Nach Rupperswil: Auf der Suche nach der Empathie

Warum ein Psychopath kein Täter wurde und was unsere Gesellschaft tun kann, um das Mitgefühl zu fördern: Ein Blick in die Forschung, die den Müttern den Ball zuwirft.

Unheilbar böse, unberührt vom Leid der anderen: Seamus Liam Davey-Fitzpatrick als Damien im Thriller «Das Omen». Foto: United Archives / Keystone

Unheilbar böse, unberührt vom Leid der anderen: Seamus Liam Davey-Fitzpatrick als Damien im Thriller «Das Omen». Foto: United Archives / Keystone

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Empathielos und kalt hat der Täter von Rupperswil agiert, doch davor wirkte er völlig unauffällig. Mittlerweile weiss man: Viele Psychopathen können charmant sein, aufgeschlossen erscheinen, sich in andere hineinversetzen, und dies nicht nur mental («kognitive Empathie»), sondern auch emotional («affektive Empathie»). Aber sie schalten ihre Fähigkeit zum Mitgefühl nur an, wenn es ihnen nützt – zur Manipulation von anderen. Das haben jüngere Forschungen des Social Brain Lab in Amsterdam gezeigt; dessen Leiter Christian Keysers («The Empathic Brain»), der zahlreiche Psychopathen untersucht hat, hofft darauf, dass man diese schlafenden Fähigkeiten irgendwann auf Dauerbetrieb schalten kann.

Neurobiologe mit Mörderhirn

Dass Defizite im Gehirn – und ein dadurch verursachtes vermindertes Em­pa­thievermögen – nicht zwingend zur kriminellen Laufbahn führen, erfuhr ein US-amerikanischer Neurowissenschaftler buchstäblich am eigenen Leib.

Es war 2006: James Fallon beugte sich über einen Hirn-Scan und konnte es nicht glauben. Vor ihm lag das typische Gehirn eines Psychopathen – in ihm sind bestimmte, für Emotion, Empathie, moralische Entscheidungen und Impulskontrolle zuständige Teile deutlich schwächer ausgeprägt, wie etwa die Forschung des amerikanischen «Psychopathen-Flüsterers» Kent Kiehl belegt. Und dieser vernichtende Scan stammte aus einer gesunden Kontrollgruppe, die Fallon selbst ausgesucht hatte: seine eigene Sippe. Fallon liess die anonymisierte Probe entschlüsseln – und das Psychopathenhirn entpuppte sich als sein eigenes: Er, der gefeierte Neurobiologe, gute Vater von drei Kindern, seit Jahrzehnten verheiratet, hatte alle Anlagen dafür gehabt, ein empathieloses Monster, ein Serienmörder zu werden. Weitere Untersuchungen bestätigten den Befund und verstärkten die schlechte Prognose noch: Auch genetisch ist Fallon ein kriminologischer Hochrisikokandidat.

Da überraschte es ihn dann schon weniger, dass er in seiner Familiengeschichte auf gleich mehrere Morde stiess. So geht schon der erste bekannte Muttermord in den amerikanischen Kolonien, im 17. Jahrhundert, auf das Konto seiner Familie. Im 2013 erschienenen Buch «The Psychopath Inside: A Neuroscientist’s Personal Journey into the Dark Side of the Brain» («Der Psychopath in mir») erzählt Fallon von seiner Spurensuche. Tatsächlich haben Lehrer und sein näheres Umfeld Fallon schon früh Kälte, Narzissmus und eine grosse Tendenz zur Manipulation anderer attestiert. Manche Gemeinheit, an die andere sich gut erinnerten, hatte er völlig verdrängt. Dass er spasseshalber und aus ungesunder Lust am Risiko mal das Leben seines Bruders aufs Spiel setzte mit einer gemeinsamen Wanderung in einem virenverseuchten Gebiet, hat ihm dieser jahrelang nicht verziehen.

Wieso landete James Fallon auf einem renommierten Posten statt in der Psychiatrie oder im Gefängnis? Er beantwortet das mit der Kehre seines Credos: Das Erbgut sei nicht – wie er davor felsenfest überzeugt gewesen war – zu 80 bis 100 Prozent verantwortlich für die Entwicklung des Menschen. Dass er selbst, trotz aller ungünstigen biologischen Voraussetzungen, kein gewaltsüchtiger Serientäter geworden sei, verdanke er der liebevollen Aufmerksamkeit seiner Mutter und seinem generell motivierenden Umfeld. Eine Kindheit mit Erfahrungen von Missbrauch, Misshandlung oder auch «nur» seelischer Vernachlässigung hätte ihn wohl zu einem Schwerverbrecher heranwachsen lassen, vermutet Fallon. Doch das skrupellose «soziale Raubtier», von dem der grosse Psychopathologie-Pionier Robert Hare spricht – und das er regelmässig auch in Rechtsanwaltskanzleien, Banken, Unternehmensberatungen ausmacht («Snakes in Suits») –, ist, so Fallon, zähmbar.

