Interview

«Bin Laden gehörte weggestellt»

Der Basler Philosoph Hans Saner spricht über den Tod von Osama Bin Laden und sagt, dass es gefährlich sei, in den Kategorien Gut und Böse zu denken.

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Herr Saner, Osama Bin Laden ist tot. Wird die Welt nun gut?
Ich wüsste nicht, wodurch sie so schnell gut werden könnte. Sie kann sehr schnell böse werden, aber nicht gleich schnell gut. Und so glaube ich nicht daran, dass die Welt durch den Tod von Bin Laden gut wird.

Wir sahen in ihm das Böse, nun ist er tot.
Was heisst «wir»?

Unsere Gesellschaft.
Überwiegend, ja. Ich sage das immer mit einer Einschränkung. Wir sprechen nicht unisono.

Aus westlicher Sicht war er aber schon der Teufel.
Ja, natürlich. Aber das sind entweder religiöse oder moralische Urteile.

Wie definieren Sie denn das Böse?
Das Böse ist dann böse, wenn es vermeidbar wäre. Und bei Bin Laden handelt es sich um diese Art des Bösen.

Wie meinen Sie das konkret?
Wenn Sie sich daran erinnern, welche Schadenfreude er nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 zeigte – das ist böse. Wenn sich einer wie Bin Laden das Recht herausnimmt zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht, Entschuldigung: Dann gehört er weggestellt. Aber dieses Böse hielt Bin Laden für einen Teil des Guten, denn es vernichtete aus seiner Weltsicht Böses. Das zeigt: Wenn man in den Kategorien des Guten und des Bösen denkt und handelt, dann ist das gefährlich.

Weshalb reduziert die westliche Gesellschaft das Böse gerne auf einzelne Personen?
Letztlich wird das Böse von Individuen ausgeführt. Aber es gibt auch das kollektive Böse. Denken Sie an den Rassismus, denken Sie an vermeidbare soziale Armut. Alles, was Leiden bewirkt, aber vermeidbar wäre, halte ich für das konkrete Böse.

Personifizieren wir vielleicht deshalb das Böse, weil wir uns beruhigen wollen? Der griechische Mythos der Hydra, der man einen Kopf abschlägt, worauf zwei nachwachsen, hat gegenüber dem singulären Teufel den Nachteil, dass die Bedrohung steigt.
Es ist so: Indem man gegen das Böse handelt, macht man das Böse zugleich virulenter. Wie können wir gegen das Böse handeln, ohne selber gewalttätig zu werden? Die Bekämpfung des Bösen ist oft selber böse.

Ist es denn überhaupt legitim, gegen das Böse vorzugehen?
Der Philosoph Karl Jaspers sagte: Die Welt ist antinomisch strukturiert – für jeden Wert gibt es einen Gegenwert. Indem man einen Gegenwert, den man für böse hält, abschafft, kreiert man einen neuen, der nicht unbedingt gut sein muss. Nur wenn man eine Weltanschauung hat, bei der alles glatt aufgeht, meint man, dass mit der radikalen Abschaffung des Bösen das Gute kommt. Aber die Griechen hatten recht: Indem man das Böse abzuschaffen glaubt, vervielfältigt man oft die Hydra des Bösen.

Wäre dem Terror besser beizukommen, wenn man ihn nicht so personifizieren würde?
Wenn man, wie die USA, mit den Anschlägen vom 11. September 2001 konfrontiert ist, zu denen ein Verrückter wie Osama Bin Laden die Direktiven gegeben hat, dann verstehe ich, wenn man sagt: Es gibt nichts anderes, wir müssen ihn umbringen. Das ist aber kein Plädoyer für die Todesstrafe. Sie ist nicht notwendig, weil man sich in diesem Fall des Strafwürdigen schon bemächtigt hat. Und dann kann man ihn vor Gericht stellen.

Was folgt nun auf Osama Bin Laden?
Es wird sich schon einer melden. Es stehen bestimmt sehr viele an. Das verflixte ist ja, dass das Böse sehr oft aus dem Guten entsteht. Die Welt ist ja nicht so, dass da das Gute und dort das Böse steht. Das, was an der Welt nicht aufgeht, ist das Interessante, aber auch das furchtbar Gefährliche.

Sehen Sie die Gefahr, dass nun eine Terrorwelle auf uns zurollen könnte?
Ja, natürlich. Fast alle rechnen damit.

Ist es für al-Qaida vielleicht auch einfacher, weil sie jetzt anonymer ist und nicht mehr eine solche Zielscheibe wie Osama Bin Laden hat?
Es könnte auch sein, dass sie jetzt nicht mehr muss, dass sie nun aus dem Zwang entlassen ist – das wäre das Beste daran. Jetzt lernt man vielleicht wieder, miteinander zu reden.

Der Tod Bin Ladens als Chance?
Ja, es ist eine Chance, dass es Bin Laden nicht mehr gibt. Es wird das geschehen, was die Menschen daraus machen. Sie könnten einsehen, dass es ein Wahnsinn war, was bisher geschah. Es kann aber auch die andere Wende nehmen, indem die nun Beschuldigten sagen: Nein, die Art und Weise, wie wir jetzt gekränkt werden, ist unerträglich – jetzt noch eines drauf!

Also unsichere Zeiten.
Ja, aber die unsicheren Zeiten sind die, in denen man auch wieder eine gewisse Gestaltungsfreiheit hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2011, 16:05 Uhr

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«Die Bekämpfung des Bösen ist oft selber böse»: Der Basler Philosoph Hans Saner. (Bild: Keystone )

Hans Saner

Hans Saner kam 1934 in Grosshöchstetten zur Welt. Ab 1959 studierte er Philosophie, Psychologie und Germanistik in Lausanne und Basel. Von 1962 bis 1969 war er persönlicher Assistent von Karl Jaspers, dessen Nachlass er herausgab. Saner lebt heute als freischaffender Publizist in Basel. Zu seinen wichtigsten Werken gehört «Hoffnung und Gewalt. Zur Ferne des Friedens», «Identität und Widerstand» sowie «Anarchie der Stille».

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