«Auffallend viele Unternehmer sind dafür»

Bedingungsloses Grundeinkommen für Zürcher? Ein Utopie-Experte zum geplanten Test.

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Kann das Grundeinkommen realisiert werden, national oder gar international?
Das ist ohne empirische Erfahrung schlecht zu sagen. Vielleicht. Aber es kommt darauf an, wie gründlich es getestet wird. Diesbezüglich passiert gerade einiges, zumal das finnische Experiment dürfte aufschlussreich sein. Wenn solche Experimente überzeugende, positive Resultate liefern, werden die Bürger sich stärker für eine Umsetzung engagieren. Und die Parteien, die heute ja allesamt noch skeptisch sind, werden es dann in ihre Programme aufnehmen, zuerst die linken, dann die übrigen Parteien. Der frühere deutsche Aussenminister Guido Westerwelle sprach einmal von «spätrömischer Dekadenz» – diesen Eindruck erweckt die Idee des Grundeinkommens noch immer bei den meisten. Deshalb braucht es nun Beweise, dass Menschen nicht zu Faulpelzen mutieren, wenn sie ein Grundeinkommen beziehen. Theorie hilft da nicht weiter.

Grundeinkommens-Philosoph Philip Kovce findet, Experimente wie jene in Zürich oder Finnland seien «Schnupperkurse» und brächten nichts. Weil man ein Grundeinkommen nicht testen könne, man nicht sagen könne, wann ein Test gelungen sei.
Man kann es einer Gesellschaft nicht verübeln, wenn sie zuerst ein paar Belege für die Wirksamkeit einer Utopie sehen will. Kovce hat einen holistischen Ansatz, was typisch ist für Utopisten. Die Forderung nach einer gesamtgesellschaftlichen Realisierung, ohne dass man vorher irgendeine Erkenntnis hinsichtlich der Umsetzbarkeit gewonnen hat – ja, das ist das eigentliche Hauptproblem utopischen Denkens. Denn es ist immer klüger, erst mal den Zehen ins kalte Wasser zu halten, bevor man reinspringt. Ich bin da ganz auf der Seite von Karl Popper, der dafür plädierte, dass das gesellschaftliche Experiment, aber auch dessen Korrektur stets denkbar bleiben muss. Deshalb war er ein klarer Gegner des Sozialismus in seiner sowjetischen Form, aber ein Freund von sozialen Reformen.

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Aber geht das wirklich: Eine grosse Utopie im Kleinen realisieren zu wollen?
Auch der Sozialismus hatte seine kleinen Experimente, nur sind die eben meist rasch gescheitert. Robert Owen war einer dieser gescheiterten Frühsozialisten, oder Etienne Cabet. Etwas länger hielten sich sozialistische Experimente, die auch religiös motiviert waren, etwa die Aurora Colony in Oregon oder verschiedene Shaker-Siedlungen in den USA. Sobald Religion mitschwingt, erweisen sich die Teilnehmer utopischer Experimente interessanterweise nämlich als robuster, leidensfähiger.

Befürworter des Grundeinkommens glauben, einen Weg jenseits des herkömmlichen Links-rechts-Schemas der Politik gefunden zu haben. Sehen Sie das auch so?
Ich glaube nicht, dass das hier greift. Konservative oder sozialistische Ideen sind eine ganze Weltanschauung, das Grundeinkommen eine sehr spezifische Idee, die weit enger gefasst ist. Ein Grundeinkommen sagt zum Beispiel nichts darüber aus, welche Verteidigungspolitik ein Staat betreiben sollte.

Gibt es einen typischen Menschenschlag, der sich zum Utopisten berufen fühlt?
Ein Grüppchen weltverbessernder Philosophen ist immer dabei. Das bedingungslose Grundeinkommen ist diesbezüglich jedoch speziell: Auffallend viele Unternehmer, die den Kapitalismus und seine Mechanismen in- und auswendig kennen, sind ebenfalls dafür. Das ist schon erstaunlich, bei den allermeisten Utopien ganz anders.

