Brüste anfassen ja, Duzen nein

Ein Treffen mit der Kabarettistin Lisa Eckhart, die sich der radikalen Distanz verschrieben hat.

Safespaces sind eher nicht ihre Sache: Lisa Eckhart.

Safespaces sind eher nicht ihre Sache: Lisa Eckhart. Bild: Franziska Schroedinger

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Die Grenze ist schnell überschritten. Lisa Eckhart hat noch nicht wieder richtig am Tisch Platz genommen, vielleicht vier Meter von der Tür entfernt, an der sie eben noch empfangen hat, da ist es schon passiert. Man befindet sich in der Wohnung, die das Lustspielhaus, eine der guten Kabarett-Adressen in München, seinen Künstlern stellt. Es gibt eine Wohnküche mit Holzbank und Tisch und auch ansonsten Möbel, die um die Jahrtausendwende herum wohl als zweckdienlich galten. Und man darf rauchen. Es hängt also viel Nebel in der Luft und ein Hauch von Studenten-WG, und der Reporter war in diese Szenerie hineingetölpelt mit der Frage an die Kabarettistin, ob man sich denn duze – was ja eher keine Frage ist, sondern bei zehn Jahren Altersunterschied eine milde Nötigung. Wie soll man darauf schon antworten?

Das heisst, vom Grossschauspieler Christoph Waltz ist eine Szene von den Vorbereitungen zu einem TV-Interview überliefert, die einen Ausweg aufzeigen würde:

Reporterin: «Ich schlag vor, dass wir uns einfach mal duzen.»

Waltz: «Ich schlag vor, dass wir das einfach mal lassen.»

Aber nachdem Lisa Eckhart zwar viel ist, aber noch nicht Christoph Waltz, sitzt sie jetzt während des Gesprächs auf der Bank am Küchentisch und zieht eine zeitlang ein Bein immer mal wieder nah an den Körper, als wollte sie ihre Organe vor Reptilienangriffen schützen. Grenzen, wird sie später sagen – man hat sich bis dahin für das «Sie» entschieden – seien ihr wichtig.

Das mag im ersten Moment überraschen, weil die 27-Jährige auf der Bühne wenig mit derart minutiöser Verachtung überzieht, wie die allzu individuellen Befindlichkeiten der Menschen. Die findet sie zum Beispiel in einem hyperfragmentierten Feminismus, oder bei den hysterischeren Varianten der Identitätspolitik. Quotenregelungen seien die «Schindler-Liste des Sexismus», sagt sie an einer Stelle in ihrem Programm. «Es kann nicht jeder auf seinen Safespace beharren. Den kann er haben, und zwar zu Hause. Da kann man kurz weinen. Da draussen garantiert dir niemand, nicht gekränkt zu werden», sagt sie im Laufe des Gesprächs in der Künstlerwohnung. Es klingt nicht sehr ironisch.

Maximal drei Züge, aber genussvoll

Eckhart raucht viel, während sie so spricht – selbstgedrehte, Slim-Filter und diese dünnen Papers, bei denen die Zigaretten im Aschenbecher ausgehen, statt zu verglimmen. Ein Besteck, das ein bemerkenswertes Nikotin-Ritual ermöglicht: anzünden, zwei, maximal drei Züge (sehr genussvolle Züge), dann weglegen, ausgehen lassen und nach ein paar Minuten von vorne. Eine ihrer Diagnosen lautet, dass Mässigung sehr viel schwerer sei als absoluter Verzicht – beim Fleisch, beim Reisen, eigentlich bei allem. Womöglich ist das Ritual ihre Art, den schweren Weg zu gehen. Gut gekleidet aber immerhin. Sie trägt etwas, das man mit engem Mode-Horizont vielleicht als modernen Gehrock bezeichnen würde: schwarz, grosse, goldene Knöpfe und auf den ersten Blick ein Sakko, aber hinten so lang, dass man es keck über den Hocker werfen könnte, setzte man sich damit, zum Beispiel, an ein Cembalo.

Unter dem Gehrock schaut ein schwarzer Sweater heraus, mit einem grossen Bild von William B. Davis, dem «Cigarette Smoking Man» aus der Fernsehserie Akte-X, der von Eckharts Front herunter nun also auch noch die fiktive Zigarettenmarke «Morley» bewirbt. In der deutschen Übersetzung von Akte-X nennen sie den Cigarette Smoking Man meistens «den Krebskandidat» – das nur, um zu zeigen, wie unterschiedlich man die Dinge wahrnehmen und beschreiben kann. Das gilt fürs Rauchen, das gilt für die Welt. Kein Wunder, dass die Talentierteren sich da in die Kunst flüchten.

