. Sie hat bloss einen öffentlichen Brief geschrieben, unsentimental, sachlich. Sie hat informiert. Dagegen kann man nichts haben. Denn eine ungelenkte Öffentlichkeit, eine, die man nicht selbst mit exakten Informationen versorgt, die wird oft ordinär und höchst spekulativ in ihrem Erfindungsreichtum. Den medialen Sturm, den Angelina Jolie damit auslöste, den tragen wir alle mit.

Dann werden schon weit krassere Sachen passiert sein

Die Sache mit dem Film, die wird, wenn sie denn jemals ganz offiziell von Jolie bestätigt wird, nur ein Stürmchen zeitigen. Logisch, dass die beiden Dinge – Operation und Film – im assoziativ vor sich hin zappenden Bewusstsein der Öffentlichkeit zusammenhängen. Und dass sie – im Fall einer (doch recht wahrscheinlichen) Bestätigung – für Angelina Jolie existenziell zusammengehören. Aber dass das möglicherweise zukünftige Ereignis das jüngst vergangene bedingt haben könnte, das ist Quatsch.

Sollte in zwei Jahren der Film kommen, dann wird man sich nur noch schwach an die schwere Zeit von Angelina Jolie im April 2013 erinnern. Dann werden schon weit krassere Sachen passiert sein. Vielleicht wird sich bis dahin ja der erste Star von einer Kamera in den Tod begleitet haben lassen. Normale Menschen machen das nämlich bereits. In Holland. Aber das ist wiederum eine ganz andere Geschichte. Auf einem Niveau, auf das sich eine Angelina Jolie niemals herablassen würde.

Erstellt: 21.05.2013, 15:06 Uhr

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