Angst vor der Angst

 Jeder fünfte Schweizer leidet einmal im Leben an Panikattacken oder Angststörungen. Wann ist Angst normal, wann krankhaft?

Das Woody-Allen-Gen begünstigt ängstliches Verhalten: Szene aus dem Film «Love and Death» (1974). Foto: Cinetext Bildarchiv

Das Woody-Allen-Gen begünstigt ängstliches Verhalten: Szene aus dem Film «Love and Death» (1974). Foto: Cinetext Bildarchiv

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor ein paar Jahren groundete ich in China ein Flugzeug. Kurz vor dem Abflug hatte mich ein leichtes Stechen in der Brust beunruhigt. Als ich meinen Platz in der Maschine einnahm, wurde der Schmerz stärker. Kaum waren die Türen geschlossen, strahlte er in die Arme aus, Schwindel setzte ein. Ich dachte an einen Herzinfarkt. Die Crew glaubte dasselbe, der Abflug wurde abgebrochen.

Flugangst? Leider nein. Die Situation wiederholte sich danach einige Male auf festem Boden. Nach zwei EKGs stand fest, dass mit mir körperlich alles stimmte. Nicht mein Herz war das Problem, sondern mein Gehirn: Ich hatte Panikattacken. Angst vor der Angst. Immerhin: Einmal als psychisch und nicht körperlicher Schaden diagnostiziert, verschwanden die Ängste bald wieder.

Weniger Glück hatte Scott Stossel. Der Chefredaktor des amerikanischen Magazins «The Atlantic» kämpft seit seiner Kindheit mit konkreten Phobien und diffusen Ängsten, darunter die Angst vor Sterben, Erbrechen, Strassen, Ohnmacht, Fliegen, Konkurrenzsituationen, Käse und öffentlichen Auftritten. Letztere bekämpft er mit einem Cocktail aus Psychopharmaka und Wodka. Über seine Ängste und die einhergehenden Symptome wie Übelkeit, Kopfweh oder Atemnot hat Stossel nun ein Buch geschrieben. Hunderte von Lesern veröffentlichten darauf auf der Website des «Atlantic» ihre eigenen Angsterfahrungen.

Immer Beruhigungsmittel dabei

Angst, sagen die Psychiater, ist ein Überlebensprogramm aus der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Völlige Angstfreiheit wäre ein pathologischer Zustand. Doch die Grenzen zwischen normalen und krankhaften Ängsten sind fliessend, die Interpretation schwierig. Was zum Beispiel hatten meine eigenen Panikattacken zu bedeuten: Waren sie körperlicher Ausdruck von zu viel Stress? Verzweiflung über die eigene Vergänglichkeit? Bahnte sich «bloss» eine Midlife-Crisis an oder eine Angststörung? Gar eine Depression?

Was schlimm klingt, ist statistisch einigermassen normal. 20 Prozent der Schweizer leiden einmal im Leben unter Panikattacken oder Angststörungen. Mindestens 6 Prozent der Schweizer Bevölkerung werden derzeit wegen Angst behandelt, schätzungsweise eine weitere halbe Million Betroffener ist nicht diagnostiziert und damit unbehandelt – weil Angst als Schwäche gilt, haftet der Angststörung ein Stigma an.

Ich kenne jemanden, der Angst hatte vor der Puppe seines Kindes, jemand anderem setzten nicht rechte Winkel zu. Und mehr Menschen, als man denkt, haben in der Jackentasche ein Päcklein Beruhigungsmittel stecken: Nur schon das Wissen, es im Notfall nehmen zu können, beruhigt. Genaue Zahlen gibt es für die Schweiz nicht. In Amerika wird das Beruhigungsmittel Xanax 50 Millionen Mal pro Jahr verschrieben. Über zwei Drittel der im Internet angebotenen Psychopharmaka sind Benzodiazepine wie Xanax oder Temesta.

