Glosse

Basel und Zürich schiessen gemeinsam Tore

Im Fussball eine erbitterte Feindschaft, in der Kultur fruchtbare Freundschaft: Die beiden Städte geben sich nicht immer ans Schienbein. Ein Beitrag zur Versöhnung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nun sind die Tore gefallen, die Meisterschaft ist entschieden: In Basel sind die Sieger, in Zürich die Besiegten. Der Basilisk windet sich empor, der Löwe leckt seine Wunden. Fussball ist eine blutige Angelegenheit – so muss es sein, so wird es bleiben: Einer gewinnt, einer verliert, unentschieden bleibt nichts.

Im Gegensatz zum Sport kann es in der Kultur aber durchaus zwei Sieger geben: Ob ein Zürcher mit Baslern singt oder ein Basler in Zürich für Bewegung sorgt – meistens schaut die ganze Schweiz hin und ist erfreut über die Koproduktion. Anstatt sich den Kopf einzuschlagen, brauchen diese Zürcher und Basler nämlich den Inhalt desselben und kreieren gemeinsam Musik, Theater und Kunst. Hier ein paar Beispiele für gutes Teamwork:

Der Zürcher Phenomden und die Basler The Scrucialists

Er singt in breitestem Züritüütsch ein Loblied auf sein Wohnquartier Wiedikon: «Das isch de Ort wonni läbe, bi Sunne oder Räge, ich bliib i mim Quartier, dänn ich weiss ich liebe Wiedike.» Ein klassischer Lokalpatriot, der nicht über seinen Zaun blickt? Weit gefehlt: Bereits auf seinem Debütalbum «Fang ah» von 2005 arbeitete der Mundartsänger mit der Basler Reggae-Combo The Scrucialists zusammen.

The Scrucialists sind also Basler, die auf der Einfahrt in Zürich nicht gleich in Altstetten abgefangen und unter Polizeischutz zum Letzigrund geleitet werden – sie sind zumindest musikalisch bis nach Zürich-Wiedikon vorgestossen. Es gibt Stimmen, die sagen, dass es The Scrucialists schon bis zum Ufer des Zürichsee geschafft haben. Und sie sollen auf dem Weg nichts zerstört haben.

Der Basler Heinz Spoerli und das Zürcher Ballett

Der Zürcher Ballettdirektor ist von seiner Postur her alles andere als ein Fussballer, mit seinem Bauch erinnert er eher ans runde Leder auf dem Rasen. Doch Spoerli versteht trotzdem viel von Beinarbeit, vielleicht sogar mehr als mancher Ballkünstler. Seit 1996 treibt er das Zürcher Ballett zu Höchstleistungen an und tourt mit der Truppe durch die ganze Welt. Kein Zweifel, dieses Team spielt in der Champions League des Balletts.

Dass Spoerli in Sachen Wutausbruch keinem Fussballer nachsteht, hat er erst letzthin bewiesen, als er eine Aufführung im Zürcher Opernhaus platzen liess. Das Publikum sass gesittet vor geschlossenem Vorhang, hinter der Bühne randalierte der Basler Coach – so ganz anders als auf dem grünen Rasen.

Der in Zürich wohnhafte Marc Spiegler und die Art Basel

Er wohnt in Zürich, sie in Basel – das hindert sie aber nicht, gemeinsame Sache zu machen. Marc Spiegler und Annette Schönholzer leiten seit 2008 zusammen mit Cay Sophie Rabinowitz die weltgrösste Kunstmesse, die Art Basel. Alljährlich bieten sie dafür Galerien aus aller Welt auf – gerade auch aus Zürich.

Vor einem Gemälde tritt man sich auch nicht ans Schienbein. Es ist also einfach, Basler und Zürcher mit Kunst zu versöhnen. Aber vielleicht sollte man sich diese Weisheit auch auf dem Fussballplatz zunutze machen und den Spielern statt einer gelben Karte eine Sonnenblume von Van Gogh präsentieren und statt einer roten einen Rothko. Und in Zürich wäre das Stadionproblem auch gelöst: Zum Match trifft man sich inskünftig im Museum.

Der Basler Rafael Sanchez und das Zürcher Theater Neumarkt

Basler werden für gewöhnlich vom Zürcher Publikum gerne ausgepfiffen. Es ist also eine grosse Leistung, wenn Rafael Sanchez für seine Arbeiten im Neumarkt 5 Applaus erntet. Und das geschieht nicht selten: In der Spielzeit 2008/2009 übernahm der gebürtige Basler zusammen mit Barbara Weber die künstlerische Leitung des Theater Neumarkt und führte seither in einigen Produktionen Regie.

Aber wo bitte besteht hier das Teamwork von Baslern und Zürchern? Barbara Weber ist eine Toggenburgerin, und die meisten Schauspieler im Ensemble sind Deutsche. Stimmt! Und hier finden sich die Basler und Zürcher auch schon wieder – in ihrer gemeinsamen notorischen Abneigung gegen die «Schwaben».

Erstellt: 26.05.2011, 15:16 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Reggae in Bob Marleys Heimat

Interview Der Schweizer Mundart-Reggae-Künstler Phenomden war am 30. Todestag von Bob Marley in dessen Heimat Jamaika. Ein Gespräch über Helden-Verehrung und Schweizerdeutsch auf jamaikanischen Bühnen. Mehr...

Heinz Spoerlis schwermütiger Tanz um heute und morgen

Wie die Schöpfung, so der Tanz: In Heinz Spoerlis neuem Ballettabend zur Musik von J. S. Bach ist das Leben vorbestimmt und ausweglos. Mehr...

«Das Fass ist übergelaufen»

Eklat am Zürcher Opernhaus: Gestern hat der Zürcher Ballett-Direktor Heinz Spoerli kurzfristig eine Aufführung abgesagt, knapp 1000 Zuschauer wurden nach Hause geschickt. Hinter den Kulissen brodelt es. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der grosse Sweet-Home-Geschenkeratgeber

Geldblog Medacta enttäuscht die Anleger

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...