Oder Grenzen suchen. Es brauche nämlich überhaupt wieder mehr Distanz in der Welt, sagt Eckhart im Gespräch auch noch, und meint damit alle Bereiche, die sie als Kabarettistin interessieren: das Private, die Kunst, das Politische - und all die Momente, in denen diese Welten sich ungut vermischen. Politiker wie Privatpersonen würden sich im Social Web schliesslich «auf ungustiöse Art» (sie sagt das wirklich so) selbst inszenieren. Politiker posten Bilder von ihren Kindern und Hunden. Privatpersonen Fotos ihrer Wahlscheine. Für Lisa Eckharts Gefühl vermischen sich da Instanzen, die scharf getrennt gehören.

Ihre Antwort: eine Form von Kunst, die radikal Distanz schafft - und das gehört ja zum Ungewöhnlichsten, was man über eine Kabarettistin im deutschsprachigen Raum derzeit sagen kann.

Keine Superlativen bitte, aber...

Wo andere Kabarettisten sich also mit allem herankumpeln, was eben so menschenmöglich ist, mit der Kleidung zum Beispiel, dem Ton oder den Inhalten, vor allem mit den Inhalten, die, egal was sie sagen, doch immer auch sagen: Keine Sorge, wir sind alle auf derselben, der richtigen Seite, da sagt Eckhart bei ihren Auftritten, dass der jüngste Hype um den Serienkiller Ted Bundy die logische Konsequenz aus der metoo-Bewegung sei: «Nur Psychopathen trauen sich bei Frauen noch, den ersten Schritt zu machen.»

Man sollte mit Superlativen wieder etwas sorgsamer umgehen. Es wäre also zum Beispiel dringend zu vermeiden, Lisa Eckhart als die derzeit interessanteste Persönlichkeit ihres Faches zu bezeichnen, oder die geistig agilste Feindin alles Wohlfeilen, aller Automatismen, die die Menschen zwischen Veganismus, Klimapathos und Gleichstellungseifer gerade so ausstellen – auch wenn sie es vermutlich ist. Was ihr als Alleinstellungsmerkmal in der Szene allerdings niemand ernsthaft absprechen wird, ist der riesige Aufwand, mit dem sie Abstand zwischen sich und die Menschen bringt, zu denen sie spricht. Auch Künstler und Fans gehören in Eckharts Welt getrennt.

Und man muss das wohl etwas erklären. Eckhart ist nämlich beileibe keine Provokateurin aus Prinzip. Man kann sie, ohne dafür viel Widerspruch zu ernten, als Feministin bezeichnen. Sie selbst will ausserdem einen «konservativen Kommunismus» vertreten. Sie hat dabei aber einen vielleicht etwas rüstigeren Zugang zu den Themen als andere in ihrem Metier. In Ihren Worten: «Wir wissen um all die echten, furchtbaren Grausamkeiten, die es in der Welt gibt, und haben trotzdem die Unverschämtheit zu sagen: Mich verstört 'Fuchs, du hast die Gans gestohlen' als Glockenspiel, weil ich Veganer bin. Hat das noch irgendeine Relation von dem, was Menschen erdulden müssen?»

Ausserdem sind bei ihr Bühnenfigur und Privatperson wohl tatsächlich relativ deckungsgleich. Gut, sie heisst privat etwas anders – andererseits darf man bezweifeln, dass sie das oft ist: privat. Deshalb formuliert sie den Vorgang auch so: «Seit ich die Möglichkeit der Bühne habe, kann ich es mir leisten, privat nicht ich selbst zu sein.» Sie könne jetzt sozial kooperieren in einer Form, die das Leben erleichtere: «Es muss zum Beispiel kein gebundener Reim mehr sein, in dem ich die Kassiererin ums Wechselgeld bitte.»

Darstellung einer Autorität

«Die Vorteile des Lasters» heisst das aktuelle Programm, in dem Eckhart, aufgehängt an den sieben Todsünden, unter anderem durchdekliniert, wo die Menschen vermeintlich moralisches Handeln rationalem Denken vorziehen. Wo sie zu (womöglich richtigen) Ergebnissen kommen, aber den Rechenweg dorthin nicht offenlegen – was in der Mathematik und in Eckharts Welt das Ergebnis entwertet. Für die Bühne tauscht sie den Gehrock gegen ein opulent gemustertes, bodenlanges Kleid, dessen skalpell-scharfer seitlicher Schlitz oben ungefähr beim ersten Rippenbogen endet. Ein fast schon prätentiös weisses Bein ragt also immer wieder aus dem Aufzug heraus, und zwar in einer durchgängigen Hautlinie, weshalb man in den ersten Reihen die gebannte Frage, ob sie überhaupt Unterwäsche trägt, förmlich riechen kann.

Und natürlich ist auch das eigentlich eine endlich gezogene Grenze: Frauen über ihre Kleidung beschreiben. Aber Eckhart selbst sagt, ihr Bühnen-Outfit sei etwas, das nicht nur ihr Halt gebe, sondern auch dem Publikum. «Ich bin es den Leuten schuldig, eine Autorität darzustellen, weil ich sowohl den Genuss der Macht kenne, die ich über sie ausübe, als auch den Genuss, mit der Masse zu verschmelzen.» Beides wolle sie niemandem nehmen. Überhaupt solle man Künstler nicht ständig auf ein «nichtiges, sterbliches Niveau herunterholen wollen».