Vielleicht zeigt das bloss, dass ich mich in einem angstvollen Umfeld bewege. Vielleicht ist es aber Ausdruck davon, wie die Pharmaindustrie aus einem menschlichen Grundempfinden eine Krankheit gemacht hat, die zünftig Gewinn abwirft. Denn Ängste und Sorgen, sagen Unverängstigte gern, gehören zum Leben. Man hadert mit dem Job oder der Beziehung, hat Angst vor Prüfungen oder vorm Fliegen. Jammern wir heute einfach schneller? Hat uns die Komfortzone weich gemacht? Waren unsere Grosseltern härter im Nehmen – oder hatten sie weniger Gründe zur Angst?

1927 gab es weltweit drei akademische Arbeiten über Angststörungen. Ende der 50er-Jahre waren es 37. Heute sind es Tausende pro Jahr, ganze Journale beschäftigen sich damit. Es liegt nahe, den gesellschaftlichen Wandel infrage zu stellen: etwa im Zusammenhang mit dem von Abstiegsängsten geplagten Mittelstand, der mit Medikamenten und Entspannungstechniken so lange behandelt wird, bis er fit genug ist, um ins Hamsterrad zurückzukehren. Die Kultur der ständigen Erreichbarkeit und die beschleunigte Multioptionsgesellschaft mag katalysatorische Wirkung haben, Angst allerdings ist stets auch persönlich, ihre Ursachen sind entsprechend unterschiedlich und umstritten.

Plato sah in der Angst philosophische Gründe, Aristoteles tippte auf medizinische (bis heute streiten sich Fachleute darüber, ob man Angststörungen besser mit Verhaltenstherapie oder Medikamenten bekämpft. Meistens kommt eine Mischung aus beidem zum Einsatz). Die Gründe von übermässiger Angst, lässt sich wohl sagen, sind ein Mix aus Philosophie, Biologie und Kultur – und auch die Eltern spielen eine wichtige Rolle.

Die Eltern, die Gene

Zum einen sind Neigungen zu Angststörungen vererbbar: Vor zehn Jahren entdeckten Harvard-Forscher das sogenannte Woody-Allen-Gen, das ängstliches Verhalten begünstigt. Für Angstpatienten eine Hiobsbotschaft – denn nun droht die Angst, seine Angst ans Kind weiterzugeben. Auch das Verhalten eines Elternteils kann auf ein Kind abfärben; Anlage und Umwelt sind wie oft in der Psychologie verbunden.

Ein weiterer Angstpatient, der Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679), dessen Mutter ihn angesichts der spanischen Armada vor Schrecken frühzeitig gebar, schrieb: «Ich und die Angst sind Zwillinge.» Das war vorbildlich. Die phobische Persönlichkeit versucht nämlich typischerweise, gegen aussen unbeschwert zu erscheinen. Dabei würde Druck abbauen, wer über seine Angst redet – mancher Bekannte weiss nur allzu gut, wovon man spricht. Eine weitere Massnahme, Ängste zu bekämpfen, ist, über deren Irrationalität zu lachen. Das schaffe Distanz, so Experten.

Tatsächlich ist es einfach, über den verängstigten Mafiaboss Tony Soprano zu schmunzeln. Oder über Woody Allen, wenn er einen Hirntumor befürchtet – nur um bei der gegenteiligen Diagnose zu verzweifeln, dass er vierzig weitere Jahre in einem gottlosen Universum leben muss. Die eigenen Lähmungen zu verspotten, ist jedoch ziemlich schwierig. Auch wenn es meine damalige Reisebegleitung noch heute wahnsinnig witzig findet, dass ich ein chinesisches Flugzeug zum Stillstand brachte.

Erstellt: 12.03.2014, 08:12 Uhr

Vorlesungen/Buch

Brain Fair 2014: Vorträge und Diskussionsforen über Angst und Angststörungen. 10. bis 15. März 2014, ETH Zürich.

Scott Stossel: My Age of Anxiety. Random House, 2014.

Artikel zum Thema

Amphetamine im Klassenzimmer

Stadtblog Früher nahmen Studenten Drogen um sich zu berauschen. Heute greifen schon Schüler nach Ritalin – um zu lernen. Unsere Autorin hat ein Gespräch in der ZB mitgeschnitten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...