«Bei Immigranten benutze ich nach einer ‹Inkubationszeit› Mundart»

Erleben wir einen «Dialektwahn»? Was ist unsere Muttersprache? Professorin Helen Christen, «Idiotikon»-Herausgeberin und Germanistin, sieht vor allem eine Tendenz zum Informellen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Christen, die Mundart-Debatte lässt kaum jemanden kalt. Sie erhitzt die Gemüter von Schriftsteller und Stammtischler gleichermassen. Warum?
Weil es eine wichtige Debatte ist. Die Sprache ist die Brücke zum Gegenüber. Sie gehört mit zum ersten, was man an einem Unbekannten wahrnimmt. Alle brauchen Sprache, alle nehmen sprachliche Unterschiede wahr, und wo Unterschiede sind, kommen auch Meinungen und Bewertungen ins Spiel. Wobei die Diskussion um den Stellenwert von Dialekt und Hochdeutsch wellenartig stattfindet. Vor ein paar Jahren war das schlechte Abschneiden an der Pisa-Studie der Auslöser. Jetzt dürfte die Zuwanderung aus Deutschland der Grund sein.

Man könnte auch sagen, Herr von Matt hat die Debatte losgetreten, als er einen «Dialektwahn» konstatierte.
Er hat wohl mit einem gewissen Unbehagen festgestellt, dass der Dialekt in neuen Bereichen der Schriftlichkeit Fuss gefasst hat. In der Mündlichkeit war der Dialekt ja schon immer dominant, man hat in der Schweiz nie Hochdeutsch miteinander gesprochen, in keiner sozialen Gruppe. Doch in der informellen Schriftlichkeit hält die Mundart Einzug, sie taucht in E-Mail, SMS oder auf Facebook auf. Benutzer solcher Medien wollen spontan und nahe an der Mündlichkeit sein. Und dafür ist in der Deutschschweiz der Dialekt für sie das geeignete Mittel, in Deutschland wird zum gleichen Zweck «haste» (hast du) oder «nix» (nichts) geschrieben.

Hat das eine Verkümmerung des Hochdeutschen zur Folge?
Wer bei solchen neuen Schriftanlässen Dialekt schreibt, weiss genau, dass ihm oder ihr in dieser Sprachform beispielsweise keine Quittung ausgestellt wird. Man will auch keine Aufsätze auf Mundart schreiben oder Zeitungen in Mundart gedruckt sehen. Es wird immer Leute geben, die sehr gut Hochdeutsch beherrschen und solche, die darin weniger gewandt sind. Das war auch früher so. Neu ist, dass man sich heute die Freiheit herausnimmt, eine SMS auf Schweizerdeutsch zu verfassen. Die alte Klage «früher war es besser» greift zu kurz. Richtig ist wohl: Mehr Menschen schreiben häufiger – aber halt nicht nur auf Hochdeutsch.

Zeigt sich hier ein Generationen-Graben?
Die ältere Generation verbindet Schriftlichkeit zu allererst mit Hochdeutsch, und man hätte früher wohl gar nicht gewagt, sich über diese Konvention hinwegzusetzen und sich auf das Glatteis des Dialektschreibens zu begeben. Das Fehlen einer verbindlichen Orthographie kann ja, wenn man sein Leben lang Hochdeutsch geschrieben hat, verunsichern. Jüngere wachsen bereits in einer Art von Zweischriftigkeit auf: Mails schreiben sie im Dialekt, Bewerbungsbriefe in Hochdeutsch.

Wann ist Dialekt angebracht, und wann Hochdeutsch?
Zuerst ist hier zu sagen, dass man Situationen, die früher als formell wahrgenommen wurden, heute eher als informell betrachtet, auch deshalb wird mehr Mundart verwendet. So ist es heute selbstverständlich, dass eine Deutschschweizer Bundesrätin im «Rundschau»-Interview Dialekt spricht. Das hätte man früher vielleicht anders gehalten - wenn sich die Medienschaffenden überhaupt das Recht herausgenommen hätten, eine Magistratsperson einem Interview auszusetzen. Wir beobachten also möglicherweise keine Mundartwelle, sondern eine Informalitätstendenz. Bei SMS und E-Mails geht es um den persönlichen Austausch zwischen zwei Personen. Welche Sprachform hier die angemessene ist, muss wohl den Beteiligten überlassen werden. Es ist jedenfalls nicht Sache der Sprachwissenschaft, irgendwelche sprachlichen Verhaltensregeln aufzustellen.

