Auf dem Friedhof der Geräusche

Wie klang noch mal ein Modem? Eine Telefonwählscheibe oder eine Registrierkasse? Amerikanische Sammler haben im Internet ein Museum der verlorenen Klänge eingerichtet.

Das schleifende Geräusch der Telefonwählscheibe gehörte über Jahrzehnte zum Alltag.

Das schleifende Geräusch der Telefonwählscheibe gehörte über Jahrzehnte zum Alltag. Bild: AFP

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Auf den ersten Blick ist es eine ganz alltägliche Szene. Ein Fernsehreporter des Norddeutschen Rundfunks steht mit einem Kassettenrekorder auf dem Trottoir, drückt die «Play»-Taste und fragt ein paar Teenager, ob sie das Geräusch erkennen. Ein Jugendlicher antwortet: «Unmenschlich, so was habe ich noch nie gehört.» Ein anderer, lachend: «Klingt wie ein Papagei.» Der Lösung am nächsten kommt die junge Frau, die fragt: «Ähm, eine Antenne, die den Kontakt zu ihrem Sender verliert?»

In Wahrheit hat der Reporter den Jugendlichen jene akustische Kakofonie aus Fiepsen und Gurren, Piepsen und Rauschen vorgespielt, die entsteht, wenn sich ein Internetmodem in die Telefonleitung einwählt. Das Gerät war in den 90er-Jahren der erste Schlüssel ins World Wide Web und damit nichts weniger als ein technisches Wunderding. Zwei Jahrzehnte später ist es für die Nachgeborenen nur noch eine grosse Unbekannte, ein komischer Fremdkörper, der von ihrer Alltagsrealität genauso weit entfernt ist wie das Milchkesseli oder das Velosolex. Ein Modem, das jault, bevor es die Internetverbindung herstellt? Undenkbar.

Der Reporter hätte beim Versuch wohl noch mit etlichen anderen Geräuschen das gleiche Resultat erzielt. Zum Beispiel mit dem schleifenden Drehen einer Telefonwählscheibe. Mit dem Getippse auf einer alten Schreibmaschine. Mit dem Freispiel-«Knall» eines Flipperkastens. Mit den Melodien martialischer Tischcomputerspiele wie «Pac-Man» oder «Phoenix». Und vermutlich auch mit dem Gerät, das er bei der Umfrage in den Händen hielt – nämlich mit dem Voroder Rückspulen einer gewöhnlichen Musikkassette.

Endstation Estrich

Alle diese Sounds sind aus unserem (westlichen) Alltag verschwunden, weil die Geräte, die sie erzeugen, durch die technische Entwicklung eingeholt und überholt wurden. Kaum ein Estrich oder Kellerabteil, in dem nicht das eine oder andere dieser ausrangierten Utensilien still vor sich hin rottet. Manche dieser Objekte verbringen ihren Ruhe(zu)stand auch in den Auslagen von Brockenhäusern oder in den Vitrinen spezialisierter Museen. Ganz exklusive Ware schafft es bisweilen sogar ins Angebot von Antiquitäten- oder Secondhanddesign-Händlern, wo sie für teures Geld feilgeboten werden.

Doch wahrscheinlich würde sich nicht einmal der euphorischste Nostalgiker zur Behauptung versteigen, es handle sich bei diesen Klängen, die im allgemeinen Hörverständnis oft als banal oder gar atonal wahrgenommenen werden, um ein akustisches Hochkulturgut – geschweige denn um ein Welterbe. Genau aus diesem Grund existiert auch keine UNO-Einrichtung oder eine andere gewichtige Form von Lobby, die sich für den Schutz der vom Aussterben bedrohten Geräusche starkmachen würde.

Wo es ein solches Vakuum gibt, treten aber nicht selten inoffizielle Artenschützer auf den Plan. Es sind Leute, die nie aus Gewinnstreben, sondern aus Leidenschaft handeln, die in ihre «grosse Sache» oft übermässig viel Energie investieren – und das durchaus im Bewusstsein, dass sich die breite Öffentlichkeit einen Deut darum schert, was sie tun und warum. Man nennt sie gern Freaks. Oder Nerds.

Auswahl noch etwas bescheiden

Ein solches Nerd-Grüppchen aus den USA hat sich nun auch der Rettung bedrohter Geräusche verschrieben. Und weil der moderne Mensch bekanntlich dazu tendiert, Historisches aller Art museal zu konservieren, hat sich ihr Anführer Brendan Chilcutt entschieden, ebenfalls eine Gedenkstätte zu eröffnen – dort, wo die Miet- und Unterhaltskosten gering sind, aber trotzdem fast die ganze Welt Zugang hat: im Internet.

Interessanterweise setzt Brendan Chilcutt in seinem «Museum of Endangered Sounds» («Museum für bedrohte Klänge») jedoch nicht allein aufs Klangmaterial. Beim Besuch der Website begegnet man einer Reihe von Schwarzweissfotos. Sie zeigen ein Telexgerät, eine Registrierkasse, einen Videorekorder, ein Schnur- und ein Wandtelefon oder das «Pac-Man»-Spiel. Und, überraschend, weil das Gerät doch deutlich jünger ist, auch einen Gameboy. Klickt man mit der Maus auf eines der Bilder, erklingt das entsprechende Geräusch; gleichzeitig wird das Sujet farbig und/oder animiert.

Das Onlinemuseum ist originell. Allerdings erweist sich die Auswahl der Geräusche als (noch) zu bescheiden. Vielleicht kann man den Makel damit erklären, dass es sich um ein Work-in-Progress handelt, das nach Angaben der Initianten bis 2015 abgeschlossen sein soll. Womöglich ist das bisher nicht allzu üppige Angebot aber auch die Kehrseite solcher Amateurprojekte: Fehlt grad das Geld, die Lust oder die Zeit, verharren sie monatelang im Status quo. Anders gesagt: Auch in der digitalen Welt können Dinge verstauben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2013, 08:53 Uhr

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