Bezahl-Flop: «The Sun» wird wieder gratis

Schlappe für Medienmogul Rupert Murdoch: Eines der populärsten Skandalblätter in England schafft seine Bezahlschranke nach zwei Jahren wieder ab.

Nach dem Abhörskandal der nächste Stolperstein: Rupert Murdoch, CEO der News Corporation.

Nach dem Abhörskandal der nächste Stolperstein: Rupert Murdoch, CEO der News Corporation. Bild: Jason Reed/Keystone

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Eine spektakuläre Kehrtwende hat «The Sun» vollzogen, das jahrzehntelang populärste der britischen Boulevardblätter. Zwei Jahre, nachdem die Zeitung für ihren Onlineauftritt eine sogenannte Paywall einrichtet hat, baut sie die Bezahlschranke wieder ab – und bietet ab Dezember wieder freien Zugang zum Internetangebot. Grund dafür ist der fatale Verlust von Lesern. Vor dem Sommer 2013, als die Paywall hochgezogen wurde, kam das Blatt von Medienmogul Rupert Murdoch online auf 1,9 Millionen Besucher täglich. Im Sommer 2015 waren es nur noch 1,1 Millionen, während der «Mirror» auf 3,9 Millionen kam und die «Mail» sogar auf 13,4 Millionen. Selbst der «Express», in der Printauflage weit hinter der Konkurrenz, hatte online gegenüber der «Sun» mit einem Mal die Nase vorn.

Murdochs Kalkül, mit festen 8-Pfund-Abos auch auf dem Internetboulevard zu verdienen, erwies sich so als kommerzieller Irrtum. Statt ihrem Verleger die erwarteten Zusatzeinnahmen durch Abos und Werbung zu bringen, war die «Sun» wegen des abflau­enden Interesses zunehmend ausge­schlossen von der «nationalen Debatte» über Unterhaltungs- und Gesellschafts­themen im Netz. Auch litt ihr politischer Einfluss. Gerade das, glaubt der Londoner Medienprofessor Roy Greenslade, sei «unakzeptabel» geworden für «eine Zeitung im Massenmarkt, die sich immer darauf verlassen hat, dass der Umfang ihrer Leserschaft ihr auch politischen und sozialen Einfluss verschafft».

Ein neuer Chefredaktor

Beharrlich hatte «Sun»-Eigner Rupert Murdoch bis zum letzten Wochenende daran festgehalten, dass die Paywall ­«genau das Richtige» für die Zeitung sei. «Stattdessen», urteilte am Montag der Londoner «Independent», «hat sich das Experiment als teure Zeitverschwendung erwiesen.» Für Roy Greenslade ist 2015 zu einem «denkwürdigen» Jahr für die «Sun» geworden. Es begann mit dem Bruch mit der umstrittenen Tradition der «Seite-3-Girls» und endet nun mit dem Abbruch der Paywall.

Bekannt gegeben wurde die Kehrtwen­de von Rebekah Brooks, Generaldirektorin News-UK bei Murdoch. Einst war sie dessen Statthalterin in Grossbritannien, bevor sie im Zuge der Hacking­affäre beim Schwesterblatt «News of the World» 2011 ihren Job verlor. Seither wurde Brooks vor Gericht von aller Mitwisserschaft freigesprochen, und im September dieses Jahres kehrte sie nun auf ihren alten Posten an der Spitze der britischen Murdoch-Blätter zurück.

Abgezeichnet hatte sich das Ende der Paywall bereits mit der Berufung Tony Gallaghers zum neuen «Sun»-Chefredakteur ebenfalls im September. Dieser war zuvor verantwortlich für die Onlineaktivitäten der «Mail», der grossen Rivalin der «Sun». Der neue «Sun»-Chef hatte von Anfang an keinen Zweifel daran, dass nur ein erneuter Gratisauftritt im Boulevardbereich der «Sun» genügend Attraktivität verschaffen könne. Gallagher brachte auch einen Kollegen von der erfolgreichen «Mail» mit, nämlich deren Onlinechef für den Absatzbereich Amerika, Keith Poole. Der ist jetzt, als rechte Hand Gallaghers, Onlinedirektor der «Sun». Bis Ende des Jahres soll Poole auch die gesamte Webseite der «Sun» ummodeln und wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rücken. Poole, Gallagher und Brooks sind sich offenbar darin einig, dass die «Sun» in dieser ­Hinsicht viel an verlorenem Boden gut­zumachen hat.

Die Bezahlschranken für die «Times» und die «Sunday Times», die seriöseren britischen Titel von Rupert Murdoch, sollen hingegen fürs Erste bleiben. Ob sie sich bei sinkenden Werbeeinkünften für den Verlag aber tatsächlich lohnen, darüber existieren allerdings nur spär­liche Informationen.

Die grosse Ratlosigkeit

Befriedigende Ergebnisse generiert offenbar die Paywall der «Financial ­Times», das Finanzblatt der Londoner City, das sich inzwischen in japanischer Hand befindet und auf dessen Informationen die zahlreichen Finanzexperten der Stadt nicht verzichten können. ­Andere Blätter wie der konservative «Telegraph» führen eine flexible Paywall. Der linksliberale «Guardian» bleibt dagegen (noch) beim Gratisauftritt. Seine Webseite ist in den letzten Jahren, zusammen mit jener der rechtspopulistischen «Mail», zu einem der meistbenutzten englischsprachigen Onlineangebote der Welt geworden.

Die unterschiedlichen Modelle belegen die noch immer herrschende Ratlosigkeit der britischen Presse über den besten Weg in die Zukunft. Die Print­auflagen sind noch immer weitgehend im Niedergang, und auch die Werbeeinnahmen bei den gedruckten Zeitungen sind im vergangenen Jahr auf der Insel um 30 Prozent gesunken. Gleichzeitig sind auch Werbeeinnahmen im Online­sektor weit hinter den Erwartungen ­zurück geblieben – und viele Titel weiterhin auf das Printgeschäft angewiesen.

Erstellt: 03.11.2015, 18:17 Uhr

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