Bilder: Die Abstimmung zum bedingungslosen Grundeinkommen

Wann gehen Menschen für eine Utopie auf die Strasse? Können Sie sich ein solches Szenario beim Grundeinkommen vorstellen?
Der Soziologe Karl Mannheim stellte fest, dass Utopien immer dann Konjunktur haben, wenn die Menschen sich mit grossen Problemen konfrontiert sehen und gleichzeitig ein Gefühl der Machtlosigkeit erfahren. Beim Grundeinkommen kann ich mir derzeit nicht vorstellen, dass die Leute wegen ihm in Europa auf die Strasse gehen. Im Kuba vor Castro oder in Venezuela zum Beispiel wurde der Leidensdruck so gross, dass ein Grossteil der Bevölkerung keinen anderen Ausweg mehr sah, als mit der Utopie des Sozialismus Ernst zu machen.

Einige dachten, mit dem Ende des Sowjetsozialismus sei ein postutopisches Zeitalter angebrochen. Ist das Grundeinkommen der Gegenbeweis?
Kaum. Das Grundeinkommen geht deutlich weniger weit als die klassischen Utopien des Sozialismus oder religiös inspirierter Gruppen oder auch der Lebensreform-Ideen zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Es ist nur eine sehr beschränkte Utopie, man könnte es auch als eine Reform bezeichnen, wenn auch als eine besonders weitreichende Reform. Schliesslich will es – im Gegensatz zum Sozialismus – das wirtschaftliche Anreizsystem oder den Wettbewerb der Parteien keineswegs abschaffen. Das Grundeinkommen ist mit dem Kapitalismus vereinbar, im Gegensatz zum Marxismus.

«Wir leben in einer Zeit, in der wieder vermehrt nach Utopien gefragt wird.»Michael Dreyer, Utopie-Experte

Welche anderen Utopien sind derzeit virulent?
Wegen der Finanzkrise leben wir in einer Zeit, in der wieder vermehrt nach Utopien gefragt wird. Es gibt die Klassiker wie den Pazifismus oder Lebensreformer oder eben religiöse Utopisten. Zudem gab es in den letzten 30 Jahren einige kräftige neue Utopie-Entwürfe. So etwa die grüne Utopie «Ecotopia» eines Ernest Callenbach, oder die feministische Utopie einer Gerd Brantenberg, die «Töchter Egalias».

Europas Gesellschaften sind heute stärker denn je individualistisch geprägt. Brauchen Utopien nicht ein starkes, tragendes Kollektiv, damit sie Realität werden können?
Diese Feststellung trifft zu, sie ist auch empirisch gestützt. Andererseits muss diese Vereinzelung ja nicht zwingend dem Wunsch der Menschen entsprechen. Man sollte die urmenschliche Sehnsucht nach Gemeinschaft und Geborgenheit in einem Kollektiv nicht unterschätzen. Utopien sind gerade auch wegen ebendieser Sehnsucht attraktiv. Und schon Oscar Wilde sagte, dass eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht umfasste, keines Blickes wert sei. Denn Utopia sei das einzige Land, in dem die Menschheit immer wieder landet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2017, 16:26 Uhr

Michael Dreyer (*1959) ist Professor für Politologie an der Universität Jena und Utopieforscher. (Bild: zVg)

Das Zürcher Experiment

Der Gemeinderat der Stadt Zürich hat mit 61 zu 59 Stimmen einem SP-Postulat zugestimmt, das einen Pilotversuch für das bedingungslose Grundeinkommen in Zürich verlangt. Die Stadt soll «testen – soweit es der übergeordnete gesetzliche Rahmen zulässt –, welche Auswirkungen das bedingungslose Grundeinkommen auf die teilnehmende Bevölkerung, aber auch auf die Sozialsysteme hat». Die Initiative zur Einführung eines nationalen Grundeinkommens wurde 2016 schweizweit deutlich abgelehnt, in den Zürcher Stadtkreisen 4 und 5 jedoch angenommen. Der Stadtrat hat nun zwei Jahre Zeit, um das Postulat der SP zu prüfen und einen Entscheid zu fällen. (Red)

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