Das predigen auch Psychologen seit einigen Jahren: Empathie – oder zumindest empathisch adäquates Verhalten – kann man einüben! Und: Man soll es einüben! In Kindergärten, an Schulen, so früh es geht. Fallon fing nach diesem seinem Moment der Selbsterkenntnis ebenfalls mit dem Üben an. Er zwang sich dazu, selbstloser zu handeln. Irgendwann habe auch seine Frau die Veränderung bemerkt. Und obwohl sie wisse, dass er aus Vernunft, nicht aus Herzensgüte so handle, freue sie sich über sein hilfsbereiteres, freundlicheres Verhalten. Für ihn, den Gefühlsgestörten, in dem ein Monster sitze, das sich ständig über die Langeweile der Nettigkeit beklage, sei das geradezu überraschend. «Vielleicht wollen die Menschen einfach mit Respekt und Freundlichkeit behandelt werden. Ich finde das erstaunlich», schreibt Fallon 2014 in einem Essay.

Unsere Krise der Empathie

Das klingt, als ob eine Menge machbar sei in der Therapie – und eine empathischere Welt eine Frage der Zeit. Aber so einfach ist es nicht. «Empathie» ist heute gerade darum ein Forschungsinteresse, weil sie – fehlt. Manche Wissenschaftler konstatieren gar eine «Krise der Empathie»; und der dänische Pädagogen-Guru Jesper Juul hat mit dem Romancier Peter Høeg und anderen einen entsprechenden Appell verfasst: «Miteinander: Wie Empathie Kinder stark macht». Dort unterstreichen die Autoren, dass nur das Aushalten von negativen Erlebnissen – also auch negativen Emotionen – bei Kindern dazu führt, dass sie Verständnis für Frustration und Verletzung bei anderen entwickeln. Sie warnen davor, dass überbehütende «Curling-Eltern» den Kleinen jede Schwierigkeit mit dem Besen aus dem Weg wischen.

Man müsse Verständnis für die Bedürfnisse der Kinder zeigen, sie aber nicht stets gleich und komplett befriedigen, raten inzwischen Psychologen von Hamburg über Zürich bis Wien. Im Alter von fünf Jahren sollte ein Kind dann in der Lage sein, von sich selbst für einen Augenblick abzusehen und sich vorzustellen, wie es dem anderen geht.

So lautet auch das Resultat der jüngsten Forschungen des österreichischen Neurowissenschaftlers Claus Lamm, der von 2008 bis 2010 in Zürich tätig war und nun in Wien arbeitet: Ohne eigene Schmerzerfahrung kann man kein Mitgefühl lernen. Es gebe einen «neuronalen Mechanismus», über den «Schmerzempfindung und Empathie für Schmerz» zusammenhängen; wobei Stress, im Unterschied zu Schmerz, bei Frauen zu mehr Empathie führt als bei Männern, die darauf eher mit Kampf- und Fluchtreaktionen, mit Egozentrik reagieren.

Um die Empathiefähigkeit beim Kind zu fördern, helfen daher Rollenspiele – das spielerische Erleben von Kummer und Leid, Angst, Schrecken, Freude. Auch Vorlesen und Sprechen übers Vorgelesene haben viel Wirkung – deutlich mehr als beispielsweise der Konsum von Filmen, der die Fantasie weniger mobilisiert. Als weitere Methode, das Kind fürs eigene Erleben zu sensibilisieren – eine solche Sensibilisierung ist die Voraussetzung fürs Mitgefühl –, nennt Juul den Aufenthalt in der Natur.

Aber der Knackpunkt zu aller Empa­thiefähigkeit liegt im Verhalten der ersten Bezugspersonen. Auch Jugendgewalt-Experte und Konfliktmanager Allan Guggenbühl hält «Beziehung» für das A und O – die intensive Beziehung des Her­anwachsenden zu einer Person, die Gut und Böse klar unterscheidet, Regeleinhaltung fordert und Regelverletzung the­matisiert. Am Ende sieht es schier so aus, als seien vor allem wieder die Mütter gefragt – und schuld. So stellte Claus Lamm in Untersuchungen fest, dass Mütter, die in ihren Emotionen nicht abgestumpft sind, sich von ihnen aber auch nicht beherrschen lassen, sondern souverän und handlungsfähig bleiben, die empathiefähigsten Kinder haben. Kein Wunder, dass James Fallon sagt, dass sein Buch «Der Psychopath in mir» im Grunde von seiner Mutter handle.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2016, 17:58 Uhr

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