Man begegnet im Alltag heute häufig Menschen, die nicht Dialekt können. Wie verhalten Sie sich sprachlich?
Bei Touristen ist es für mich eine Frage des Anstandes, ins Hochdeutsche zu wechseln. Bei Immigranten benutze ich nach einer gewissen «Inkubationszeit» Mundart. Ich gehe davon aus, dass die meisten sogar froh darüber sein dürften, weil ich sie auf diese Weise nicht länger wie Fremde behandle. Mundart signalisiert auch Zugehörigkeit. Die von Peter von Matt beanstandete Unanständigkeit konnte ich übrigens in einer eigenen Untersuchung gerade nicht feststellen. In einem Freiburger Forschungsprojekt haben wir das Gesprächsverhalten bei Polizeinotrufen untersucht und festgestellt, dass sich die Polizisten der Sprache des Anrufers anpassen.

Birgt der Mundart-Boom die Gefahr einer kulturellen Provinzialisierung?
Kulturelle Provinzialität im Umgang mit Sprache scheint mir persönlich dann gegeben, wenn Sprachformen ihre Legitimität einfach deshalb abgesprochen wird, weil sie «nur» gesprochen werden oder weil sie keine festgeschriebenen Normen haben. Was die Literatur angeht: Es käme doch einem Martin Suter nicht im Traum in den Sinn, einen Roman auf Mundart zu schreiben. Schon aus ökonomischen Gründen nicht. Für die Literatinnen und Literaten der «Spoken Word»-Szene ist der Dialekt ein besonderes Stilmittel. Ernsthaft fordert jedoch niemand, dass der Dialekt zur Deutschschweizer Schriftsprache werden sollte. Schon deshalb nicht, weil man dann einen bestimmten Dialekt zum Schriftdialekt erküren müsste. Das Hochdeutsche hat sich als Schriftsprache über Jahrhunderte bewährt.

Was halten Sie von der Forderung der SVP nach mehr Mundart - etwa im Kindergarten?
Das Debattieren über den Stellenwert von Dialekt und Hochdeutsch steht in unterschiedlichen Zeiten unter unterschiedlichen Vorzeichen. In den 1970er-Jahren plädierten die Linken für Dialekt in den Parlamenten - damit alle gleich gut argumentieren könnten. Für die Rechte war diese Forderung ein Angriff auf die Würde politischer Institutionen. Heute verlangt die SVP nach mehr Dialekt als einem Markenzeichen deutschschweizerischer Identität. Menschen mit Weitblick entgeht nicht, dass es auf der Welt ganz verschiedene und bestens taugliche sprachliche Arrangements gibt, wie Menschen für unterschiedliche Zwecke unterschiedliche Sprachen und Dialekte gebrauchen. Das gilt auch für den Kindergarten, wo man mit den Kindern Mundart spricht und dafür Geschichten auf Deutsch vorliest. Eine prozentuale Vorgabe Dialekt/Hochsprache erachte ich als absurd.

Hitzig gestritten wird auch über die Frage, ob Schweizerdeutsch nun eine Sprache oder ein Dialekt ist. Klären Sie uns bitte auf.
Ein US-Linguist sagte einmal: Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine. Tatsächlich bestimmt eine Sprechergesellschaft selber, ob ihr Dialekt den Rang einer Sprache oder eines Dialekts haben soll. Es gibt kein sprachwissenschaftliches Kriterium, um eine Sprache von einem Dialekt zu unterscheiden. Wer sagt, Schweizerdeutsch sei seine Muttersprache, betont den sprachlichen Unterschied zum Hochdeutschen und den gesellschaftlichen Stellenwert des Dialekts in der Deutschschweiz. Wer sagt, Deutsch sei seine Muttersprache, betont dagegen die Zugehörigkeit der Deutschschweiz zum deutschen Sprachraum. Beide haben - aus unterschiedlichen Blickwinkeln - recht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2010, 15:17 Uhr

Helen Christen ist Professorin für germanistische Linguistik an der Universität Fribourg. Sie ist Mitherausgeberin des Schweizerischen Idiotikons, das die deutsche Sprache in der Schweiz vom Spätmittelalter bis ins 21. Jahrhundert dokumentiert. (Bild: Georg Anderhub)

Artikel zum Thema

Der Dialekt als Sprache des Herzens? Pardon, das ist Kitsch!

Peter von Matt äussert sich über Dialektwahn und die gefährliche Abwertung des Hochdeutschen. Mehr...

«Schweizer haben in Deutschland eine Sprachbehinderung»

Nachdem Peter von Matt einen «Dialektwahn» konstatiert hat, äussert sich der Mundart-Literat Pedro Lenz über die Schweizer Muttersprache, Bildungspolitiker und Mundart-Talibane. Mehr...

«Ich begreife Deutsch als Fremdsprache»

Der Autor Guy Krneta kritisiert die Verkitschung der Mundart im Zuge des aktuellen Swissness-Marketings. Und verteidigt die Sprachkompetenz von jungen Schweizern. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...