Eckhart über «Germany's Next Topmodel». (BR Kabarett & Comedy/Youtube)

Zentraler Satz ihres Programms: «Es war nicht alles schlecht unter Gott.»

Auch auf dem Weg mit dem Zug von München nach Wien, wo Eckhart am Abend spielt, am Abend der österreichischen Nationalratswahl, um genau zu sein, was aber relativ egal ist, weil sie Tagespolitik nur mässig interessiert («Ich lasse die Geschichte für mich filtern.») und sie den Anlass nur sehr flüchtig streifen wird, sind die Grenzen schnell überschritten. Bei Salzburg ins Land, dann weiter nach Linz, St.Pölten und Wien – macht vier Bundesländer in drei Stunden. In der weitesten Ausdehnung, die Österreich noch hat. Das Land, das mal ziemlich gross war, ist klein geworden. Das schmerzt ja immer noch einige, und es gibt die Theorie, dass viele Künstler in Österreich auch deshalb so gut sind, weil sich die Enge sehr direkt auf die Geltungssucht auswirkt.

Natürlich spiele sie eine Rolle, sagt etwa Fred Schreiber, bekannt vor allem als «Stimme aus dem Off» bei der sehr legendären, weil sehr geltungssüchtigen «Sendung ohne Namen», die er zusammen mit David Schalko entwickelt hatte, und die ein paar Jahre lang dem ORF den Anschein des Subversiven gab. Man wollte von Schreiber damals, vor ein paar Jahren, eigentlich wissen, warum im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so irre viel relevante Popmusik aus Österreich kommt, und er meinte, man solle doch nur mal schauen, wo im Land man auftreten könne: «Nach acht, neun Stationen ist die Tour vorbei.» Danach könne man im kommenden Jahr von vorne anfangen – oder man strebe eben eine künstlerische Grösse an, die einen da raus bringt. Das gilt für die Künstler. Und wahrscheinlich auch für die Politik.

Nach seiner Abwahl war zum Beispiel Sebastian Kurz, der in dieser Zeit ja kein Amt hatte, bei An­ge­la Mer­kel in Ber­lin und bei Ursula von der Leyen in Brüssel. Ausserdem besuchte er Premier Benjamin Netanyahu in Jerusalem – und im Silicon Valley die Chefs von Apple, Netflix und Uber. Im eigenen Land ist die Tour auch für die Politik schnell vorbei.

Wien verändert sich deswegen nicht

Und wenn ihr das Streben nach Grösse nicht gänzlich verunglückt, hat auch sie damit Erfolg. Der neue Kanzler heisst jedenfalls wie der alte: Kurz, und zumindest in Wien herrscht deshalb am Wahlabend keinerlei Aufregung. Die Sonne steht herbsttief und die ganzen Sehenswürdigkeiten damit alle im perfekten Instragram-Gegenlicht. In den Kaffeehäusern und Parks führen die Menschen die entspannteste Version des Lebens hier auf – ein bisschen prätentiös also und ein bisschen verlottert. Und was hat man auch erwartet? Eine Stadt wie Wien verändert doch ihren Charakter nicht, nur weil einer wie der Kurz wieder Kanzler wird. Nur an einem Seiteneingang des Schloss Belvedere verbreitet ein Schild auf Deutsch und Englisch etwas Unruhe: «Achtung!», steht da. «Wegen Sturm im gesamten Parkbereich Lebensgefahr!»

Gäbe es jetzt ein bisschen ein Wetter, wie sie hier sagen würden, man könnte direkt in Panik verfallen. Aber es gibt ja kein Wetter. Nicht einmal die dünnsten Zweige bewegen sich.

Auch Eckhart sitzt ungerührt in der Garderobe der Kulisse in Wien, zwei Stunden vorm Auftritt. Das Ergebnis sei ja zu erwarten gewesen. Warum Österreich, mit Ausnahme der paar Kreisky-Jahre so konsequent rechtskonservativ wähle? «Wir haben vermutlich nicht das Gefühl, dass andere von uns erwarten, in irgendeiner Art richtig zu wählen.»

Ein kleiner Satz. Aber einer, der viel enthält von dem, was diese Künstlerin ausmacht: Lisa Eckhart gesteht den Menschen fast alle Taten zu – nur nicht die, die aus Automatismen heraus passieren. Vom Publikum verabschiedet sie sich denn auch so: «Wenn Sie mich nach der Show zufällig sehen und ein bisschen aufdringlich werden wollen, bitte: Fassen Sie mir an die Brüste – aber duzen Sie mich nicht.»

Erstellt: 18.10.2019, 11:06 Uhr

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