Bombastische Possen

Wochenlange Staatstrauer, Hysterieanfälle und schliesslich das Mausoleum: Kommunistische Diktatoren-Bestattungen haben ihre ganz speziellen Eigenarten.

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Kommunistische Bestattungsplaner habens überhaupt nicht leicht. Denn sie müssen gleich mehrere höchst knifflige Probleme bewältigen, die das rein Organisatorische bei weitem übersteigen. Da wäre mal der von oben verordnete Atheismus: «Religion ist das Opium des Volkes», sagte bereits Marx, und so fallen sämtliche tradierten, ausgeklügelten religiösen Riten auf einen Schlag weg – ein schreckliches Vakuum, das irgendwie gefüllt werden will. Kommt hinzu, dass das Volk dem hingeschiedenen Diktator zumeist nicht wirklich wohlgesinnt war; folglich müssen Unmutsbekundungen unterdrückt und tiefe Trauer inszeniert werden. Und schliesslich soll das geköpfte Regime in der Öffentlichkeit möglichst geschlossen und harmonisch erscheinen, obschon hinter den Kulissen ja längst die Diadochenkämpfe toben. Kein Wunder also gerieten in den bisher 100 Jahren des real existierenden Kommunismus die Diktatorenbestattungen zu bombastischen Possen.

Einmonatige Staatstrauer

Die Grablegung des Machthabers ist ein Event, und als solcher bedarf er der Vorbereitung. Um dem Volk die Bedeutung der Bestattung einzuschärfen, rufen die Propagandisten die offizielle, meist überlange Staatstrauer aus: Bei Kim Jong-il dauert sie elf Tage, bei Mao (†9. September 1976) einen ganzen Monat. Die Schweigeminute ist ebenfalls ein taugliches Mittel, um die Bevölkerung als Kollektiv zu verpflichten.

Die eigentliche Bestattung beginnt mit dem Trauerzug, dessen Route exakt geplant wird; Lenins (†21. Januar 1924) Sarg beispielsweise wurde demonstrativ durch ganz Moskau getragen. Gesäumt wird der Weg von ausgewählten Vorzeigegenossinnen und -genossen, die dem Zuschauenden als «neue Menschen», die den Kommunismus verinnerlicht haben, erscheinen sollen. Emotionale Exzesse wie Weinkrämpfe oder Anfälle werden dabei nicht bloss erwartet, sondern gezielt instrumentalisiert; bei der Trauerfeier zu Stalins Tod (†5. März 1953) starben zahlreiche Sowjetbürger im hysterischen Gedränge.

Die Rolle des ordnungsstiftenden Zeremonienmeisters übernimmt während des Trauerzugs das Militär, der religiöse Prunk wird durch soldatischen Pomp ersetzt: Offiziere kommandieren, Soldaten marschieren, Kampfjets donnern über die Prozession hinweg. Und bereits setzt der posthume Kult ein, bei Mao etwa wurde auf einem Spezialwagen eine riesige Statue des «Grossen Vorsitzenden» mitgeführt. Typisch sind auch die überlebensgrossen Bilder der verstorbenen Diktatoren, wie sie auch heute beim Trauerzug von Kim Jong-il wieder zu sehen waren – ein weiterer unter Abertausenden Versuchen, den Untergebenen das Antlitz des Führers ins Gedächtnis einzubrennen.

Die Nachfolger präsentieren sich

Bei der Bestattung steht der Tote bereits nicht mehr alleine im Fokus. Denn die Anordnung der verbliebenen Parteigranden vor dem Sarg oder in den Trauerreihen lässt Rückschlüsse zu, wie die verwaiste Macht künftig verteilt werden soll. Ein besonders krasser Fall ereignete sich diesbezüglich an der Trauerfeier zu Lenins Tod. Lenins designierter Nachfolger Leo Trotzki fehlte an der Beisetzung – ein desaströses, weil für seine Anhänger höchst verwirrendes Signal.

Der Grund für das Malheur war simpel: Sein gerissener Antipode Stalin hatte Trotzki, der am Schwarzen Meer ein Fieber kurierte, ein falsches Datum angegeben. Und tatsächlich sollte Stalin, der von Lenin wenig geschätzt wurde und Trotzki intellektuell unterlegen war, in der Folge seine Machtposition kontinuierlich ausbauen und schliesslich die Alleinherrschaft übernehmen.

Die spärlichen, um das Grab versammelten internationalen Ehrengäste entlarven meist die politische Isolation des kommunistischen Führers. Eine Ausnahme machte da der jugoslawische Staatspräsident Josip Tito (†4. Mai 1980), an dessen Beisetzung auch Margaret Thatcher und Helmut Schmidt teilnahmen.

Letzte Station: Das Mausoleum

Die letzte Ruhe erhält der kommunistische Diktator gemeinhin im Mausoleum; er wird so gleichsam zur Reliquie seines Staats. Maos Leiche liegt im Pekinger Mausoleum, Tito wurde im Belgrader Haus der Blumen aufgebahrt, und auch Kim Jong-il soll in einem Mausoleum zu Kumsusan bestattet werden.

Das berühmteste Kommunisten-Mausoleum steht allerdings in Moskau, seit nunmehr 87 Jahren wird Wladimir Illitsch Lenins Körper von ausgesuchten Experten gehegt. Doch die Konservierung der Leiche wird natürlicherweise je länger, je prekärer, und so lancierte ein Duma-Abgeordneter dieses Jahr eine Initiative, die ein Begräbnis zum Ziel hat. Ein Entscheid der russischen Regierung steht bis dato noch aus.

Die Analogie drängt sich auf: Wie der Kommunismus selbst scheint auch sein Lieblingsrevolutionär das Verfallsdatum definitiv überschritten zu haben.

Erstellt: 28.12.2011, 13:35 Uhr

Video (Quelle: Youtube)

1924: Ausschnitt aus Lenins Trauerfeier.

Video (Quelle: Youtube)

1953: Ausschnitt aus Stalins Trauerfeier.

Video (Quelle: Youtube)

1976: Ausschnitt aus Maos Trauerfeier.

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